Verpasste Lebensläufe (6)

POESIE!!

Kapitel 6 meiner Lebensrallye muss als Intermezzo betrachtet werden. Obwohl ich ernsthafte und rechtschaffene Absichten verfolgte, um eine seriöse berufliche Bahn einzuschlagen.

Die Idee, mich als Werbetexter zu etablieren, kam mir nach einer durchsoffenen Nacht. Morgens gegen 13 Uhr – heiße Suppentropfen von des Direktors Gnaden plitscherten von der Decke – entdeckte ich auf meinem Tisch einen Papierstapel. Auf das oberste Blatt hatte jemand ein paar Zeilen hingeworfen, mit Tinte geschrieben, mit Suppenfett veschmiert. Meine vom Komaschlaf geschwächten Augen konnten das Gekritzel zunächst nicht entziffern, und erst allmählich gewöhnte ich mich an die Schriftzüge, so wie man sich an das Dunkel gewöhnt, wenn man plötzlich in einem Kartoffelsack aufwacht. Oder in einem Sarg. Oder gar nicht, aber das führt zu weit. Aus dem Kritzelwust schälten sich ein paar Buchstaben, die ich zu Sätzen zusammenzufügen imstande war dank meiner exzellenten Kombinationsgabe, die mich immerhin vor dem vorzeitigen Verlassen der Schule bewahrt hat. Vielleicht wich auch nur das Geflimmer vor meinen Augen, ein Zeichen, dass der Alkoholpegel sich auf Normalniveau senkte, so zwischen 1,2 bis 1,8 Prozent, nee, Promille, das kriege ich oft durcheinander, wenn ich überraschend mit mathematischen Aufgaben belästigt werde.

Das Gekrakel entpuppte sich als ein sehr kurzer Kurzroman.

Zur näheren Orts- und Zeitangabe muss ich dazwischenschieben, dass ich damals noch in dem Kellerloch bei den Bultmanns hauste mit dem staub- und dreckspuckenden Kellerfenster und mich bei Crying Wolf and The All Stars vor fliegenden Bierflaschen ducken musste.

Ach, die Suppentropfen haben es ja schon verraten, ich Dummerchen.

Gut. Zurück zu meinem Fund auf dem Tisch. Wer mir dieses Blatt mit dem Kurzroman hingelegt hatte, konnte ich mir beim besten Willen nicht denken. Heiko Bultmann konnte es nicht gewesen sein, der konnte nur Schraubschlüssel und Moped und Klauen und so was, und ich wunderte mich und wunderte mich, und wo ich gerade beim Wundern war: Der Kurzroman drehte mein Wundern in Richtung  Verwunderung, die sich in Bewunderung wandelte und zu einer glühenden Begeisterung steigerte. Zeile für Zeile traf amorpfeilmäßig in mein Herz. Ein derartiges literarisches Kleinod war mir noch nicht untergekommen. Hier ist sie, die shorte Story, ich kann sie immer noch auswendig:

Eine dürre Dame
In der Untertasse schwimmt der Trauervogel Max. Er zählt die Minuten, immer bis Drei, und er fängt bei Zwei an. Ich aber setze mich in meinen Sportwagen und brause davon. Da überquert eine dürre Dame mit rotem Bowlerhut die Fahrbahn.

Diese Dichte! Dieser Spannungsverlauf! Diese abgründige Metaphorik! Bowlerhut! Trauervogel! Welcher Poet mir auch immer die Geschichte geschenkt hatte, er hatte mich an der Gurgel meiner Kreativität gepackt, quasi Erweckungserlebnis. Für mich gab es kein Halten mehr: Ich musste es ihm nachmachen, was sage ich, musste ihn übertreffen. Mit zitternden Fingern nahm ich das nächste Blatt vom Stapel und schrieb und schrieb und schrieb. Das Ergebnis übertraf alle meine Erwartungen:

Der falsche Brotaufstrich
Mutter legte eine Scheibe Weißbrot auf den Teller. Voller Hoffnung rutschte Karin auf dem Stuhl hin und her. Gleich würde Mutter die Erdbeermarmelade auf die Scheibe schmieren. Da nahm die Mutter das Brotaufstrichmesser und strich Butter auf das Brot.

Ich hatte noch nicht den Punkt hinter den letzten Satz gesetzt, da fiel mir schon der nächste Roman ein:

Unterm Eiffelturm
In Paris schlenderten zwei Ausländer unter den Eiffelturm. Der eine schaute nach oben. Er sagte etwas. Der zweite sagte jetzt auch etwas, aber in einer anderen Sprache. Keiner der beiden schenkte sich einen Blick. Der eine guckte nach oben. Der andere guckte woanders hin. Da spuckte eine bucklige Blumenverkäuferin auf den Boden.

Mannomann!

Und wieder fiel mir ein Kurzroman ein, spannender noch als der vorhergehende. Ich wendete das Blatt, um ihn zu notieren, bevor ich die Pointe vergaß. Die Rückseite war bereits vollgeschmiert. Mit albernen Bemerkungen, mit ungelenken Zeichnungen von Schweinen, Brüsten und mit marodierenden Kraftausdrücken. Ich blickte auf meine Mitschrift vom Statistikseminar.

Aha.

Demnach hatte ich selbst den Kurzroman hingekritzelt, vermutlich ausgelöst durch den Überhang geistiger Getränke über geistige Klarheit, aber was soll’s, meine literarische Ader hatte sich Bahn gebrochen oder ihre Bahn gegraben oder sich auf Bahngleise gesetzt, egal, die Dampflokomotive war abgezischt, und ich saß auf dem Tender: An die 25 Romane ratschte ich auf die Blätter, wie im Rausch, wie eine kreative Hochleistungsturbine, bei der die Birnen durchbrennen und die Eisenträger schmelzen. Alsbald fiel mir auf, dass ich den letzten Satz stets mit „Da“ anfing. Ein literarischer Pfiff, sozusagen cliffhanger, der mir unbewusst zugeflogen war, und der den Storys die ultimative Ölung einrieb.

Ich hatte meine Berufung gefunden.

Von den 25 Romanen habe ich nie wieder gehört. Ich hatte sie an 25 Verlage geschickt (Zahlenmagie!) mit der unmissverständlichen Aufforderung, sie zu veröffentlichen und mir einen Vorschuss über 1000,- DM zu überweisen. Eine Antwort habe ich nicht bekommen, von Nix und Niemanden. Literaturverlage gelten mir seitdem als Brutstätten von Ignoranz, Dümmlichkeit, Kleinkariertheit und degenerierten Analphabeten.

Ja, und was war das jetzt mit dem Einstieg als Texter in der Werbebranche?

Sicher war dies: Wer so originell und ideenreich schreiben konnte wie ich, der saß in der Werbung auf dem richtigen Fleck, also Platz. Ich setzte mich wieder an den Fleck, also Platz, sprich Tisch, nahm mir die Rückseiten meiner Seminarmitschriften vor und – ich glaub es bis heute nicht so recht – rotzte im Affentempo einen Werbespruch nach dem anderen raus. Meine Technik bestand darin, die Werbeslogans auf bereits beworbene Produkte anzuwenden, um die phantasielosen Elaborate der ‚Profis‘ alt aussehen zu lassen. Und um mich in die vorderste Phalanx der Werbefuzzis zu katapultieren. Sieh selbst:

„Stinkt dein hohler Zahn im Schlund, hilft dagegen Kukidund.“

Pass auf: Bei diesem meinen ersten Werbespruch muss natürlich der Markenname Kukident geändert werden, damit er sich auf Schlund reimt. Ja was!

„Der Bauer fällt nicht gern ins Fass, lieber säuft er Henkel Nass.“

Hier musst du wissen, dass mit Fass die Güllegrube gemeint ist und ‚Henkel Trocken‘ wegen des guten Reims in ‚Henkel Nass‘ umbenannt werden muss.
Mehr davon:

„Daumenschrauben nein danke! Lieber qualm ich eine Camel Folter.“

Der Ersatz von ‚Camel Filter‘ in ‚Camel Folter‘ ist notwendig, denn sonst macht der Slogan ja keinen Sinn.

„Anderswo bekommst du nix, gehe gleich zu C&X.“

C&A ist eh ein doofer Firmenname.
Dann noch einige Akklamationen:

„Sieh nur den Fisch in der Dose. Auch er frisst gern Schuppi.“

Bei Chappi weiß keiner, was das bedeuten soll. Schuppi dagegen erinnert an Schuppentiere oder Schuheinlagen oder sogar Schrippen, wenn man seine Gedanken flottieren lässt.
Noch einen für die Raucher, und dann ab damit zu den Werbeagenturen:

„Sitzt da einer schwer im Muff, kommt es von der Daviduff.“

Ich kann mir nicht helfen, aber auch in den Werbeagenturen hängen nur Dumpfbacken herum, in deren Hirnschale fauliger Modder den Einzeller da oben verdrängt hat. Du ahnst, warum ich zu dieser Auffassung verpflichtet bin.

Ich habe mich dann wieder dem Studium der Ökonomie zuwenden müssen, habe den Staub geschluckt, den die Bultmannbande in mein Fenster schleuderte, bin weiterhin den Bierflaschen ausgewichen, die Crying Wolf and The All Stars beim Üben durch den Raum schmissen und trauerte dem gleißenden Lebensweg nach, der mir von Idioten & Schweineärschen in der Verlagen und Agenturen vermasselt wurde.

 

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