Neulich, beim Optiker

Neulich, beim Optiker

Der Kunde vor mir beugt sich über den Verkaufstresen: »Inzwischen brauche ich schon drei Brillen. Zwei für zuhause und eine fürs Auto.«

»Das ist gar nichts«, schallt eine Frauenstimme aus der Ecke, »ich brauche fünf Brillen, und zwei sind immer da, wo man sie nicht findet.« Ich drehe mich um und entdecke Frau Brammer am Probiertisch.

»Davon kann ich ein hohes Lied singen«, bestätigt der Kunde. Ich steige in den Diskurs ein: »Für den Computer benötige ich eine …«

»Das ist gar nichts.« Wieder Frau Brammer. Sie setzt sich ein Brillengestell auf und starrt mit hocherhobenem Kopf in den Spiegel, wie ein Huhn beim Wasserschlucken, ein alte Lesegewohnheit. Dabei sind keine Gleitsichtgläser in dem Gestell.

»Was wünschen der Herr?« Diesmal der Optiker, in vornehmer Diktion zum Kunden vor mir.

»Eine Batterie für meine Armbanduhr. Die setze ich selbst ein. Mit der Rohrzange kriege ich den Deckel auf.« Hinten klirrt es. Frau Brammer hat die Brille fallen lassen. »Die Brille ist kaputt«, ruft sie, »das Glas ist herausgefallen.«

»Ach«, schwächelt der Optiker, »es ist nur Fensterglas.«

»Fensterglas?« höre ich eine Männerstimme aus der anderen Ecke. Herr Brammer! Er biegt gerade ein Brillengestell auseinander, das zu klein für seinen Schädel ist. »Bei Fensterglas kann man sich verletzen.«

»Genaugenommen«, wiegelt der Optiker ab, »handelt es sich um Kunststoff, quasi Plexiglas.«

An diesem Punkt der dioptriengeschwängerten Höflichkeiten befallen mich Zweifel, ob ich überhaupt zum Optiker wollte. Vielleicht wollte ich nur Kartoffeln kaufen und hatte mich in der Tür geirrt. »Plexiglas verkratzt immer«, kracht Herr Brammer in meine Zweifel.

»Aber es splittert nicht«, schlaumeiert der Kunde mit der Rohrzange.

»Und es ist leicht und drückt nicht auf der Nase«, versuche ich ein letztes Mal mich einzubringen.

»Da möchte ich Sie nicht bei Sturm sehen«, meckert Herr Brammer, »der fegt die Brille weg, und Sie sehen nur noch Bahnhof, hahaha, sehen, Bahnhof.«

Es knackt. Herr Brammer hat das Brillengestell auseinandergebrochen. »Diese Brille taugt nichts«, lässt er uns wissen.

In der nächsten Folge erzähle ich, wie die Brammers mir beim Kartoffelkauf zur Seite gestanden haben.

Hinterlasse einen Kommentar