Verpasste Lebensläufe – (10)

Als Student war ich es gewohnt, mir selbst die Haare zu schneiden. Manchmal, wenn Frl. Lisbeth sich erkeckte, eine Runde Nachtleben mit Rüdi und mir zu spielen, nur um uns hinterher die Daseinslosigkeit unseres Daseins aufzuzeigen in bewährt anklägerischem Tonfall (der uns immer besser gefiel, quasi sich von Fall zu Fall in die Niederungen unseres Krepierens sank: Fallen! Anspielung! Wortwitz!), manchmal also erbot sich Frl. Lisbeth, die Schere in die Hand zu nehmen und aus unseren Haarschöpfen qua rüstig hineingefräster Lichtungen und Schneisen erhellende (Wortwitz!) Haarschöpfungen zu modellieren. Die übrig gebliebenen Strähnen flocht sie mit flinken Fingern zu Zöpfen und Afrokreationen.

Angesichts dieser Arbeit am Menschen und seiner Behaarung keimte der meinige Gedanke, die Lisbethschen Resultate aufs Papier zu bringen, wobei mir der seinerzeitige Kunstunterricht bei Herrn Beierlein zugute kam, nämlich dahingehend, dass die Abstraktionen, die wir Schüler abzuleisten hatten, wenn wir einen Wald oder einen Bollerwagen auf das Zeichenblatt zu werfen hatten, in keiner Weise die uns angeborenen Zeichen- resp. Kopierfertigkeiten beeinträchtigten, sprich, die Fähigkeit, elegant den Stift zu führen blieb mir erhalten und konnte nicht durch den Unterricht des Herrn Beierlein kaputt pädagogisiert werden.

Zurück zu den Frisierkünsten von Frl. Lisbeth. Wenn sie fertig war, rief sie „Es ist vollbracht“ und schwenkte den Handspiegel, und dann zeichnete ich mit dem Bleistift ihre Werkkunst ab, zwar seitenverkehrt, da ich mein Spiegelbild kopierte, aber das tat der Real-Entsprechung keinen Abbruch. Eine Ahnung meines neuen Berufsbildes schwebte da schon ein wenig durch meine mitunteren Gedanken: Radikalrealist, Frisurenabbildner.

Alles schien gelungen, und da es nichts zu verbessern oder beschönigen gab, schickte ich das Blatt mit den Zeichnungen unserer Haarkreationen mehreren Fachzeitschriften zu („Das Hahr im Jahr“, „Dengeln: Scherenschärfen professionell“, „Die Locke im Schwund der Zeit“, „Krause Welt“).

Und jetzt kommts: Keine der Redaktionen machte sich die Mühe, mir zu antworten, mich auch nur mit einer Empfangsbestätigung zu trösten. Dafür, obacht, lag 6 Wochen später  ein Exemplar des Satiremagazins „Die Super-Funzel“ im Briefkasten, tatsächlich an mich adressiert. Und was glaubt ihr wohl, liebe Kinder, raschelte da zwischen den Seiten 34 und 35 hervor? Ein Igel!!! Ach Quatsch, ich hatte grad den Tierfreund im Radio gehört, das färbt ab, nein, nicht ein Igel, sondern meine Zeichnungen. Text war auch dabei, mein Gott. „Die Super-Funzel“ hatte mein Talent erkannt, hatte meine Berufung aus dem Dornröschen und die 7 Zwerge, also aus dem Schlaf geweckt: Satire.

 

frisurenB2

 

Gut, eigentlich waren meine Entwürfe ernst gemeint, aber was soll’s: Erfolg, Erfolg, Erfolg. Rüdi, Frl. Lisbeth und ich gingen auf Sause, Reeperbahn rauf und runter und rauf und runter, und wenn wir nicht gestorben sind… am nächsten Morgen waren wir pleite, verkatert, hungrig und ziemlich verdreckt.

Egal, endlich hatte ich den richtigen Dreh gefunden. Verpasste Lebensläufe gehörten von jetzt an auf den Müll meiner Geschichten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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