Verpasste Lebensläufe (5 a)

Der 13er

„Gib mir mal den 13er.“ Eine ölverschmierte Hand streckte sich unter dem aufgebockten Daimler 180 D hervor. Ich hatte das Klappfenster meiner Studentenbude aufgesperrt und blickte direkt auf die Hand, die den 13er erwartete. Mit direkt meine ich direkt im Sinne von höhengleich. Meine Bude lag im Kellergeschoss des Hauses. Wenn Wind aufkam und ich das Fenster nicht rechtzeitig verriegelte, fegten die Böen Sandwolken in mein Kellerloch. Wenn ich das Fenster nicht öffnete erstickte ich, weil die Ölheizung nebenan auf Hochtouren lief. Und weil das Klo auf dem Kellerflur keinen Abzug hatte.

Bei Windstille rieselte trotzdem Sand in meine Bude und bezog als feinkörnige Decke mein Bett, den Tisch und den Boden. Denn die Jungs schraubten nicht nur an dem Daimler herum, wobei der 13er Schlüssel und ein Hammer als Allzweckwaffen zum Einsatz kamen, mit denen der ewig kaputte Auspuff wieder auf Vordermann gebracht wurde. Die beiden setzten sich auch hinter das Steuer, um den Erfolg der Reparatur zu testen. Dazu bretterten sie auf der ungepflasterten Auffahrt immer hin und her, 30 Meter hin, 30 Meter her, Rückwärtsgang, erster Gang vorwärts, Rückwärtsgang, wieder hin und wieder her, bis die Tankuhr aufleuchtete. Bei jeder Testfahrt wirbelte Staub und Geröll auf, der als Sandhose in mein aus Erstickungsnot geöffnetes Fenster fegte.

Auf die Straße durften die Jungs nicht fahren. Carsten, der jüngste Sohn meiner Vermieter, ging noch in die 2. Klasse einer Förderschule (das zweite oder dritte Mal), schwänzte die halbe Woche, weil er den Auspuff des Daimlers reparieren musste und spielte Trompete. Einhändig, die andere Hand hielt den 13er. Zwei Töne. Tröt und Tröt. Ich als Musikkoryphäe hatte ihn zu loben: „Junge Junge, sauber intoniert, das mach einer mal nach.“ Carsten schmiss die Trompete wieder in die Ecke, rannte raus und quälte den Daimler 20 mal runter und rauf. Aussteigen, unterkriechen, klopfen, hören. Da war doch was mit dem Auspuff.

Ich kaufte mir eine Schaufel, um den Sand aus meiner Bude zu befördern.

Georg, der mittlere Sohn, ging noch zur Fahrschule, durfte also den Daimler auch nicht auf die Straße lenken. Er galt als die Intelligenzbestie der Familie Bultmann und besuchte schon die Handelsschule. Was ihn nicht hinderte, an den Nachmittagen den Auspuff des Daimlers zu reparieren (vorzugsweise mit dem 13er), hinterher zwecks Belastungstest mit durchdrehenden Reifen die Auffahrt rauf und runter zu fahren und meine Bude mit Sand, Dreck und hereinfliegenden verrosteten Blechteilen einzusauen. Die Blechteile waren vom Auspuff abgefallen, der von den beiden Jungs fachmännisch begutachtet und repariert wurde, diesmal mit dem Hammer.

Frau Bultmann stand erst gegen Mittag auf. Ihr Mann wurstelte da schon einige Zeit herum und bereitete das Mittagessen vor. Er kochte liebend gern Suppen. Wenn er glaubte, dass die Suppe fertig war, hob er den Kochtopf mit beiden Händen hoch und warf ihn auf den Fußboden. Er hatte nicht mit der Hitze des Topfes gerechnet. Die Suppe sickerte durch die Ritzen des Fußbodens und tropfte eine Etage tiefer auf meine Mitschrift von der letzten Vorlesung.

Ich war in Hamburg gelandet, erstes Semester Wirtschaftsstudium. Oder Soziologie? Keine Ahnung. Das nebenbei.

Herr Bultmann ließ öfter das Waschbecken überlaufen. Das Abwaschwasser suchte seinen Weg durch die Ritzen und fand ein neues Zuhause in meinem Teller Eierravioli. Selten dagegen lief die Spülung des Klos da oben über. Dann konnte ich den Sand in meiner Bude auffeudeln, ohne extra Wasser aus dem Kellerklo holen zu müssen.

Mir war nicht klar, was ich mit einem Wirtschaftsstudium anfangen sollte. Wird sich schon ergeben, dachte ich. Vorläufig verbrachte ich meine Zeit mit Gitarreüben und den Proben mit der Beatband, in die ich eingestiegen war. Crying Wolf and The All Stars. Die Musiker stritten sich bei jeder Probe. Sie prügelten sich und bewarfen sich mit vollen Bierflaschen, da sie das vorgegebene Tempo nicht einhalten konnten. Holger, der Schlagzeuger, ein drahtiger gut verdienender Schweißer oder Elektriker, stellte den Übungsraum und war deshalb unantastbar. Auf ihn wurden keine Bierflaschen geworfen. Er bestimmte den Beat. Er kannte nur ein Tempo, egal ob wir die Ballade „Sittin‘ On The Dock Of The Bay“ von Otis Redding einübten oder „Blue Suede Shoes“ von Elvis Presley. Als ich mich darüber beschwerte, schleuderte Holger seine volle Bierflasche auf mich, die aber meine Fender Jazzmaster traf. Daraufhin heizte sich die Stimmung auf, die anderen verprügelten sich und warfen Bierflaschen durch den Raum. Holger trommelte unbeeindruckt vom Kampfgetöse seinen Beat, den einen Beat, das eine Tempo, das er draufhatte, und als Crying Wolf, der Sänger, mit blutender Nase zu Boden ging, sprang er wutentbrannt auf, stieß das Ride-Becken zu Boden und drehte die Sicherungen heraus. „Schluss für heute, ihr Clowns!“

Öffentlich gespielt haben wir mit dieser Band in den Jugendzentren von Volksdorf, Barmbek und Altona, aber auch außerhalb. Bei Auftritten außerhalb Hamburgs machte sich Crying Wolf an die Mädchen ran und klaute den Inhalt ihrer Handtaschen. Wir anderen ließen nur ein paar Flaschen Bier mitgehen. Der Sänger wurde zwischenzeitlich zu vier Wochen Jugendknast und sonntäglicher Sozialarbeit verdonnert, was wir nicht wussten. Sonntags zogen wir los zum Auftritt, Crying Wolf beklaute die Mädchen, wir ließen Bier mitgehen, bis die Polizei kam und Crying Wolf mitnahm.

Der neue Sänger war rothaarig und aufbrausend. Ein ungeschlachter Kerl, der vermodert stank und vor dem ich Angst bekam. Zu Probeterminen und zu Auftritten mussten wir ihn auf der Reeperbahn suchen, meist hing er in der Talstraße herum, vollgekifft, betrunken, gedopt, unzurechnungsfähig. Kein Wunder, dass wir bei Auftritten kein Gage bekamen oder rausgeschmissen wurden, weil der Sänger entweder lallte oder ins Mikro kotzte oder überhaupt fehlte. Wir klauten beim Abbau noch schnell ein paar Flaschen Bier als Gagenersatz, die wir uns bei der nächsten Probe an die Köpfe warfen vor Wut über das dämliche Tempo, das Holger stur und wie in Trance vor sich hintrommelte.

Ich merke schon, dass ich weiter ausholen muss, um die Gründe des sich anbahnenden verpassten Lebenswegs getreulich aufzuzeichnen.

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