Verpasste Lebensläufe (5 c)

Sieben Stationen auf dem Weg zum Wohlstand

Noch aber wurde ich in meinem Kellerloch eingestaubt, noch blieb die vage Aussicht auf Abschluss des Studiums, irgendwann in einem vermutlich anderen Leben. Noch lag ich in dem ebenerdigen Fenster, ließ mir Schotterbrocken ins Gesicht schleudern, leckte an der Tapete, wo die Suppe meines Vermieters Bultmann, der „Direktor“, herabrieselte und verfolgte die Raubzüge, zu denen der älteste Sohn Heiko aufbrach.

Nach mehreren vergeblichen Anläufen, eine Lehrstelle durchzuhalten, hatte sich Heiko arbeitslos gemeldet. Tagsüber kurvte er auf seinem Moped durch die Hamburger Stadtteile. Stets brachte er etwas mit: mal eine Bohrmaschine, die er aus einem offenen Werkstattwagen gezogen hatte, mal ein Transistorradio aus einer Wohnung mit nur angelehnter Haustür, mal Pakete, die der Zusteller auf dem Bürgersteig abgestellt hatte, um sie gleich hereinzuholen. Flink griff sich Heiko alle unbeaufsichtigten Gegenstände und brachte die Beute nach unten in den Keller, wo er wie ich eine Bude bewohnte. Mein Kellerloch diente oft genug als Zwischenlager für das Diebesgut, solange es Heiko nicht an Hehler oder auf dem Kiez verhökert hatte.

Heikos zweite beruflich ausgerichtete Tätigkeit schöpfte Mehrwert aus den Klauseln der Hausratsversicherung. Die geraubten Gegenstände (Radio, Rasierapparat, Pelzjacke, Lautsprecher und dergleichen) gingen angeblich wegen unangemessener Behandlung durch Dritte (ich oder andere Bekannte) zu Bruch. Der Fall ging an die Versicherung. Manchmal meldete Heiko die Gegenstände auch einfach als gestohlen (!). Die Schadenssummen waren zu unerheblich, als dass die Versicherungen nachhakten, und so zahlten sie.

Dritte Passion: Die drei Brüder fuhren mit dem Daimler auf Erkundungstour, Heiko hinter dem Steuer. Erkundet wurden Autos, die mehr als zwei Tage auf demselben Platz parkten. Das hieß: Spätabends wiederkommen, das Zielobjekt im Schutze der Dunkelheit auf Steine aufbocken und die Räder abmontieren; später dem Schrotthändler oder dubiosen Figuren im Kfz-Gewerbe anbieten.

Vierte Fachrichtung: Den Daimler forsch an die auf Grün gewechselte Ampel fahren, im letzten Moment Vollbremsung, rumms: Der hintere Wagen war aufgefahren, die Rechtslage eindeutig. Wer von hinten auffährt, hat Schuld. Aussteigen, jammern, oh je, die Stoßstange ist abgefallen und verbogen, mit der Polizei drohen, sich schweren Herzens auf einen Handel einlassen: Gut, eine intakte Stoßstange könne man auf dem Schrottplatz besorgen, aber unter 65 DM läuft auch das nicht. Bargeld wechselt seinen in jeder Hinsicht erleichterten Besitzer. Wieder zu Hause schraubt Georg die vorher gelockerte Stoßstange wieder fest, Carsten kriecht unter den Daimler, um mit dem 13er den Auspuff nachzujustieren, und Heiko steckt sich einen Schein in die Hosentasche für Damenbesuche auf dem Kiez.

Fünfter Beschäftigungssektor: Sich mit dem Daimler solchen Straßenkreuzungen nähern, die als schwer einsehbar oder als Vorfahrtsfallen bekannt waren. Wenn sich von der Nebenstraße Autos näherten, schlingerte Heiko den Daimler zögernd an die Kreuzung heran, täuschte ein Bremsmanöver vor, trat plötzlich aufs Gaspedal und erzwang die eh berechtigte Vorfahrt. Rumms. Der andere Wagen kracht in die Seite des Daimlers. Die Rechtslage: wieder eindeutig. Aussteigen, jammern, die Polizei rufen, die Versicherung des Schuldigen zum Schadensersatz verpflichten. Meistens beglichen die Versicherungen den Blechschaden in der Höhe des Reparaturvoranschlags, ohne Werkstattrechnungen anzufordern. Zu Hause hämmerten die Jungs die eingedrückte Blechbeule wieder aus.

Es verging kein Tag ohne materiellem Zugewinn, pekuniäre Eingänge und die Aufteilung gerechter Anteile an die drei Brüder.

Woher die Jungs die Radios, Uhren und das Geld hatten interessierte die Eltern nicht. Der Direktor schleppte sich nach dem Essen mit der Zeitung in seinen zerfetzten Sessel und schlief augenblicklich ein. Frau Bultmann verschlang fette Torten und soff Eierlikör aus der Flasche, und manchmal kam der verdreckte Carsten rein, stopfte sich eine kalte Bockwurst in die Backe und blies auf der Trompete zwei Töne, Tröt und Tröt.

Am späten Nachmittag warf sich Frau Bultmnan in ein sauberes Kleid und schnappte sich ihre Einkaufstasche. Es war soweit. Die drei Jungs warteten schon im Daimler. Zum Edekamarkt gings hin, zum Shoppen und Sich-am-Konsum-Ergötzen. Im Laufe der Monate kam Frau Bultmann immer später in die Hufe bzw. aus den Laken und in ihr Kleid. Knapp vor Ladenschluss, um 5 Uhr 56 huschte die Bagage noch ins Kaufhaus, und dann wurde gemächlich Reihe für Reihe durchinspiziert, hier eine Flasche vor die Augen gehalten, dort in eine Birne gebissen, um die Reife und Fruchtfestigkeit zu prüfen, und wenn die Bultmanns nicht gestorben sind, dann schlendern sie immer noch durchs Warenhaus, jetzt ist es bereits 20 Minuten vor 7, die Angestellten voll angefressen, die Bultmanns noch einmal zurück zum Käsestand, und wenn auch nur ein Laut von Ungeduld über die Lippen der frechen Verkäuferinnen kam, ging Heiko erstmal grinsend aufs Klo, während Frau Bultmann ihre Rechte als Kundin einforderte, mit einer Zivilklage drohte, ein Heidenvergnügen, mir wird schlecht.

Sechste Arbeitsstelle: der Schrottplatz. Zu dritt zum Schrottplatz fahren. Carsten und Georg nehmen draußen vor dem Zaun Stellung auf. Heiko fährt weiter zur Einfahrt des Platzes, steigt aus und schlängelt sich durch die neben- und übereinandergestapelten Wagen auf der Suche nach einer passenden Zündspule, wie er dem Händler zuruft. Der 13er, ein Engländer und eine kleine Eisensäge unter seiner Lederjacke müssen nicht lange auf ihren Einsatz warten. Hinter den Wracks, vom Schrotthändler nicht einsehbar, baut Heiko Lampen, Lichtmaschinen, Spiegel oder Autoradios aus und wirft sie über den Zaun, wo Carsten und Georg das Zeug einsammeln und schnell verstecken. Bedauernd, dass er nix gefunden habe, steigt Heiko in den Daimler, tippt beim Wegfahren lässig an die Schiebermütze und packt draußen am anderen Ende des Platzes die Restbrut nebst Beute in den Wagen. Wieder einmal hat uns der Tag einen guten Ertrag beschert.

Siebte Verrichtung: Hoheitliche Aufgaben. Ein Blaulicht (geklaut) wird auf das Dach des Daimlers gesteckt. Durch die Straßen patrouillieren, Verkehrssünder (Radler ohne Licht oder auf der falschen Seite, Autofahrer mit angeblich defekten Bremslicht u. ä.) mit der Polizeikelle (geklaut) stoppen. Als Zivilstreife zeigt sich Heiko noch einmal kulant und belässt es bei 10 DM-Bußgeld gleich auf die Hand, Schwamm drüber.

Abwechslung in die monotonen Arbeitsabläufe brachte der Briefträger, wenn er Einschreiben zustellte. Das war das Signal zu aufgeregter Tätigkeit da oben, zu Hin- und Herlauferei und zu lauten Wortwechseln. Es war das Signal für den Einsatz des Direktors! Denn Einschreiben kamen immer vom Amtsgericht oder von der Förderschule. Für beide Fälle galt: Es gibt ein Problem. Das Problem musste ausgeräumt werden. Wer war dafür zuständig? Der Direktor. Dies war seine Stunde! Er warf sich in Schale, einen Dreiteiler mit Weste, dezente Hanseatenkrawatte, ein Stecktüchlein in der Brusttasche des Sakkos, Manschettenknöpfe aus Sterling Silber, einen Anstecker (40-jähriges Dienstjubiläum) wie ein Bundesverdienstkreuz ans Revers geheftet, an den Füßen blankgewienerte Budapester und dazu eine frische Rasur. Zum Schluss eine Kumme Rasierwasser auf das um Jahre verjüngte und gestraffte Gesicht geworfen, und mit aufrechter Haltung schritt der Direktor Bultmann hinaus. In seinen Augen blitzte Angriffslust, die Versager in den Behörden zur Sau machen, das ist meine Aufgabe, wer wagt es, sich mir entgegenzustellen?

In diesen Momenten, in denen der Familienvater seine Brut vor Gericht oder vor der Schulbehörde raushauen musste, gewann er seine Größe zurück, seine Persönlichkeit, und so sah ich ihn vor mir: als Generaldirektor eines international agierenden Unternehmens, mit dröhnender Stimme, klarer Diktion und respekteinflößender Sicherheit und Präsenz.

Meine Lebensplanung verrutschte dann durch ein banales Ereignis. Heiko hatte meine Miete geklaut, die ich in meiner Kommode zurückgelegt hatte. Ich musste weg. Weg auch von dem vermaledeiten Wirtschaftsstudium.

Schwer fiel es mir nicht.

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