Eine Frau mit Sonnenbrille im Haar schiebt sich durch die Eingangstür. Sie stellt eine Katzenbox neben einen Besucherstuhl und setzt sich seufzend. »Meine Muschi will einfach nichts mehr zu sich nehmen, dabei kaufe ich ihr schon das Premiumfutter mit Kalbsleber in Sauce und Herzragout. Sie ist ja so anspuchsvoll.«
»Das ist gar nichts«, kommentiert ihre Nachbarin, die ebenfalls eine Katzenbox zwischen ihren Füßen hält, »mein Miezilein verweigert jedwede Nahrung, sofern ich ihr nicht täglich frische Garnelen auf Joghurtgelee zubereite, natürlich nur Bioware. Zur äußersten Not frisst sie auch pürierte Lachsstückchen mit Wildpastete auf Geflügelaspik. Na, und bei Kaviar, da ziert sich die Dame nicht.«
Es ist Frau Brammer, die spricht. Die Sonnenbrille wendet sich zustimmend zu ihr hin: »So sind die süßen Racker. Zum Herzzerbrechen, wenn die großen Tieraugen einen angucken und der Hunger aus ihnen herausspringt. Ihr kurzes Leben zum Paradies machen, mehr will man nicht.«
Ein Herr, der neben Frau Brammer sitzt, räuspert sich, wohl, um eine Wortmeldung vorzubringen. Ach, es ist Herr Brammer, der seine Frau und das Miezilein beim schweren Gang zum Tierarzt begleitet. »Ein Hundeleben wiederum«, eröffnet er ein neues Thema, »muss man mit sieben malnehmen, dann hat man dessen wahres Lebensalter.«
»Man sagt ja«, bringe ich mich in die Unterhaltung ein, »dass Katzen sieben Leben haben und deshalb …«
»Sieben Leben sind nicht sieben Jahre«, berichtigt mich Herr Brammer streng, »wenn das so wäre, müsste man ja sieben mal sieben Lebensjahre rechnen, praktisch 49 mal die Katzenlebenserwartung gerechnet auf ein Menschenalter.«
Ein anderer Herr in der gegenüberliegenden Ecke, der einem hechelnden Pudel die Ohren krault, mischt sich ein: »Diese Rechnung gilt nur, wenn das Katzenleben in seiner Länge dem eines Hundelebens entspricht. Doch darüber schweigt die Wissenschaft.«
Frau Brammer schüttelt den Kopf. »Bei all der Rechnerei sollte man das Gefühlsleben unserer Lieben nicht vergessen.«
»Dem stimme ich vollumfänglich zu«, schwätzt der Pudelbesitzer, »mein Wotan, so heißt mein Liebling, zittert vor Angst, wenn er zum Tierarzt muss, der riecht das im voraus, ein Zeichen, dass er hundemäßig mit der Nase denkt.«
Alle schweigen. Wotan pupst. Geruch wabert hierhin und dorthin. Vielleicht wollte ich gar nicht zum Tierarzt, sondern Kartoffeln kaufen und hatte mich in der Tür geirrt.
»Dieser Wotan scheint mir eher mit dem Darm zu denken.« Frau Sonnenbrille hält sich ein Tüchlein vor die Nase.
Frau Brammer rührt sich. »Der Darm gilt heutzutage ja als eigentliches Denkorgan, quasi der Befehlsgeber des Gehirns.«
»Wenn jeder so denken würde wie Ihr Wotan, dann können wir gleich in den Kuhstall umziehen und mit Gülle duschen.« Ergänzt Herr Brammer.
Der Pudelbesitzer läuft rot an. »Möchte nicht wissen, wie manche Leute im Katzendreck hausen. Dazu muss man nicht weit gucken.«
Wotan pupst. »Da, das Vieh denkt schon wieder«, meckert Frau Brammer.
Der nächste Patient wird aufgerufen.
In der nächsten Folge erzähle ich, wie mir die Brammers beim Kartoffelkauf behilflich waren.
