Verpasste Lebensläufe (1)

Es kam wie es kam, und es kam, wie ich es mir nicht gewünscht hätte.

DAS ZIMMER

Dass es so und nicht anders kam, liegt an meinen Eltern.

Denn sie konnten mir keine Garage bieten.

Der Vorwurf klingt befremdlich.

Doch Hand aufs Herz: Gilt eine verfügbare Garage nicht a priori als das A und O einer auf Erfolg programmierten Kindheit? Meine Eltern aber konnten sich keine Garage leisten, damals, als sie Brosamen pickten auf der Erden Kruste, bildlich gesprochen. Auf Ansinnen einer Behörde hausten sie in einem einzigen ZIMMER, zusammengepfercht mit den zwei Kindern, Opa Karl, Tante Almut sowie einer Frau namens Elfriede (mir fällt nicht ein, in welchem Verwandtschaftsverhältnis sie zu unserer Familie stand, vielleicht war sie nur so da, eine Externe, derer wir noch nicht überdrüssig wurden, weil sie zur Nahrungsbeschaffung beitrug, indem sie sich angeblich als ›Palastdame‹ in den Adelshäusern verdingte fernab der proletierenden schwitzenden Malocher auf den Rübenfeldern und Kartoffelackern. Genau wusste in dem ZIMMER niemand, womit die Nichtangehörige sich das Tafelgeld zusammenschnurrte, denn als Palastdame, als die sie hochnäsig posierte, die eitle Kuh, die glubschäugige und mit Dünkel angeschickerte, ging sie weder beim Dorfschullehrer Hassenkötter durch noch beim Pastor Egidius, der lachte nur trocken in seine Soutane, rasselnd, mit versteinerten Kuttelresten hinten im Kropf, der alte Ganove, quasi Vorbote des Todes, ein Nichtwiedergänger, Klammer zu.

Sieben Personen also staken in dem ZIMMER fest. In jeder der vier Ecken des ZIMMERS wühlten sich zwei Personen durchs Tagesgeschäft, bis auf die eine Ecke, die ihr vakantes Besiedlungsareal hinter den Fetzen eines durchlöcherten Lakens verbarg, so dass zugewiesene Wohnungssuchende lange im ZIMMER herumirrten, bis sie schließlich vor der Tür ihr Lager aufschlugen.

In der nach Süden ausgerichteten Wohnecke, die den Namen Bahía del Sol trug, hatte sich die Palastdame eingerichtet zusammen mit Tante Almut als Untermieterin. Dieses Bahía del Sol, das ständig Anlass zu Kriegserklärungen, Sturmangriffen, Belagerungen und nächtlichen Überfällen bot, hatte Zugang zum einzigen Fenster des ZIMMERS. Trotz ihres erblindeten Glases erlaubte das Fenster einen sentimentalen Panoramablick auf den Misthaufen von Bauer Lüders, der wöchentlich Jauche auffuhr, die zum Erbrechen stank und derart dampfte, dass davon das Fenster nässend beschlug mit der Folge, dass an der Scheibe das ätzende Konzentrat der Jauchedünste hinabsudelte, sich in den Fensterkitt fraß, der sich mählich auflöste. Mit Nägeln und Kartoffelkleister mussten wir die Scheibe von außen befestigen. Das Fenster konnte nun nicht mehr geöffnet werden, höchstens durch Zertrümmern des Milchglases, um die trüben Lichtpartikel einzulassen, na, da hätte aber der Zwangsvermieter seinen Donnerkeil herabsausen lassen und dem Gemeindevorsteher eine Predigt gehalten, bei deren Anhörung der Pastor Egidius ohne Verzug in die ewigen Jagdgründe eingefahren wäre, beschämt vor soviel alttestamentarischer Eloquenz und Baptisterei, rasselnd, mit trockenem Gemecker, einer Himmelsziege zu Angebet und Ehrfurcht, Amen.

Opa Karl, der alte Krauter, hatte sich in der Nordecke, im sogenannten Iglu, ein Schützenloch gegraben. Auf einem Klapphocker kauernd speichelte und krakeelte er die Vorüberhastenden an (die Wohnungssuchenden beschimpfte er als »Vaterlandsverräter«, »Fünfte Kolonne« und »Dolchstoßlegionär«). Mit von der Partie war mein Vater, der falsche Fuffziger, der gern den Lebemann spielte und mehr als einmal in Rufnähe von Bahía del Sol seinen Balzgesang (»Komm in meine Liebeslaube«) anstimmte, um entweder Tante Almut oder Palastdame Elfriede zu betören, da kannte er keinen Unterschied, denn eine jede war ihm lieber als meine Mutter, die in die Westecke verbannt war. Die Diagonale von West nach Ost zerteilte als Achse des Bösen das ZIMMER und vergiftete das Klima. Opa Karl aber, weltkriegsgestählt, mit Nahtodesgestank aus allen Furchen seiner ledrigen Greisenhaut, widerstand nicht nur der Achse des Bösen sondern auch den Schneefällen, die durch die löchrige Decke des Iglus stoben ebenso wie eisige Winde und SOS-Notrufe aus den Polarmeeren, von denen Opa Karl hämisch berichtete. Mit der Verachtung für unsoldatische Jammerlappen teilte er munter aus: »Ha, nichts als Muttersöhnchen und kraftlose Weicheier! Auf ihren gestrandeten Seelenverkäufern göbeln sie über die Reling, bis der Darm vorn raushängt. Schon beim ersten Flatulenzgrummeln drücken diese Oberschüler die SOS-Taste. Wenn der Dünnschiss warm am Schenkel herunterläuft, darf man sich nicht zieren, sondern hat aufs Reich zu salutieren, hoch lebe Kaiser Wilhelm!«

Meine Schwester, deren Name Schall und Rauch in den Schatten stellte, schlupfte bei Mutter unter, die die Verbindung zur diagonal gegenüberliegenden Sonder- bzw. Ostecke hielt, in der ich, allein auf mich gestellt, meinen roten Ausschlag am Arsch, die Pusteln am Sack und den eitrigen Augenfluss mit Kuhscheiße aus dem Stall des Bauern Lüders behandelte.

Dort in meiner Ecke, neben dem Vakanzbereich, hätte ich mir ein Automobil, einen VW-Käfer zuvörderst, gedanklich hineinquetschen oder -falten können. Doch der hätte sowieso nicht erworben werden können wegen der schieren Abwesenheit von Deutschmark, und nun kombiniere scharf: Was sollte die sich im Lebenskampf aufrubbelnde Familie plus die sich als Palastdame anheischende Fremdfrau in dieser Situation mit einer Garage anfangen? Nix halt.

Jetzt sind wir da, wo ich von Anfang an hinblinzelte.

Denn dieser Zustand der Garagenlosigkeit verschlug meinen Lebensweg in die oben beklagte Spur. Hätte ich eine Garage zur Verfügung gehabt, dann hätten Mr. Microsoft und Mr. Apple mit ihren klappernden Computerwitzapparaten blöde aus der Wäsche geschaut, hätten vor Not und Hunger vergammelte Dönerreste aus den Abfalleimern billiger Fressbuden klauben müssen, weil nämlich, jetzt pass auf, meine Person statt ihrer daselbst in der familieneigenen Garage eine Software entwickelt hätte, bei der die Zukunft als Ganzes durch die Decke geknallt wäre. Aber hallo. Und die Herren Microsoft und Apple hätten sich als Furz in der IT-Branche wiedergefunden.

Statt einer Garage spielte das ZIMMER seine Karten aus.

Es sollte nicht der einzige verpasste Lebenslauf bleiben.

 

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