Neulich im Schuhgeschäft

Neulich im Schuhgeschäft

»Dieser Schuh klemmt.« Der korpulente Herr auf dem Schuhanprobierhocker bückt sich, wobei ein Knopf von seiner Daunensteppjacke abspringt. »Hier ist es viel zu heiß zum Schuheanprobieren«, beschwert er sich mit rasselnder Stimme.

»Wenn die Hitze im Schuh stockt, quellen die Füße auf wie ein Hefeteig«, schaltet sich eine Frau ein, die zwei Anprobierhocker weiter eine Anprobiersocke überstreift. Es ist Frau Brammer. »Mit aufgequollenen Füßen kauft man die Schuhe eine Nummer zu groß, und dann stolpert man und holt sich einen Schenkelhalsbruch.“

»Davon könnte ich eine Sinfonie in E-Dur singen«, fällt der Rassler ein, »mit vier Kreuzen, wenn sie wissen, wo der Hase läuft.«

»Ach«, flötet Frau Brammer, »Sie scheinen mir sehr musikalisch zu sein. Vier Kreuze, das zeugt von Talent.«

Eine andere Kundin schaltet sich ein: »Vier Kreuze für ein Halleluja, das kennt doch jeder.«

»Wenn das Schuhwerk an den Fersen scheuert …«, versuche ich, den Fachdiskurs wieder aufzunehmen, »ist der Wundbrand nicht weit und…«

»Wundbrand?«, unterbricht mich Frau Brammer, »das ist gar nichts. Wer mit eiternden Hühneraugen gesegnet ist wie ich, kann sich gleich beim Hospiz anmelden.«

»Ein Schuh muss stets wie ein Ei zu anderen passen«, wirft ein Herr aus der Sandalenabteilung ein. Herr Brammer!

»Mein Mann«, sagt Frau Brammer zum Rassler, »er kleidet seine Gedanken oft in poetische Bilder. Einmal wollte er sogar Redakteur werden.«

»Eine treffliche Metapher«, lobt der Rassler, »da hätte sogar Thomas Mann seine Ohren gespitzt.«

Inzwischen hat die Schuhverkäuferin fünf weitere Schuhpaare ausgepackt. »Dieser Schuh hier«, wirbt sie mit einschmeichelnder Stimme, »hat einen vorzüglichen Schlupf und ist am Schaft elastisch.«

Sie hat nicht mit Herrn Brammer gerechnet. »Mit Gummibändern den Pfusch verbergen«, pfeift er sie an, »das riecht nach Billigkopien aus China. Ich sage nur Kinderarbeit.«

Bei dem Wort Kinderarbeit springt der Musikus auf: »Gewisse Leute bestellen im Internet drei Paar Schuhe und lassen sie dann zurückgehen.«

»Das sind die«, pflichtet Herr Brammer bei, »die den Tod des Einzelhandels auf ihre Fittiche geschrieben haben. Wer hier«, Herr Brammer blickt sich drohend um, »ohne Einkauf wieder hinausgeht, hat sich als fünfte Kolonne des Mittelstands verraten.«

Mir wird heiß. Ich habe kein passendes Schuhpaar gefunden. Ich versichere, dass ich nur Kartoffeln kaufen wollte und mich in der Tür geirrt hatte.

Frau Brammer hat sich erhoben. »Zwischen Spann und Leder gehört ein Zwischenraum«, herrscht sie die Verkäuferin an, »sonst herrscht keine Zirkulation, und die Zehen verfaulen im eigenen Sud.«

In der nächsten Folge erzähle ich, wie mir die Brammers beim Kartoffelkauf zur Seite gestanden haben.

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