Verpasste Lebensläufe (8)

KNIPS
In der Zeit zwischen Zeit & Raum, das meint die Zeit zwischen meinem Abgang von Raum 1 (Bultmann-Bude) zu Raum 2 (feudale Nienstedten-Bude) sowie die Zeit zwischen den Tagen dort (Bultmann) und den Tagen danach (Nienstedten), in dieser Zwischenzeit traf ich mich mit Rüdiger, einem braven Studenten der Astrologie, der behauptete, er sei in Volkswirtschaftslehre immatrikuliert. Ich hatte ihn hier noch nicht erwähnen können, da mir der Platz zwischen den Zeilen zu eng schien.

Charakterisierung des Rüdiger, Student
Ein schief Gewickelter. Nie im Status quo. Volle Hosentaschen, leere Versprechen. Strauchelt über Frauen. Hebt Biergläser und senkt sie wieder. Mundpflegmatisch. Wenn redselig, dann versiegend. Gedanken wie wässriger Schleim.
Ende der Charakterisierung

Wir saßen beim Bier. Bocholt Bier vom Aldi. Ich stieß mit dem Senfglas an. (Senfgläser hatten damals die Form von Bierhumpen. Wegen meiner unzulänglichen Haushaltsausstattung ersetzte ich eine Zeitlang das Grundnahrungsmittel Eierravioli durch Senf).

„Rüdi! Auf ein Wort!“
Rüdi (Kraftform von Rüdiger): „Mann zu, Gevatter Traurig.“
Ich setze den Senfhumpen hart ab: „Mein Leben pfuscht, es ist in die Pfuschlage getrudelt. Hier pfusche ich, ich kann nicht anders.“
„Meister Herwig, der Geteilte, sagt: Wer pfuscht, der kann sich nicht entwesen.“ Rüdi studiert übrigens Philosophie im Nachgang.
„Jetzt dies als Konklusion: Ohne Pfusch ist das Leben nur halb. Mit Pfusch ist es ganz oder gar.“
Rüdi, schwelgend: „Im Pfusch aber wieseln die Wahrheiten und vermählen sich ein über das andere Mal.“ Philosophisch einwandfrei, das muss ich ihm lassen, fast schon sich der Metaphysik nähernd.
Wir schweigen und überdenken den Sachverhalt. Nachdem wir geschwiegen haben, hängen wir eine Pause dran und nutzen diese, um die Humpen zu heben und zu senken. Vom Hebe- und Senkvorgang beflügelt, fasse ich einen klaren Gedanken und gebe ihn zu kund und wissen: „Mir ist der Arsch unter dem Hintern weggerutscht, wenn du weißt, was ich meine.“
„Es soll regnen, also orakelt der Wetterbericht, der heutige.“ Rüdi weiß komplett alles. Er studiert Philosophie. Er wischt sich Schaum vom Kinn.
„Mein Mühen bleibt ergebnislos“, fahre ich fort. Ich stülpe das Senfglas über mein ergebnisloses Leben.
Rüdi nickt. „Morgen gehen 24 Stunden dahin, aber hallo.“ Rüdi kennt sich in Fragen von Raum, Zeit & 3D aus. Seine Philosophie neigt allerdings zu kryptischen Verästelungen.
„Der heutige Tag wird enden wie der Tag des Herrn, der da zählet die Stunden und Minuten und davon die Bruchteile mit endlosen Kommastellen in Ewigkeit Amen“, erwidere ich.
„Ist der Tag lang, dann pfeifen die Gesellen und die Krüppel stagnieren.“ Heidegger hätte es nicht besser formulieren können.
Ich entdecke einen Gegenstand auf der Kommode. „Was liegt dort?“, frage ich und zeige auf den Gegenstand.
„Ein Ding.“ Rüdi weiß eben alles.
„Ein Ding mit einem Glasauge?“
„Eine Agfa Klack.“

Und da lief es mir siedend den Rücken hinunter bis zu dem Punkt, wo die Klempner ein Geweih tragen. Ein Fotoapparat! Wie Blitz und Scheunentor fiel es mir von den Augen. Wie hatte ich es nur vergessen können. Verdrängt gar? Freud? Psychomacke? Ödipus? Vatermord? Todestrieb?

Ich stürzte nach Hause, zu dem Ort, wo ich gerade zwischenwohnte, in das Kabuff von Rüdis Einzimmerwohnung. Zerrte aus der Tiefe meiner Aktenordner einen schmalen Hefter hervor. Meine alten Fotos.

Schon als Jugendlicher hatte ich mich der Fotokunst verschrieben, hatte schräge Szenerien aufgebaut und auf Rollfilm gebannt. Hatte farbrauschende Kompositionen zusammengestellt und abgeknipst. Hatte in der Natur Panoramen vorgefunden, die nur einem Seher wie mir ins brennend Auge stachen,  einem Seher, der den Blick für das ungewöhnliche und aussagekräftige Visuelle sein eigen nennt und damit wolllüstig um sich schweift.

Wie konnte ich meine Hochbegabung nur so lange unter den Scheffel stellen!

Ich nahm die Abzüge aus dem Hefter. Wie Asche aus dem Phönix glänzten die Kunstwerke wieder auf in Schwarzweiß und in Starkfarben, bereit, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ich fieberte, Schweiß brach aus meinen Poren und verströmte erkleckliche Gerüche. Fotografie: Nur dies konnte meine Lebensbestimmung sein. Alles andere: Ablenkung. Als Fotograf durch die Länder ziehen, exotische Frequenzen oder so was aufspüren, wahnsinnige Menschen knipsen, ikonografische Bettler aufstöbern, blutige Mafia-Gemetzel im Revier dokumentieren, heilige Kühe vor die Kamera zerren, Sonnenauf- und untergänge in einmaligen Farbschwellungen ablichten, dazu Porträts von runzligen Klageweibern und rauschgiftsüchtigen Jazztrompetern, Schnappschüsse von feisten Pfeffersäcken, letzten Mahlzeiten von Todeskandidaten, Mehlwürmern, Kontraktionen, Hula-Hopp-Reifen, Schuhsohlen,  und was weiß ich nicht alles.

Meine vom Alter geadelten und doch so frühreifen Fotoarbeiten schickte ich an den „Stern“, an „Schöner Wohnen“ und an die Agentur „Magnum Photos“.

Der Durchbruch!

Wochen später bekam ich die Umschläge mit den Fotos zurück. Beim Stern sitzen nur großtönende Lehrlinge und Saufbrüder. Schöner Wohnen sollte man in Scheißer Wohnen umbenennen. Und bei Magnum Photos? Dass ich nicht lache. Ein Haufen blinder Leichenwürmer. Wer seiner Zeit weit voraus ist, sollte sich nicht mit solchen Banausen einlassen. Mein Fehler.

Wieder stand ich vor dem Nichts.

Einige Fotos konnte ich in die Jetztzeit retten. Noch immer versprühen sie den Glanz von Genialität und dem geheimen Wissen um spannungsgeladene Motive.

 

Fotokunst 2
Schöner Wohnen: Badstudie

 

Fotokunst 6
Die Einsamkeit der Wölfe

 

Fotokunst 5
Architekturfotografie, Düsseldorfer Schule (Becher)

 

Fotokunst 4
Landflucht – Phänomen der Neuzeit

 

Fotokunst 1
Stadt ohne Hoffnung

 

Fotokunst 3
Kinderarbeit in einem Unterentwicklungsland

 

_DSF2633
Rasenfläche mit Baum

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