Zu Weihnacht verschenke ich immer selbstgebastelte Ziehharmonikas. Dazu nehme ich einen Bogen festes Papier und falte es wie ein Leporello wechselweise links- und rechtsherum – Origami ist nichts dagegen. Auf jedes der Blätter schreibe ich ein Gedicht, natürlich aus der eigenen Feder. Zieht man die fertige Harmonika auseinander, entfaltet sich ein Strauß poetisch geblümter Zeilen. An der Küste heißt das Akkordeon ja auch Schifferklavier, und deshalb fällt mir kein Arm ab, wenn man meine Reime als Schifferpoesie tituliert. Oder als Quetschlyrik, denn das Akkordeon geht auch als Quetschkommode durch. Ja, gequetschte Lyrik trifft es einwandfrei, weil der Heimatluftkompressor – eine weitere Bezeichnung des Instruments – meine Verse so zusammenkompresst, bis auf jedes Blatt ein kommodes Quetschgedicht passt, z. B. dieses:
Es flockt der Schnee so mehlig fein
wie Funkenflug und Asche,
er wehet hie und dort hinein,
aufs Hemd und in die Tasche.
Wer die beiden Enden meiner Poesieharmonika zusammenführt und aneinanderklebt, erhält eine Ausstechform für die Weihnachtsbäckerei. Tipp: Nach der Schweinerei mit dem klebrigen Teig die Form auf den Tisch stellen und ein Teelicht in die Mitte platzieren. Jetzt schimmern die Reime heimelig im flackrigen Rund, ein Altar der Innerlichkeit. Wenn die Kerze abgebrannt ist, kommt der Rostocker Doppelkümmel auf den Tisch, und die Weihnacht kann beginnen.
