Geistesblitzen vor Weihnacht

Der menschliche Geist mit all seinen mäandernden Auslegern, logischen Entgleisungen, Verknotungen und in Hammelsprüngen forthüpfenden Ideen kann als Meisterwerk des großen Schöpfers nicht hoch genug bewundert und gelobt werden, eine Aussage, die Atheisten auf die Palme zu jagen imstande ist, nunmehr zur Weihnachtszeit aber, die der Geburt des ebenda erwähnten Großschöpfers ihren Grund & Gruß erweist (und nicht, wie fälschlich behauptet wird, dem Geschenkpopanz ihre Goldene-Kalb-Anbetung entbietet), sich hervorhebt aus der Masse des dumpfen Treibens im Konsum und eher unauffällig in den Winkeln und Ecken seine blühendste Fantasie entfaltet.

Das Beispiel einer profunden Verstandesleistung wurde mir am Nikolaustag in den Briefkasten gesteckt. Ich kam nach Haus, sah einen Zettel und siegte. Ach Quatsch, es muss heißen: und las ihn mit Staunen. Der Zettel entpuppte sich als das Formular eines Paketdienstes mit der Mitteilung:

Liebe(r) Frau/Herr Tür, wir wurden beauftragt, 1 Sendung(en) zuzustellen. Datum 6.12. Unterschrift Bote: unleserlich.

Mit »Herr Tür« hatte mich bisher noch niemand angesprochen. Hatte der Nikolaus sich in der Hausnummer geirrt, schon dement, tüddelig? Bei dem hohen Alter nicht abwegig. Dass er aber bei einem Paketdienst seine Rente aufstockt liegt nahe.

Die Auflösung der rätselhaften Karte bestätigt meine Eingangsthese vom menschlichen Verstand als Spiegelung des Schöpfersgeistes da oben im ewigen Brimborium: Der Bote hatte mir mit seiner Karte mitgeteilt, dass er ein Paket vor meine Haustür gelegt hat. Ich Dummerjan! »Lieber Herr Tür«, diese kürzeste aller Kürzestformeln bedient sich eines genialen Gedankensprunges, Zick & Zack, von A bis Z im Sauseschritt, der allerdings eine rasiermesserscharfe Kombinationspotenz voraussetzt (die der Bote mir nicht grundlos zugeschrieben hatte). Wie enervierend und zeitraubend wäre das übliche Gekrickel auf den Formularen, ein Lesemarathon, man mag gar nicht hingucken:

»Lieber Herr Hajo Rockt, hiermit teile ich Ihnen mit, dass ich eine Sendung für Sie zustellen musste. Sie waren nicht zu Hause (wohl aber ihr bellender Hund), aber ich bin nicht nachtragend. Ich habe das Paket vor die Tür gelegt und benachrichtige Sie davon, indem ich diese Karte ausfülle und in den Briefkasten werfe, damit Sie vorgewarnt sind und durch das tickende Paket nicht von Verwirrung und abseitigen Fluchtgedanken affiziert werden. Ich hoffe, Ihnen gefällt meine Handschrift und verbleibe mit kongenialem Gruß, Ihr Paketdienstbote Mehmet Demir.    PS: Als kleine Aufmerksamkeit habe ich meinen Lyrikband ›Hörst du denWaldkauz röcheln?‹ hinzugefügt, eine 1000seitige Sammlung berückender Naturgedichte über den Anbau von Zuckerwatte. Wenn Sie als Dankeschön einen 100-Euro-Schein unter die Fußmatte stecken könnten (neben dem Hausschlüssel), würden Sie mich zum glücklichsten Nikolaus der Welt machen. Ich küsse Sie!«

So eine Benachrichtigung wünscht sich niemand. Da bevorzuge ich »Liebe(r) Frau/Herr Tür«. Knapp. Genial. Auf das Wesentliche eingedampft.

 

 

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