Verpasste Lebensläufe (9)

DAS TOBEN
Dann kam ich auf die Idee mit dem Theaterstück. In diesem Metier hatte ich mich noch nicht versucht, quasi unberührtes Terrain, brachliegende Chance, das Goldene Land per se. Ich tagte mit Rüdiger in seiner Wohnküchenschlafgästekabuffeinheit. Zwei Senfgläser mit Bocholt Bier wurden gehoben und gesenkt. Aus einer Kornflasche rann geistiges Nass.

„Ich komme zu dem Schluss“, artikulierte ich meinen gerade gefassten Gedanken und hob das Glas, „dass exakt zu dieser Klock 7 eine Wende eingeleitet wird.“ Die Uhr meldete sich mit 7 Schlägen, von draußen kam’s, von ferne doch und rief und lockte und kollerte zum Abendgebet.

„Doch wir bleiben hart, auf Treu und Gewissen“, widerstand Rüdi der Versuchung.

Ich ließ mich nicht ablenken: „Ein Zwei-Personen-Stück soll’s werden, ein Kammerspiel von Beginn an als Irreführung, denn im Verlauf schäumt es aufbrausend hin, zum Ende ein Orkan an Wortwitz & Dröselei, welcher das Publikum aus den Sesseln saugt und zurückschleudert wie ein Pümpel über dem Abflussrohr, der Flusen und Fettreste hochschlürft und niederspuckt. Option auf weitere Darsteller? Man wird sehen. Zunächst einmal ein Ehepaar. Es sitzt am Tische und sich gegenüber. Sie führt das Streitbeil, er wiegt bedächtig seinen Kopf zum Zeichen ungetrübter Abwesenheit.“

Zur Tür kam herein das Fräulein Lisbeth. Sie schnaufte leicht, wohl vom wilden Rasen auf dem Fahrrad, eines ihrer Vergnügen, im Gegensatz zum Ernst der Lage, die sie uns stets vorhielt in Sätzen, in denen die Wörter Rumgammeln, Nichtsnutzerei, Plemplem-Ideen, Flausen im Kopf, alberne Kalauer, kindisches Gehabe, postpubertäre Entwicklungsstörungen und dergleichen die Positionen 1 bis 10 verteidigten vor der Aufforderung, wir sollten endlich einmal ein vernünftiges, normalbürgerliches Lebenskonzept erstellen, eine Agenda, die wir hernach abarbeiten könnten, auf dass uns Wohlstand, Bauchspeck, Eigenheim, Respektbezeugungen der Nachbarn, Kegelvereinsvorsitz, VW Käfer, Stiftzähne und Altersrente das Glück auf Erden bescherten.

Erklärung zu Lisbeth
Freundin von Rüdi, der aber nichts mit dieser Liaison anfangen kann. Sie ist einfach da. Eine sportgestählte Frau, Anfang bis Mitte 20. Brünett. Braune Augen. Kein Reh! Blitzdenkerin. Studiert irgendetwas mit Biologie und engagiert sich für Bäume, Bienen, Blätter & Blattern. Weiß alles noch besser als Rüdi, der Philosoph. Als Ausgleich und um sie zu ärgern nennen wir sie Fräulein Lisbeth.
Ende der Erklärung

Zusatz zur vorherigen Erklärung
Frl. Lisbeth ist oder war auch zeitweilig mein Liaison-Verhältnis. Sie kann sich nicht entscheiden.
Ende des Zusatzes zur vorherigen Erklärung

„Sie führt also das Streitbeil“, schnauft Frl. Lisbeth mit absteigender Intensität. Sie hat meine Ausführungen mitgehört draußen auf dem Flur und in der Heide (dieser Satz steht als Nachweis für den lisbethschen Vorwurf der albernen Kalauer).

„Das Streitbeil“, sage ich.

„Wenn das Beil zum Streite ruft“, theatralisiert Rüdi.

Frl. Lisbeth setzt sich auf die Bettkante und streift ihre Strickmütze ab. Ihr Haar fällt in luftigen Locken auf ihre Schultern. Sie öffnet die Jacke, denn es ist ihr zu heiß hier. Heraus fallen zwei herrliche Brüste in Zimt & Zinnober, und auf jeder Brust ragt … ach, wie aufregend könnte es mal wieder mit ihr sein, aber nein, unter der Jacke wölben sich nur meine Fantasien & Fummelgedanken. Frl. Lisbeth sieht verdammt verführerisch aus, und sie weiß es. Warum sie sich mit uns Losern (noch eines ihrer Charakterisierungen) abgibt, verstehen wir nicht. Sie könnte den Besten der Besten haben, und das ist Adrian Schultze-Möcklinghaus, Doktorant in Jura und Politikwissenschaften, angehender Bundeskanzler, Konzernchef, Stardirigent, Oberster Feldherr, Nobelpreisträger, Mafiaboss, weniger wäre undenkbar.

Zur Erinnerung
Adrian Schultze-Möcklinghaus spielte in meiner Schulzeit den Klassenprimus, und das virtuos auf der Klaviatur des Anschleimens, die Arschgeige die, der Sausack, karrieregeiler Gierlecker, schmieriger Schweinehund, Pavian…
Abbruch der Erinnerung

„Der erste gesprochene Satz ist das wichtigste“, gab Rüdi zu bedenken, ohne sich um Frl. Lisbeth zu kümmern. „Wenn du den Anfang vergeigst, verflüchtigen sich die Zuschauer oder trampeln mit den Schuhen und reißen dem Regisseur den Kopf ab.“

„Längst bedacht“, lächelte ich, und meine Genugtuung über meinen Coup fraß ein Loch in meine Hosentasche, „die Eheleute sitzen und also am Tisch. Ehemann Alfred hebt ein Glas Bier. Wenn ich genau hinschaue, erkenne ich ein Senfglas wie das unsrige.“

„Warum kredenzt mir niemand in dieser Scheißhöhle ein Bocholt, he?“, warf Frl. Lisbeth ein. Sie hatte ihre Jacke über einen Haufen Bücher gelegt, die den Boden bedeckten. Über die Analogie ‚Bodendecker‘ hatte die Biologin & Pflanzenkennerin keine Stirn gerunzelt noch gekraust. Sie fuhr auf geistreiche Wortspiele ab, nicht auf die Abfallprodukte meiner Kreativität.

Ich, weiter, mit erhobener Stimme (wie kann eine Stimme erhoben sein, fuhr es mir dazwischen, oben an der Decke seh ich keine Stimme, kann sie fliegen? Bevor ich mich in der Abweichung zu verlieren drohte – ein Pendant zu meiner bisherigen Lebensplanung, grätschte es mir nun außerdem dazwischen –, ging ich nicht etwa in mir, um zum Kern meiner Sprechabsicht zurückzugelangen, sondern äußerte lauthals, – ah, immer diese Lauthalsigkeiten, schlug es quer in den Gedankensalat – aber die Lauthalsigkeit brachte mich zurück zum Ursprung von ‚Ich, weiter, mit erhobener Stimme‘, und gleichenteils hob ich meine Hand, um mir Gehör zu verschaffen. (Zwischendurch war mir auch noch die ‚Klammer zu‘ abhanden gekommen).

„Wolltest du nicht was sagen?“, frug Frl. Lisbeth. Sie hatte inzwischen ein Bocholter geleert und lag betrunken auf dem Bett. Nein, nicht betrunken, befeuert eher, aufgebauscht nach Strich & Bogen, und die Locken ihres Hauptes flossen über Stein & Bein, rieselten in Nebenhöhlenkatakomben und blendeten die Sinne anwesender Herren.

Ich:
„Die Frau schaut missbilligend auf das Tun ihres Gatten. Sie öffnet den Mund, den schwarzgezähnten, zum Gebell. Es fällt der erste Satz.“

„Ich höre“, sagte Rüdi.

„Ich höre?“, frug Frl. Lisbeth, besoffen vom faustischen Glück.

„Aber nein“, widersprach ich, „nicht ‚Ich höre‘. Mit ‚Ich höre‘ sackt die Stimmung ins Unbedeutende. Die vorderen Zuschauer würden gelangweilt zu ihren Zeitungen greifen, mal sehen, was das Kreuzworträtsel an Abwechslung bereit hält.“

Frl. Lisbeth stöhnte. Gleich würde sie einen Orgasmus vortäuschen.

Rüdi senkte das Glas und führte geistiges Nass an seine Lippen.

„Nun?“, drängte ich, „wie lautet der einzig mögliche Erstsatz, der die Spannung bis zum Bersten auflädt?“

„Sag an“, keuchte Frl. Lisbeth. Den Höhepunkt verschweigt sie meistens, das Luder.

„Sag es oder stirb“, tönte Rüdi in männlicher Manier.

Ich:
„Pah!“

Wir schwiegen. Wir schmeckten den ersten Satz ab. Hatte er genug Brisanz? Verriet er etwa zu viel? Oder erregte er wie beabsichtigt die Neugier auf mehr, eine juckende Ungeduld, was würde im nächsten Moment passieren, ein Mord gar, eine dahinraffende Seuche, eine überraschende Besucherin oder aber der ausbrechende Wahnsinn des Gatten, dargestellt in zwölf Szenen, eine Nachtmahr, die das Herz des Zuschauers in 1000 Eisstückchen zerspringen lässt?

„Pah!“, echote Rüdi, „mir scheint, das Wort ›Pah‹ genügt keineswegs den Anforderungen, die an einen Satz gestellt werden. Nach ›Pah‹ gehört noch etwas, Wörter zum Beispiel, aneinandergereiht wie Wäscheklammern an der Leine.“

Dieser Rüdiger wurde mir immer unheimlicher. In jedem Haufen Mist fand er einen Haken, ein Philosoph eben, durch & durch. Mich aber konnte er nicht niederringen. „Dann pass auf“, sprach meine Zunge, die unter dem Einfluss von geistigem Nass ein wenig torkelte. Und ich breitete die erste Szene meines Theaterstückes aus.

DAS TOBEN

BRIGITTA: Pah! Das Weibsstück hat nur eins in ihrem gierigen Blick: dein Geld, auf dass du’s weißt. Nur dafür macht sie die Beine breit, die ausgeleierten. Du vertrockneter Zausel aber wirst von dem Flittchen ausgenommen wie eine Poularde am Weihnachtstisch, wie ein Schwein am Fleischerhaken, wie ein toter Fisch auf der Spüle, wie ein vollgeschissenes Kanalrohr, wie eine Waschmaschine mit 1000 Flusen im Sieb, wie die Güllegrube am Rande des Überlaufens, wie Herzklappen im Blute der Operation, wie …
ALFRED, kreidebleich, dazwischenfahrend: Genug, genug, mir wird ja noch speiübel, wenn ich dein Toben vernehme, so speiübel gar, wie wenn ich Froschlaich würge, wenn Hosenflöhe mir am Sacke kratzen, wenn Lagerbier das Laken feuchtet, wenn der Mops in den Gulasch pinkelt, wenn Kot mit Schimmel sich vermählt, wenn sieben Beutelratten vom Kirchturm fallen, wenn im Barte des Propheten die Ungläubigen salutieren, wenn ein Furunkel zwischen den Zehen wütet, wenn …

„Und so geht es weiter und weiter“, prostete ich und ergötzte mich mit einem Tropfen geistvollen Nasses, „Brigitta tobt sich in immer grausigere Beispiele hinein, während Alfred sich in einen Wahn von Vorstellungen steigert, bei denen ihm und die Welt speiübel wird. Irgendwann können die Zuschauer es nicht mehr aushalten. Sie springen auf und toben mit. Sie führen einen Krieg der Worte. Sie explodieren und verursachen eine widerliche Schweinerei im Foyer und auf den Rängen. Sie sind Teil des Stückes. Sie sind das Stück. Sie teilen sich in zwei Lager. Das weibliche Lager schleudert Schreckensmeldungen über die Abgefeimtheit der Hure, die den Gatten ausnimmt:

wie eine Kakerlake am Spieß der Stecknadel, wie ein baumelnder Belgier am Galgen, wie die modernden Reste einer Moorleiche, wie nackte Schnecken im Sud der Säure, wie …

Aus der männlichen Front prasseln Wortkartätschen, bei denen es den Saaldienern speiübel wird, und nicht nur denen für alle Zeit und Ewigkeit, wüste Weisen wie:

wenn Speichel in den Kaffee schleimt, wenn Augäpfel in ihren Höhlen faulen, wenn Touristen auf Mallorca feiern, wenn alte Kracher Bussi geben, wenn Schaben in die Jacken kacken, wenn …

Die beiden Schauspieler aber verstummen, verwandeln sich in das eigentliche Publikum. Die Rollen sind vertauscht. Das Toben. Ein Drama mit zwei Zuschauern. Was sagst du, Kenner des Theatralischen. Wird der Erfolg auf den Bühnen der Welt mir zu Kopfe steigen?“

Rüdi hob das Senfglas. Ich senkte meines. Auf halben Weg stießen wir miteinander an. Wir sagten kein Wort, welches den Einklang unserer Empfindungen hätte stören können.

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