Steinhude auf einen Sprung

Steinhude am Steinhuder Meer geizt nicht mit dem wahrhaft Essenziellen, das einen Ort am Meer zum Ort am Meer macht: Fresslokale auf Schritt und Tritt, Vergnügungsparks, Springbrunnen, Kunstgewerbe mit Plüschgedöns als auch handwerkliche Preziosen, die einem die Socken vom Schädel hauen, Dönergeruch, sogar ein Insektenhotel, pardon, Insektenmuseum, überhaupt Museen satt, mindestens zwei historiale Fachwerkhäuser und und und, ein Angebot, welches wir – wie auch in allen anderen Touristenzentren – noch nie vermisst haben. Aber hinter dieser Fassade lauert ein anderes Steinhude, eine Begegnungsstätte der unkonventionellen Art, die Hintersinn mit schierer Lebensunlust verknüpft. Zunächst gilt es, sich den Zugang zu alledem freizuschaufeln.

Denn kaum angekommen, stoßen wir auf Pollerbarrieren, die unmissverständlich drohen: Hier kommst du nicht weiter, hier heißt es Blutzoll zu zahlen, sprich, das Eigentliche des Deutschen, sein Auto, stehenzulassen und der Untätigkeit vor den Pollern zu überantworten.

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Die panzerbrechenden Poller können zur Tarnung versenkt werden. Der Feind ahnt nicht Böses und dann …

Doch wer umherirrt findet: Nämlich ein Hinweisschild, wo es und wohin es dennoch weitergeht.

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Auf geht’s, den Fuß aufs Gaspedal gestemmt, das Scheunenviertel im Visier.

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Der leere Parkplatz lädt zum Shoppen mit dem Auto ein. Doch April April das ganze Jahr, der Steinhuderer Pollerknecht war vorher da.





Weiter geht die Odyssee, und schau nur, halb verhungert entdecken wir eine verschwiegene Zufahrt zum Stein und Meer.

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Doch wieder war der Steinhuderer schneller: Antike Eichenpoller, aus dem Meer gefischt, verwehren dem auswärtigen Konsumfetischisten die letzte Hoffnung auf ein Durchkommen.

Es nützet nichts: Wir sind gehalten, den Rucksack zu packen, Proviant zu bunkern und uns dann per pedes oder auch per Velo zum Zentrum durchzuschlagen.

Schon an der ersten Wegebiegung lädt eine Stätte zu Rast, Einkehr und Kontemplation ein.

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Ja gut, wenn da nicht die Münzstation steil aufdräuet. Den Obulus zu entrichten heischt ihr Räderwerk, für den Ruheplatz, aber nein, Entwarnung, bei genauem Hinsehen entpuppt sich der Eintrittsautomat als Münzfernsprecher, getarnt als Münzdruckapparat, dessen Erzeugnisse lustig in den steinhudernden Kübel in Königsblau klimpern, sobald man akkurat die Kurbel in Schwung versetzt.

Entkräftigt vom Kurbeln, Münzdrucken und Königsblau sucht der Gast ein ruhiges Örtchen der Entspannung. Nach nicht einmal einem Fingerschnipsen materialisiert es sich: Verführerisch lockt ein bequemes Sitzgestell, famos geschützt zwischen Tonne und Tonne, und kein Poller verwehrt den Zutritt. Hier kann der Tourist wieder Kraft tanken und den Nachmittag verschlafen. Urlaub, wie er leibt und lacht.

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Die Sportlichen aber schwingen sich aufs Velo und ziehen weiter, noch ist das Wasser nicht in Sicht. Unterwegs radeln sie an einem Premiumstellplatz für ein Premiumfahrrad vorbei, ausgewiesen nur für VIPs (Bundespräsident Steinmeier, King Charles III, Rentnerin Merkel), die hier an regensicherem Ort ihr Radl unterstellen können.

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Premiumstellplatz für VIPs

Eine Runde weiter ist auch fürs gemeine Radlervolk gesorgt: Vier Stellplätze mit viel Luft drumherum. Volk braucht halt Raum.

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Der Abend naht, das Meer tritt in Sicht. Eine Meerjungfrau, künstlerisch ausgeformt nach Interpolation des goldenen Schnitts, schaut sehnsüchtig übers Wasser. Hier beweist der Steinhuderer seinen Sinn für die ganz große Kunst.DSCF0340



Unwillkürlich umfängt den Betrachter die Aura des Kunstwerkes, die »einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag.«, ein schlagender Beweis für die Theorie von Walter Benjamin selig.













Das Ziel, das nahe Wasser, so fern es auch sein mag, ist erreicht, und wir treten reich beschenkt den Rückzug an. Im Ort, den der Steinhuderer ungeschminkt als sein Steinhude preist, passieren wir noch eine letzte Merkmaligkeit, die geheimnisumwitterte Saugstelle.

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Vermutet wird, dass früher den Müttern die Milch abgesaugt wurde, um diese den notleidenden Fischern zur Verfügung zu stellen, denen mit Pollern der Zugang zu den Fischgründen verwehrt wurde.
Andere schwören, dass zufällig Vorbeilaufenden das Gehirn aus dem Kopf gesaugt werden soll, um sie vor unangemessenen Gedanken zu bewahren (Gendersprache, gleichgeschlechtlicher Liebeswahn, AfD-Liebäugelei).
Wir verspüren ein Gruseln bei dem Gedanken, der Saugrüssel könne es sich anders überlegt haben und sich unserer bemächtigen, um statt unseren Kopf unseren Darm zu entleeren, wo man doch heute weiß, dass der Darm das eigentliche Gehirn des Menschen ist. Bloß weg von hier.

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