Verpasste Lebensläufe (11)

DAS LOCH
Mit der Karriere als gnadenlos ätzender Satiriker und Karikaturist wurde es dann doch nichts. Ich hätte es mir denken können. Innerhalb einer Woche – die Nächte nicht mitgezählt – hatte ich 420 Zeichnungen und rund drei Kilogramm spitzzüngiger Texte an die zwei existierenden Satiremagazine adressiert und zur Post gebracht, und als ich tags drauf in meinen Briefkasten schaute, gähnte mich stumpf die Visage der Generalignoranten an in Gestalt der Chefredakteure der beiden lachhaft langweiligen Witzblättchen, so imaginierte ich die rostige Stelle an der Rückwand des Kastens.

Mann, was hatte ich von den Absagen die Schnauze voll.

Inzwischen war ich in den Einzimmerkellerwohnraum im noblen Vorort Nienstedten umgezogen und brauchte nur noch eins: Geld. Geld zum Überleben. Und wieder fiel mir die Musik auf die Füße, die einzige Passion, mit der ich mich über Wasser halten konnte. Eine Anzeige im Hamburger Abendblatt lenkte meine Schritte gen Blankenese zu einer dort ansässigen Kneipe, die tagsüber auch als Übungsraum der Beatband The Tunix diente. Sollte wohl witzig sein, der Name, aber ich schwieg. Mein Lachen hätte falsch ausgelegt werden können.

Meine prekäre Lage ließ keinen Spielraum für Hohn oder Überheblichkeit zu. War hier eh nicht angebracht, denn die drei Typen von The Tunix passten so gar nicht in das bürgerliche Beuteschema ‚Rockmusiker mit Undergroundpotential‘. Im Gegenteil, die braven Bubis sprachen gepflegtes Deutsch, kannten ihr Handwerk, und der Sänger, ein Wuzzi mit Napoleonkomplex, der sich sich den Künstlernamen Franz Tortellini verpasst hatte (ich schwieg schwer betroffen und hielt die Luft an; später in der S-Bahn würde ich platzen), ja, dieser Sänger hatte (das glaubst du nicht) sogar ein Jahr Gesangsunterricht genommen und konnte 7 Stunden volle Kanne singen, ohne dass auch nur ein Heiserkeitsfederchen seine Stimmbänder angekratzt hätte. „Alles Technik, Zwerchfellatmung“, wie Franz Tortellini beiläufig erwähnte zum Zwecke des Sich-Abhebens von den übrigen Schreihälsen der Hamburger Beat- oder Rockszene. Ich fiel vor Staunen nicht mehr heraus: Berti (nicht der von Cindy & Bert), der Bassist, konnte ein abgebrochenes Trompetenstudium nachweisen, und der Drummer Hacki konnte nach Noten kloppen.

Es hätte mich misstrauisch machen sollen. Studierte Beatmusiker? Aber welches Argument findest du noch dagegen, wenn dir drei bis vier gutbezahlte Gigs pro Woche in Aussicht gestellt werden und dazu jede Menge Studiojobs?

„Studiojobs?“, frug Rüdi, und Frl. Lisbeth, die mit ihren Rennrad über die Elbchaussee herbeigeflitzt war und ihren Weiberschweiß in geradezu viehischer Weise aus ihren Poren presste, klinkte sich mit der Bemerkung ein, als Model müsste ich erst mal die Hantel in die Hand nehmen und Proteinzeugs in mich hineinschütten, denn so einen Hungerhaken mit Hängebierbauch wie mir würden die Modeagenturen auf die Wäscheleine zum Trocknen hängen. Frag nicht, wie sie auf Wäscheleine kam.

„Gemeint sind Studiojobs in Musikstudios“, rief ich, „nicht im Fotostudio. Aufnahmestudio, Plattenstudio, Musik halt, Noten und so was, Tonleitern, Quintenzirkel, F-Dur, geile Licks, Background, Humming, all das.“ Da hatte Frl. Lisbeth aber schon eine Flasche Bocholt Bier heruntergestülpt und sank besoffen auf meine Pritsche. „Heh“, protestierte ich, „du stinkst mir nicht meine neue Schlafstelle voll. Zieh vorher deinen Schweißfeudel aus.“

Hintergedanke! Sie zieht ihr verschwitztes T-Shirt aus und Rüdi und ich haben was zum Gucken und Onanierfantasieren. Weil, das Frl. Lisbeth konnte sich einfach nicht zwischen uns entscheiden, und das Ende vom Lied besang den Mangel an Befriedigung aller drei Personen.

Wie es ihre Gewohnheit war, begann Frl. Lisbeth einen Orgasmus vorzutäuschen, aber darauf fielen wir nicht herein. „Du stöhnst zu früh und zu laut“, sagte Rüdi, „da muss eine Steigerung hinein. Von leise zu laut.“ Ich pflichtete ihm bei: „Crescendo. Und das Röcheln nicht vergessen. So wird das nix mit dem Orgasmus. Immerhin, den Schweißgeruch könnte man akzeptieren.“

Das Problem mit der Band The Tunix waren nicht die vielen Gigs und die Studiojobs. Das Problem war der Einstand. Die Mitgift. Hier eine kleine Aufzählung der benötigten Kleinteile und Ausrüstungsgegenstände, die mich berechtigten, um an der Gagenkumulation der Band teilzuhaben:

– Einen Wagen. Den Bandwagen. Einen Ford Transit mit Zwillingsreifen hinten, damit The Tunix rechtzeitig die Schwofschuppen erreichen konnte, auch auf verschneiten Gebirgsstraßen.
– Einen Frack. Weil die Musiker von The Tunix Noten konnten. Denn weil die Tunix Noten konnten, spielten sie auch auf High Society-Events, sprich bei Blankeneser Millionären, auf Porsche-Treffen, in Schlössern, auf nationalen Tanzwettbewerben und in Elbchaussee-Villen. Da hieß es, schnell & wendig Musikwünsche erfüllen, und da niemand alle Titel der Welt auswendig kann, schleppten wir die Notenmappen mit. Dazu ein bisschen frechen Rock’n Roll, Bill Haley, Elvis. Wozu der Frack? Weil die Upper Class standesgemäß eingekleidete Bedienstete erwartete. Also Frack.
– Neue Gitarre. Eine Fender. Oder Gibson. Meine Framus auf den Müll. Klingt nicht angemessen.
– Neue Verstärkeranlage. Einen angesagten Marshall-Turm, zwei Boxen, 100 Watt Amp.
– Zusätzliche Bühnenklamotten: Fantasieuniformen, einheitliche Hemden (vom Reeperbahn-Musik-Ausstatter), Stiefel.

Hatte ich zuvor nichts auf dem Hemd außer der monatlichen Mietforderung, so stak ich nach Erfüllung aller Mitgiftwünsche von The Tunix in dem über mich hereingebrochenen Loch einer 5 000 DM-Verschuldung, was damals dem Vermögen eines arabischen Ölscheichs gleichkam. „Ein Loch kann nicht über einen hereinbrechen“, belehrte mich Rüdi, der Philosoph. Das machte meine Schuldenlast auch nicht kleiner.

Hätte es nicht eine ärmliche Existenz als Satiriker in feucht-kalter Schreibstube auch getan?

 

 

 

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