Verpasste Lebensläufe (7)

DER TODESFICKER

Mir kommen Zweifel, ob die Bezeichnung ‚Intermezzo‘ für meine temporäre Tätigkeit als Poet und Werbetexter den Nagel auf den Punkt trifft. Im Rückblick auf meine Anstrengungen, ein bürgerliches Leben mit seinen Behaglichkeiten anzustreben, fallen eigentlich alle Episoden meines Daseinskampfes in die Kategorie Intermezzo, sofern man mit der Verächtlichkeit eines Kritikasters darüber urteilt, und im Augenblick bin ich verächtlich eingestimmt und kritikastisch sowieso. Im Grunde kann man ja alles niedermachen. Ich erwähne diese Befürchtungen vorauseilend für den Fall, dass du die Beschreibung meines folgenden Lebensweges ebenfalls in die Schublade Intermezzo einzutüten gedenkst, natürlich erst nach der Lektüre, aber sei vorgewarnt.

Nach dem Vorfall in meinem Kellerloch, bei dem Heiko Bultmann den letzten Heller aus meinem Sparbeutel gezogen hatte, indem er meine zurückgelegte Miete klaute, gab ich sowohl die Bultmannsche Kellerbude als auch das Studium der Wirtschaftswissenschaften auf. Der Abbruch des Studiums gestaltete sich einfacher, als ich befürchtet hatte: Ich ging einfach nicht mehr hin. Keine Seminare, keine Vorlesungen, keine Mensa, nix. Exmatrikuliert habe ich mich auch nicht, und Anno 2018 müsste ich im 98sten oder sogar 107ten Semester eingeschrieben sein, parallel zu meinem offiziell nicht abgebrochenem Pädagogikstudium. Sozusagen eine bilaterale Abwesenheit in Pädagogik und Ökonomie. Bilateral, Bigamie, Bigotterie, Bieberpelz, Bitumen, Beamer, Bielefeld, Bierfahne: all das Gedöns mit dem Bi liegt eigentlich nicht im Wesen meines Herzens oder im Herz meines Wesens, aber was soll’s, man ist ja kein Heiliger.

Eine neue Bide zu finden – schon wieder das verdammte Bi, also nochmal: Eine neue Bude zu finden, war da schon schwieriger. Ich musste bis in die exklusiven Stadtteile Hamburgs ausweichen, bis ich endlich einen Einzimmerraum fand, auch ein Kellerloch, in Nienstedten, nahe dem S-Bahnhof Hochkamp, eine Station vor Blankenese. Ich erwähne die Lage, weil das Kellerloch kein Loch war, sondern ein sauberes Zimmer, und durch das Fenster schaute ich nicht auf Rostplacken, dreckige Ärsche und kaputte Auspuffe, sondern auf einen gepflegten Rasen. Kein Staub, kein herumfliegender 13er, kein Direktor in seiner Klötenvorzeigehose. Eher fein. Ein Fortschritt, ein Hoffnungsstrohhalm: Würde mich diese Umgebung auf ein goldenes Gleis lenken, auf dem ich in die Zielgerade einbiegen würde mit Pauken und Trombosen oder auch Trockenhauben auf frisch gebügelten Locken. Ich war rein närrisch, du spürst die Schwingungen, spürst du sie nicht?

Mit Johnny Schmidt & den Pirates ging es abrupt zu Ende. Drummer Knut Schmidt alias Johnny Kidd von Hamburg war von heute auf morgen weg. Unerreichbar. Telefon tot, Wohnung leer. Von einem im Star Club rumlungernden Gitarristen hörte ich, dass Knut nach Ochsenzoll gebracht worden sein soll, vielleicht auch nach Santa Fu, vielleicht auch beides nacheinander, Anstalt-Hopping: Von Ochsenzoll (Irrenanstalt) nach Santa Fu (Strafanstalt) und zurück.

Ich stellte mir vor, wie er dort auf Crying Wolf von den Allstars traf. Zusammen würden sie eine Knastband gründen, freche Wichstexte singen und die Aktentasche des Anstaltspfarrers ausräubern.

Trotz der feinen Elbvorortsbude stand ich „vor dem Nichts“, ein Gemeinplatz, der im allgemeinen vom Wirtschaftsteil der Zeitungen über den Niedergang millionenschwerer Manager aufgezäumt wird. Ach, ich hätte den Bossen gern ein Kleenex zum Tränentrocknen gespendet oder meine gebrauchte Unterhose. Sicher mussten die geschassten Vorstandsvorstände ebenso wie ich bangen, ob sie die monatliche Miete ihrer Bude aufbringen konnten. Und sich um das täglich Fraß mühten, ich sage ausdrücklich das Fraß: Eierravioli im Wechsel mit Miracoli, dazwischen verschimmeltes Brot mit Harzer Käse, der billigsten Käsesorte, eingeweicht in Bocholt Bier vom Aldi. Billig essen in der Uni kam nicht in Frage, da die Mensa zu weit entfernt lag und ich spätestens nach vier S-Bahn-Stationen verhungert wäre. Oder durchgedreht und dann ab nach Ochsenzoll oder Santa Fu, hallo Knut, heh Crying Wolf, braucht ihn nicht noch einen Gitarristen?

In dieser Not heuerte ich bei einer Pseudo-Beatband an, die anscheinend keinen Namen hatte, dafür ein paar lausige Jobs in grenzwertigen Spelunken. Als Bandleader spielte sich der Bassgitarrist auf, Bruno, ein fetter Psychopath mit herausquellenden Saugnäpfen im Gesicht, die er für menschliche Augäpfel ausgab. Bruno prahlte bei jeder Gelegenheit mit seinen Weibergeschichten. In den Pausen dazwischen erzählte er, wie oft er am Tag onanieren konnte (zweistellig), ohne sich die Hand zu verrenken. Wenn ich ihn anrief, keuchte er: „Jetzt nicht. Ich liege gerade mit einer nackten Frau im Bett.“ Ein fetttriefender tonnenschwerer Fleischklumpen, unter dem ein blau angelaufener Frauenarm herausragte, der schwächlich auf die Matratze klopfte, so wie beim Judo, wenn der Unterlegene dem Erstickungstod durch das Abklopfen vorbeugt.

Wie viele Opfer er schon zerquetscht hatte, verriet Bruno uns nicht. Auch nicht, wo er sie verscharrt hatte. Vielleicht lagerten in seinem Keller Fässer mit sauer eingelegten Frauenbeinen und -innereien. Mir kam wieder Ochsenzoll und Santa Fu in den Sinn und die Knastband mit Knut und Crying Wolf. Bruno, der Todesficker hinter den Basssaiten, würde 1-a hineinpassen und dem Trio die nötige Schwere verleihen, hahaha, Heavy Metal, Anspielung, Kalauer, so weit war ich schon gekommen.

An eine Lebensplanung war in dieser Situation nicht zu denken. Die Band ohne Namen verschliss meine Kräfte. Nicht nur wegen der Musiktitel, die meine restliche Würde in den Kloakensud der Stadt dudelten: Tequila; Komm Pepita, komm heut Nacht; Besame mucho; Ave Maria und dergleichen. Jeder Job endete darüber hinaus im Nirgendwo. Der Drummer, der übrigens auch keinen Namen hatte, verschwand hinter einer Physiognomie ohne jegliche Kontur, Textur oder Kantenlänge, eine Verschwimmung hinter der Schießbude, grad mal, dass wir seinen Beat vernahmen, aber auch der klang undurchsichtig, kraftlos, mit hörbarer Nichtanstrengung, und wenn nach dem Ende des Liedes etwas hinter uns klöterte, dann wussten wir: Der Drummer hockte noch hinter der Snare-Drum und betätigte die Sticks mit der Verve eines nassen Schwammes. Oder Schwanzes, gleichviel.

Da unser Schlagzeuger keinen Namen trug, konnten wir ihn auch nicht rufen. Ein paar Mal haben wir ihn deshalb bei der Abfahrt vergessen, und wenn er nicht verfault ist, steht er immer noch vor dem Gasthof und hofft auf die Wiederkehr des Satans.

Dieser Satan unterhielt als einziger von uns ein Auto und spielte in der Band Keyboard. André, der satanische Tastenmagier. Wer bei André auf Rieu tippt, liegt falsch. André kam aus der DDR und behauptete, er sei als Jazztrompeter drüben nicht wohlgelitten gewesen. Trompete haben wir ihn nie spielen hören, nur die satanischen Akkorde auf seiner Wimmer-Farfisa.

Mit satanischem Feuer rechnete André uns auch seine Kosten vor und unsere Beteiligung daran. Immer nach dem Job, in seinem rostigen Opel Kadett auf der Nachhausefahrt.

Die Kosten: Kaufpreis des Wagens; Kaufpreis der Farfisa-Orgel; Abschreibung beider Geräte durch Benutzung und Alterung; Abnutzung der Reifen durch Abrieb; Benzinkosten; Lebenshaltungskosten des Fahrers; Kfz-Steuer; Versicherung; TÜV-Gebühr; Ölwechselkosten; Kaufpreis seiner Bühnenklamotten (Glitzerhemd, Sonnenbrille); Rentenbeitrag; Krankenkassenbeitrag; Heizkosten seiner Wohnung; Mietkosten; Alimentenzahlung an seine Ex-Frau; Ratenzahlung auf die Waschmaschine … es hörte nicht auf.

Morgens gegen 2 Uhr, im Dunkel der Nacht, 60 km vor Hamburg, trat André rasend vor Wut auf die Bremse und warf uns raus. Weil wir unsere Gage nicht komplett an ihn abtreten wollten plus Vorschuss auf die fällige Reparatur der Stoßdämpfer. Irgendwo in Schleswig Holstein, auf einer dusteren Landstraße, stolperten wir drei (oder zwei – der Drummer war vielleicht gar nicht zugegen) gen Heimat. Im Morgengrauen würde uns jemand mitnehmen, Per-Anhalter-Reisen waren ja noch gang und gäbe.

Die Spur des satanischen André verliert sich in den Nebenstraßen des Kiez. Eine nicht zu verwegene Idee vermutet sie allerdings in Ochsenzoll oder Santa Fu, wo eine Beatband, bestehend aus einem Handtaschendieb, einem Piraten mit Augenklappe, einem psychopathischen Todesficker und einem satanischen Tastenklopper den Knackis die Laune auf einen ruhig dahinplätschernden Lebensabend im Knast verdirbt.

Ich aber war wieder einmal vom Pfad abgekommen.

 

 

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