Wie es hineinsplittert #2


Ich habe ein Gerechtigkeitsproblem. Immer, wenn ich eine Ungerechtigkeit sehe, rege ich mich auf. Ich glaube, ich muss mich mal untersuchen lassen.


Lange Zeit habe ich Goethe gehasst. Weil er mir die Lust an der Literatur versaut hatte. Das war noch in der Schulzeit, als unser Deutschlehrer uns mit dem Faust folterte und die eben erwähnte Unlust in mich pflanzte. Jetzt habe ich gelesen, dass Goethe am Tag zwei bis drei Flaschen Wein ausgesoffen hat. So ein schlechter Kerl war der Goethe ja gar nicht.


Wie stelle ich das Fremdschämen ab? Andauernd schäme ich mich für das blamable Verhalten, das sich einige Zeitgenossen als zweite Haut über ihre gesäßaffine Visage gezogen haben, aus der permanent ranziges Gestankvokabular sickert.

Puh, das tat gut.

Wenn ich von blamablen Verhalten spreche, meine ich nicht tatsächliche peinliche Handlungen (in einer Pause des Streichquartetts pupst einer; jemand stolziert mit offenem Hosenstall durchs Revier; so was). Nein, ich meine Betrugs- oder Manipulationsabsichten, getarnt hinter wohlfeilen Redefloskeln.

Die Wertpapierberater. Die Autoverkäufer. Die Gesundheitsprediger. Falsche Freunde.

Sie tischen Lügen auf, die ich schon bei Nennung des ersten Buchstabens durchschaue, ja und was dann? Dann schäme ich mich. Für die. Und für mich. Weil mir die Situation peinlich ist. Nicht ihnen. Die kennen das Wort Peinlichkeit nicht. Sie machen munter weiter – und ich schäme mich. Mag denen gar nicht in die Augen schauen, weil die vielleicht an meinem Blick merken, olala, der Kerl ist mir auf die Schliche gekommen, der Schlaumeier, der meint wohl, er könne hier den Meister abgeben … aber es ist ja viel schlimmer: Die merken es selbst dann nicht, wenn ich ihnen mit einem Ich-hab-dich-ertappt-Blick in die Augen schaue. Nix merken die. Im Gegenteil. Meinen Augenabschlag deuten sie als Erfolg ihres Betrugsversuchs. Den habe ich jetzt eingewickelt, denken die und werden dreister. Und ich immer beschämter.

Das schlimmste Pack sind die Starrgucker. Die mir unverwandt in die Pupillen stieren, als ob sie Löcher in mein Gehirn brennen wollten. Das sind die Schlimmsten. Sagte ich bereits. Wenn ich endlich ihr Geglotze nicht mehr aushalten kann und betreten zu Boden schaue, triumphieren sie. Sie glauben, sie hätten mich zermetzelt, dabei weiß ich vor lauter Scham nicht, wohin gucken. Weil mir – aber nicht ihnen – klar ist: Dieses Stieren bedeutet pures Machtgehabe, auf niedrigstem Niveau, solche Spielchen.

Komm mir nicht mit den Küchen- und Klopsychologen, die aus dem ausweichenden Blick folgern: Hier haben wir es mit einem falschen Aas zu tun. Der kann einem ja nicht einmal in die Augen gucken. Hat wohl ein schlechtes Gewissen.

Was in die graue Schrumpelzelle der Durchblicker nicht hineinpasst: Dass sie sich vielleicht vor einem sensiblen Menschen so blöde aufplustern. Dem das herablassende pseudofreudsche Trampeln im Kramladen der Klischees und Phrasen peinlich ist.

Wie also stelle ich das Fremdschämen ab? Tja, da versagt das Internet und steht still und schweiget. Halt, nee, ein paar Tipps habe ich doch noch gefunden. Man könne z. B. flüchten. Aber das ginge ja nicht in jeder Situation. Dann sollte man versuchen, darüber zu lachen.

Meine Scham soll ich mir weglachen?

Zum Lachen ist das.


 

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