Verpasste Lebensläufe (2)

Vier Minus

Es hätte prima laufen können. Nach dem Exodus aus dem ZIMMER schüttelte sich mein Ein, Alles und Selbst, sprich Ego, die Flausen aus dem Fell und klopfte an die Tür mit der verheißungsvollen Aufschrift: Schulzeit. Diese lag vor mir wie die empfängnisbereite Gebärmutter einer üppigen Matrone, so stellte ich es mir vor. Eine Zeit, in der aus der mütterlichen Plazenta (ach, welch bubenhafte Phantasie) meine noch schlummernden Talente aufsprießen würden zu Stolz und Ehre meiner Eltern. Wenn denn die Schullehrer meine Talente aufgespürt und gefördert hätten.

Wie nicht gerufen kommt da schon Deutschlehrer Herr Windisch mit halb offenem Hosenstall in die Klasse gestürmt. Sein glutäugiger Blick, den er Omar Sharif (Dr. Schiwago) abgekauft haben muss, schweift abtastend über die Reihe der Mädchen. Während er zwischen Fenster und Tür hin- und herwandert, ein Nomade im Treibsand literarischer Verwehungen, setzt er zum Vortrag an. Der Hemdzipfel, der aus seinem Hosenstall leuchtet, wandert mit von Eck zu Eck. Wir halten den Atem an. Unsere Blicke folgen beklommen dem Hemdzipfel. Wird Herr Windisch das Ungeschick bemerken? Wird er „Hoppla mein frecher Dachs“ rufen und den Ausdringling zurückschieben, die Hose zuknöpfen? Nichts von alledem. Tief eingetaucht in sein Thema referiert er über Benimmregeln bei Tisch, ein Sittengemälde: „Nie die Salzkartoffeln mit dem Messer zerschneiden, das ist Unterschicht. Einzig die Gabel dient dem Zerteilen der Kartoffel.“ Eva Koslowski aus der hintersten Bank seufzt und fällt in Ohnmacht.

Herr Windisch wechselte oft das Thema. So lehrte er uns, welches geistige Getränk am bekömmlichsten sei: Korn. Reiner Korn. Nicht Gesöff wie Tequila oder Apfelkorn oder Jägermeister oder Whisky/Cola, das schon gar nicht, denn als Folge würden beißende Teufelchen im Kopfe herumtrampeln, begleitet von Kopfschmerzen, und ein Arbeitsausfall für drei Tage müsse eingerechnet werden. Nein, das reine Destillat sei zu empfehlen. Wir stießen uns an: „Letzte Woche drei Tage Unterrichtsausfall, davor zwei Tage kein Deutsch, ein strammer Zug durch die Gemeinde, Mannomann.“ Zu seinem Geburtstag, den er wohl nicht ohne Hintergedanken preisgab, schenkten wir ihm eine Flasche Ratzeputz. Vier Tage Unterrichtsausfall plus Verschiebung der Klassenarbeit lagen im Plan.

Herr Windisch ließ uns auch an seinen stadtbekannten amourösen Abenteuern teilhaben, verbal natürlich, floral umrankt mit erotischen Andeutungen und kenntnisreichen Dessousschilderungen, bei denen Eva Koslowski vor Scham oder Schauder erneut in Ohnmacht fiel. Die anderen Schülerinnen kicherten errötend. So mancher Rock rutschte übers Knie und gab den Spitzenbesatz der Petticoats frei. „Es blitzt“, so raunte es im Klassenraum. Herr Windisch übersah wohlgefällig die Ungebührlichkeit. „Es ist vorgekommen“, zwinkerte er Eva Koslowski zu, die wieder erwacht war, „dass ich auf fremde Balkone klettern musste, um zum Ziel vorzustoßen, und das war, wie ihr euch denken könnt, immer ein Weib, ein hitziges.“ Wir hatten es vermutet. Durch die nur angelehnte Tür konnte er ins Schlafzimmer eindringen, wo die hitzige Zielperson darauf wartete, von ihm bestiegen zu werden. „Keine Frage, dass ich es ihnen ordentlich besorgt habe.“ Eva Koslowski fiel in Ohnmacht. Wir lernten in Aufsatzkunde, dass man die Geliebte nächtens aufzusuchen habe, aber nur, wenn deren Ehemann auf Dienstreise sei. Bei Tage müsse man mit Zeugen rechnen und Raufereien mit dem Gehörnten.

Meine VIER MINUS in Deutsch war dem Umstand geschuldet, dass ich unserem Schulleiter einen Tipp gab über das nächtliche Treiben auf seinem Balkon, das während seine Fortbildungsreisen anhub und nicht ohne Lärmemissionen vonstatten ging.

Ich mache Herrn Windisch keinen Vorwurf. Der Korn muss gepriesen und die Balkon- sowie Zielbesteigungen ausgeführt und nicht ohne literarische Ambitionen vor der Klasse vorgetragen werden. Meine Interessenschwerpunkte verlagerten sich allmählich auf die Begriffe „Korn“ und „Balkonbesteigung“. Später, in der Erstsemesterklausur im Fach Germanistik konnte ich damit nicht punkten. Den Abbruch dieses Studienganges habe ich Herrn Windisch zu verdanken, dem ich bis heute durch den Konsum von klarem Korn verbunden bin.

Unser Chemielehrer Herr Krödel, Spitzname Pico, (er war so kurz wie breit und tief, ein menschlicher Würfel) trug einen Schmiss auf der Wange, schief angebracht, so dass sein Gesichtsausdruck asymmetrisch in der Gegend herumhing. Pico, quasi noch aus schwärenden Weltkriegswunden blutend, führte uns vor, wie man einen Partisanen unschädlich macht. „Von hinten anschleichen, mit der linken Hand den Kopf des Partisanen ins Genick reißen, während die rechte das Kampfmesser durch seine Kehle jagt. Ratzfatz. Keine Gefangenen!“ Denn das bedeutete den eigenen Tod.

Eine nicht weniger attraktive Aufgabe bot sich dem Scharfschützen. Eingegraben in einem Schützenloch hatte er auf heranrasselnde Panzer zu lauern. Wir hielten den Atem an. Was würde der Chemieunterricht uns noch alles an Nervenkitzel und Todesangst zumuten? Hinten rummste es: Eva Koslowski war in Ohnmacht gefallen. Auch Günter ‚Günni‘ Oltmanns japste sich in eine Besinnungslosigkeit. Beherzt stülpte ihm Klaus Martens eine Plastiktüte über den Kopf, um die Schnappatmung zu unterbrechen, mit Erfolg. Günni verschied in seligem Angedenken, R.I.P.

Bevor er uns an dem Panzergemetzel teilhaben ließ, erklomm Pico die Ecke der vorderen Bank und ließ lässig ein Bein baumeln. Dort vorn hatte sich der Klassenprimus Adrian Schultze-Möcklinghaus breit gemacht mit seinen Büchern, Kladden, Lexika, Stiften und Markern, der Schleimer der, der Radfahrer, der Sausack stinkige, der schmierige Schweinehund, Arschficker der. Pico senkte seine Stimme: „Wenn der Panzer über dem Schützenloch stoppte, war es zu spät. Dann walzte der Panzerfahrer das Ungetüm hin und her, malte sich in das Loch, bis es zerrieben war, bis unten nur noch Matsch glubberte, Menschenmatsch hoho, damit musst du rechnen als Soldat. Aber egal was der Panzer vorhatte, der Einzelkämpfer musste ihn heranlassen, im günstigen Moment die Sprengladung anbacken und dann nichts wie weg, denn wenn man eine Sekunde zu spät loslief, wurde man selbst zerfetzt. Und das kann ja nicht Sinn der Übung sein.“ Wir stimmten zu. Eine plausible Schlussfolgerung.

Mitunter sprang Pico flink wie ein Känguru auf das Pult: „Du musst permanent darauf vorbereitet sein, dass der Feind von einem Baum herabspringt und das Bajonett in deine Augen stößt.“ Wir hofften, dass er irgendwann Theorie und Praxis verwechselte und auf Klassenschleimer Adrian Schultze-Möcklinghaus zuspringen würde. Bis dahin mussten wir ständig auf der Lauer sein, denn Pico führte nach dem Zufallsprinzip mörderische Kampftechniken vor. Ohne Vorwarnung griff er sich einen Schüler und nahm ihn in den Schwitzkasten. „So, was machst du nun?“, höhnte er. Der Schüler erstickte, „aber so ist das auf dem Feld des Ehre.“ Ich und meine Freunde Erwin Cordes und Dieter Matuschke nahmen die Herausforderung an, schlichen uns von hinten an Pico heran, da brüllte er schon „Attacke!!“, warf sich herum, zog ein Bowiemesser aus dem Nichts, stieß es Erwin Cordes in den Bauch und rammte gleichzeitig seinen stahlnagelbewehrten Einzelkämpferstiefel in die Eier von Dieter Matuschke, der röchelnd hinwegging. Mit einen Todesfurz sagte er der Nachwelt ade.

Im Winter badete Pico in einem Eisloch draußen im Stadtsee. „Wenn du nicht abgehärtet bist“, erklärte er uns das Periodensystem der Elemente, „dann gute Nacht. Wundere dich nicht, wenn dir in Stalingrad der Arsch abfriert. Der Iwan aber kennt keinen Frost, und die Kalaschnikow feuert noch bei minus 40 Grad Celsius.“

Meine fest verplante Karriere als bedeutender Chemiker, das zweimal für den Nobelpreis nominiert wird, versandete in meinen chemischen Forschungsarbeiten, die darin gipfelten, Partisanen die Kehle zu durchschneiden, Panzerfäuste abzufeuern, in Schützenlöchern zermatscht zu werden und abschließend in Stalingrad zu erfrieren, nachdem der Iwan mir mit einer AK 47 den Bauch durchlöchert hat.

Darauf abgefragt erhielt ich eine VIER MINUS in Chemie.

Den Reigen der Pädagogen, die meine Lebensbahn in krumme und ungewisse Richtungen zu lenken wussten, ergänzt mein Geschichtslehrer, Herr Nottebohm. Wie er am Pult hockte und vor sich hinbrabbelte! Mit jedem Brabbelsatz stieg der Lautstärkepegel in der Klasse wie auch der Blutdruckpegel des Herrn Nottebohm, dessen Adern im ohnehin rötlich angelaufenem Gesicht gefährlich anschwollen. Wenn die Lautstärke über alle Ufer schwappte, rastete Nottebohm aus. Mit Schaumblasen auf den Lippen sprang er auf, hämmerte seine Faust aufs Pult und stieß ein Brüllen aus, bei dem Eva Koslowski in Ohnmacht fiel. Er brüllte immer zwei Worte: „Kadetten“ und „Idioten“. In dieser oder in umgekehrter Reihenfolge schleuderte er die Wörter ins verstummende Klassenzimmer, wobei er den arschfickenden Klassenprimus Adrian Schutze-Möcklinghaus mit Speichel vollsprühte, die der Schleimer sich gierig von den Lippen leckte, der Masochist der, der geile. Nottebohm brüllte mal „Idioten“, mal „Kadetten“, um wieder bei „Idioten“ anzuknüpfen, plötzlich überraschend zweimal „Kadetten“, kurze Pause, eine Ader unter dem linken Auge platzte, was eine Salve von „Idioten Kadetten Idioten Kadetten Kadetten Idioten“ auslöste. Eine erwartungslose Stille hatte sich über Stühle und Bänke gesenkt bis in die hinterste Reihe, wo … da sackte Herr Nottebohm in seinen Stuhl, setzte die herabgefallene Brille wieder auf die Nase und fuhr mit dem Gebrabbel fort bis zur nächsten Eruption. In Geschichte verpasste er mir eine VIER MINUS, „weil der Kerl ja gar nichts weiß“, wie er die Klasse über mich aufklärte. Das war nicht wahr. Ich hatte gelernt, dass meine Geschichtskenntnisse, die sich mit den Brüllwörtern „Idioten“ und „Kadetten“ begnügten, meiner angestrebten Karriere als hochgeachteter Historiker nicht zuträglich waren.

Ach, und da wäre noch der Herr Kunstlehrer, Herr Beierlein, von dem ich die Unterweisung von Kunst erhoffte, weil ich die Bezeichnung Kunstlehrer wörtlich nahm. Mir schwebte eine atemberaubende Laufbahn als Michelangelo der Neuzeit vor, als Picasso und Vincent van Gogh in einer Person, preisgekrönt, mit Dauerausstellungen im MoMA und natürlich auf der Documenta, ja was. Herr Beierlein sollte der Wegbereiter meiner Kunstkarriere werden.

Um das Wesentliche vorweg zu nehmen: Künstlerisches Schaffen setzt zwingend das Studium des Romans „Die Nackten und die Toten“ voraus, so wie Herr Beierlein es während der Unterrichtsstunden praktizierte. Als Eva Koslowski im Vorbeihuschen einen Blick auf den Buchumschlag warf, fiel sie und war weg. Bevor Herr Beierlein seine Nackten und Toten aufzuschlagen beliebte, stellte er uns eine Aufgabe. Zum Beispiel mussten wir einen Wald malen. Wir malten und malten und malten, und Herr Beierlein las und las und las. So wird man Künstler, dachte ich und dachte ich und dachte ich. Die Ferien nahten und damit die Zeugnisse. Wir mussten unsere Malergebnisse vor Herrn Beierlein auf dem Boden ausbreiten. Er sah irgendwo hin und verteilte Noten unter Geheimhaltung von Begründungen. Mir gab er eine VIER MINUS (das scheint mein Fatum zu sein). Später, bei der Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie, zeigte ich selbstgewiss meine Mappe vor, wurde aber belehrt, dass die Nackten und die Toten keine Kunsterzeugnisse seien und meine VIER MINUS im Zeugnis keinen Interpretationsspielraum böte. Ich solle es mal mit Germanistik versuchen. Oder mit Chemie. Wenn gar nichts ginge, würde sich noch ein Geschichtsstudium anbieten.
Ich dachte an mein Fatum. An die VIER MINUS, mit der ich abdriftete.
Es sollte nicht der einzige verpasste Lebenslauf bleiben.

 

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