Neulich, in der Kunsthalle

Neulich, in der Kunsthalle

»Wenn Sie etwas beiseitetreten würden, könnte ich den van Gogh auch betrachten.« Sagt der Herr zu der Dame vor ihm. Sie trägt Kopfhörer auf den Ohren und fummelt an dem Gerät herum, das ihr an der Kasse ausgehändigt wurde. »Sie müssen auf den linken Knopf drücken«, hat die Dame von der Kasse erläutert, »dann hören Sie die Zusammenhänge, Geburt, Lebenslauf, schweres Schicksal, alles. Wenn sie rechts drücken, können Sie von Bild zu Bild zappen und individuell entscheiden, welche Informationen ihnen zupass kommen.«

Es ist Herr Brammer, dem die Sicht auf die Kunst versperrt wird. Eine Frau neben ihm stößt ihn an: »Sie hört dich nicht, du Knochen. Da kannst du bist zum Sankt-Nimmerleins-Tag warten.« Frau Brammer.

Die Kopfhörerfrau ruft schallend: »Bei van Gogh wird mir ganz wuschig. Meine Beine beginnen zu zittern, und das Blut …«

»Das ist gar nichts«, brüllt Frau Brammer hinein, »wenn ich einen Rothko erblicke, schon von weitem, diese Farben, da staut sich bei mir das Blasenwasser, und dann aber allez hopp, bevor das Unglück Auswüchse annimmt.«

Herr Brammer tippt der Kopfhörerin auf die Schulter. Sie zuckt zusammen, dreht sich ihm zu und lüftet den rechten Kopfhörer. »Blasenwasser«, erklärt er, »steht in diesem Zusammenhang als Metapher, um das Unsagbare in Worte zu kleiden. Nicht, dass Sie was denken.«

Frau Brammer errötet. »Er hat schon zwei Volkshochschulkurse absolviert und kennt sich in der Metaphernwelt aus wie ein Pinguin im ewigen Eis.«

»Recht so«, sagt Herr Brammer, »zwar ein gewagtes Bild, aber wie meinte schon Goethe …«

»Geh mir fort mit Goethe!«, ruft die Kopfhörerin, »seine Farbenlehre hat der sich aus der Feder geschraubt wie andere den Popel aus derNase.«

Ich will mich einbringen. »Kunst kommt von Können, sagte unser Goethelehrer immer …«

Frau Brammer unterbricht mich: »Den Pinsel gekonnt führen, das unterscheidet die Meister von den Klecksern, die überall herumschmieren.«

»Genau«, bestätigt die Kopfhörerin, »und dann kommt so einer wie Beuys und behauptet, dass jeder Mensch ein Künstler ist. Wohl weil er selbst kein Bein auf die Leinwand gekriegt hat, will sagen, kein schönes Ölgemälde, wo einem quasi die Luft in der Röhre steckenbleibt.«

Hatte ich nicht Kartoffeln kaufen wollen, stattdessen aber versehentlich die Kunsthalle betreten?
Frau Brammer gerät in Fahrt. »Mit der Wärmepumpe damals auf der Dokumenta hat der Beuys sich endgültig vergallopiert, das kann unser Sanitärinstallateur besser.«

»Honigpumpe meine Liebe«, berichtigt ihr Mann, »das war keine Klospülung. Wie schon das Sprichwort sagt, wo Milch und Honig fließen.«

»Pah, Wärmepumpe, Honigpumpe, Luftpumpe, alles Wurst, mit Kunst hat das rein gar nichts zu tun.«

»Dort drüben, der Schuh«, ruft Herr Brammer, »keiner konnte einen Schuh so malen wie van Gogh. Da haben Generationen von Pinselquetschern umsonst geübt, an den Gogh kommt keiner ran.«

»Und keine«, betont Frau Brammer, »die Frauen in der Malerei gelten ja als unterrepräsentiert. Dem Vorwurf wollen wir uns nicht aussetzen.«

»Jedenfalls und summa summarium«, sagt Herr Brammer, »die Kunst vermag einem Flügel der Fantasie anzuheften, mit denen wir ins Imaginäre flattern gleich einem Phönix in der Asche.«

Das nächste Mal erzähle ich, wie mich die Brammers beim Kartoffelkauf beraten haben.

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