Fräulein Siemtje packt es

Zum Thema Kunstrasen und Mikroplastik

Mit einem in Berlin ertrotzten Sportstätten-Zuschuss von vier Millionen Euro hat die Bundestagsabgeordnete Siemtje Möller die Vareler Polit- und Sportkreise in gesundheitlich bedenkliche Euphoriezustände versetzt. Unser Fräulein Siemtje von Varel, ein sich anbahnendes modernes Pendant zum Fräulein Maria von Jever, hatte alle Hürden überwunden, die politische Meinungsbildung im Laufschritt überholt, den Kunstrasen als heiliges Kalb abgesichert und Langendamm als Wunschareal pekuniär eingesackt.
Der Erfolg ehrt ja das Fräulein Siemtje, aber schauen wir uns mal den gefühlt nicht mehr verhandelbaren Kunstrasen an.
Kunstrasenplätze werden meist mit Einstreugranulat verfüllt, welches sich dann in Form von Mikroplastik in der Umwelt anreichert. In der Natur sind die Partikel nahezu unzerstörbar. Bis zu 100 Tonnen des Einstreumaterials können auf dem Platz liegen. Am gängigsten ist eine Verfüllung, die aus alten Autoreifen hergestellt wird. Laut einer Studie des Fraunhofer- Instituts zählt der Abrieb von Sportplätzen zu den größten Quellen von Mikroplastik-Partikeln in den Meeren. Das Zeug enthält auch Umweltgifte wie Flammenschutzmittel, UV-Stabilisatoren und Weichmacher. Es besteht der Verdacht, dass der Füllstoff krebserregend ist. Die Emission der Kunstrasenplätze in Deutschland wird auf 8000 bis 11000 Tonnen im Jahr geschätzt.
Das alles müsste reichen, um an den Kunstrasen keinen Gedanken mehr zu verschwenden. Müsste. Wir haben es aber mit Vareler Politikern zu tun, die keine Lust auf das Biosphärenreservat haben, und von denen einige lautstark auf die Schülerdemonstrationen schimpfen. Wenn man die Fakten zusammenlegt, schält sich eine hässliche Perfidie heraus: Mit einem Kunstrasen beschert man den Jugendlichen ein Angebot, das sich sportlich und gesundheitsfördernd gibt, tatsächlich aber toxisch ist. Nicht für die Sportfunktionäre und Politentscheider. Sondern für die Zukunft der Jugendlichen. Ist das hinterhältig oder einfach nur ignorant? Kraft ihrer Überzeugungskraft könnte Siemtje Möller den angepeilten Umweltfrevel sicher abwenden. Und dann das »Fräulein« als Ehrentitel stolz im Namen führen.

Hans Joachim Teschner

(Kommentar im Friebo 16/2019, vom 20. April 2019)

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