Hygge

Im Gegensatz zu den Dänen, die es sich laut Neid- und Eifersuchtsliteratur immer schön hyggelig einrichten, geht es bei den Deutschen eher hibbelig zu. Das behaupte ich. Nicht weil sich hyggelig auf hibbelig reimt, so wie Udo ‚Nuschel‘ Lindenberg „Alles klar“ auf „Andrea Doria“ vollblöd daherreimte; da fallen mir sogleich auch ein Haufen Schrottreime ein: „Gäste-Kalk schneit auf den Westerwald“ oder „In der Bürzelhose tanzt die Gürtelrose“ – ein Reimschrecknis ohne Ende, aber zurück: Mit der Hyggeligkeit eng verbunden geht die prämierte & beurkundete Glückseligkeit der Dänen einher und damit auch die der dänischen Kinder.

Warum sind die Dänenkinder die glücklichsten auf der Erde? Weil sie in Hygge eingetopft sind wie Diamanten in fein ziselierte Goldfassungen. Nicht eingefasst im Sinne von eingeschnürt oder eingeengt, ja was glaubst du. Die Dänen, so las ich, bieten ihren Kindern nicht nur Geborgenheit & Verlässlichkeit, mithin Hygge, sondern auch sehr viel freie Zeit. Nachmittags dürfen die Kinder tun und lassen, was sie wollen, bis zum Abend, und die Eltern wissen oft nicht, was ihre Gören so anstellen, und das hat mit Vertrauen und Gelassenheit zu tun, mit Hygge im weiteren Sinn.

Derart neidisch angespitzt wollen auch die Deutschen mal so richtig hygge abfackeln, also ich meine ableben, nein, nicht im Sinne von dahingehen sondern so: der/die/das Hygge ausleben. Zu diesem Behuf kaufen sie haufenweis Hygge-Ratgeber, lesen sich die Augen schartig und einen Wolf an das Gesäß und kutschieren allen Fingerzeigen zum Trotz wie gehabt täglich ihre Kinder mit dem SUV (Klischee, was solls) in die Ganztagsschule und danach zum Tennisclub und weiter zur Musikschule, sofern der Nachhilfeunterricht das zeitlich noch erlaubt, ein Vollbeschäftigungspensum, damit die (ihre Kinder) nicht unbeaufsichtigt Scheiße bauen können, denn das trauen deutsche Eltern ihren Kindern als erstes zu, und überhaupt wollen diese als Erziehungsberechtigte behördlicherweise verhohnepipelten (es sind die viel zitierten Helikoptereltern) beide ganztags arbeiten wegen der Kohle und Absicherung (!) ihres Lebensstandards. Da muss von morgens bis abends jede Minute geregelt,verplant und beaufsichtigt sein und jede Tätigkeit (Schule, Arbeit, Freizeit) effizient gestaltet.

Zwischenfazit: Dänische Eltern denken an ihre Kinder, achten deren Bedürfnisse und fördern ihr Menschsein, deutsche Eltern denken an sich selbst und an die Effizienz durchrationalisierter ›Erziehung‹, die den Weg zu Wohlstand, Karriere & hohem Sozialstatus pflastern soll.

Wie soll da Hygge gehen? Wo jeder Deutsche sein eigener Polizist ist und/aber in German Angst vergeht, Angst zum Beispiel, dass sich die Kinder auf dem Spielplatz (Hort des Verplemperns wichtiger Lebenszeit) das Genick brechen könnten (ist Leonie überhaupt angeschnallt auf der Wippe?) oder sich einen irreparablen Keim einfangen, abgesehen davon, dass der Aufenthalt des Nachwuchses per Handy-App permanent geortet werden muss, denn Kira oder Paul könnten ja zum Kiosk laufen oder zu den Flüchtlingskindern im Migrantenviertel oder was weiß ich wohin noch, Angst, Angst, Angst.

Dorten im Dänenland großherziges Vertrauen zu den Kindern und viel Freiheit, hie im Germanland Misstrauen, Furcht, Überwachung, Vereinnahmung, Kleinmut, Zwang. Ein Nährboden, auf dem Hyyge (Geborgenheit) nie wird sprießen können.

Vermutlich (ziemlich sicher) ein Mentalitätsproblem. Hierzulande pupsen ja auch die Radler ungnädig in die fesche Radlerbüx, wenn ihnen kein Radweg zur Verfügung steht. Weil sie kein Vertrauen haben. Weil sie – zu Recht? – befürchten, dass sie auf der Straße von aggressiven Autofahrern abgedrängt werden. Weil sich ihnen die Nackenhaare sträuben bei dem Gedanken, dass der deutsche Automobilist, der hinter ihnen hupt & blinkt, teutonisch ausrastet und den Radler vor Wut über den Haufen fährt. So abwegig mag allerdings die Einschätzung der Mentalität des eigenen Volkes nicht sein.

Können wir Hygge? Und im gleichen Atemzug: Können wir unsere Kinder glücklicher machen? Höchstens mit brutaler Kraftanstrengung, ordentlich, regelkonform, ehrgeizig, zielführend, schweißtreibend.

Deutsch eben.

 

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