Neulich, beim Zahnarzt

Neulich, beim Zahnarzt

Die Frau in der Stuhlreihe gegenüber legt lustlos eine Lesemappe beiseite: »Wenn ich ans Bohren denke, fallen mir schier die Augen aus vor Angst.«

»Das ist gar nichts«, schallt eine andere Frauenstimme aus der linken Ecke, »mir bricht der Schweiß schon zuhause aus allen Poren, da klebt man förmlich in der Hose.« Ich blicke in Richtung der verschweißten Hose und entdecke Frau Brammer.

»Davon kann ich ein Lied singen«, nickt die Frau ohne Lesemappe, »und erst der Nerv. Ein Vanilleeis am falschen Zahn, da wandere ich durchs Tal der Schmerzen.« Ich steige in den Diskurs ein: »Beim Stich der Spritze in mein Zahnfleisch …«

»Das ist gar nichts!« Wieder Frau Brammer. Sie kramt in ihrer Handtasche und zieht ein Fläschchen heraus. »Ohne meine Beruhigungstropfen steh ich mit einem Bein im Koma, so sehr setzt mir die Aufregung zu, und dann erst der Blutsturz.«

»Herr Faulköter bitte!« Die Sprechstundenhilfe steht in der Tür. Neben mir erhebt sich ein Herr.

»Mein Name ist Faulkötter, mit zwei t. Aber richtig lesen kann die heutige Jugend ja nicht.« Frau Brammer schnauft. »Früher war das besser. Früher konnten wir noch lesen.«

»Ganz abgesehen vom Röntgen«, mischt sich eine Männerstimme von hinten ein. Herr Brammer!

»Vom Röntgen kriegt man Krebs. Aber erst mal alles röntgen, weil dann klingelt es in der Kasse. Da kann ich gleich nach Fukushima gehen.« Die Frau vor mir erregt sich: »Das Erbgut wird durch die Röntgenstrahlen zerstört, praktisch genmanipuliert.«

Bei der Aussicht auf Genmanipulation durch das Röntgen von Backenzähnen befallen mich Zweifel, ob ich überhaupt zum Zahnarzt wollte. Vielleicht wollte ich nur Kartoffeln kaufen und hatte mich in der Tür geirrt.

»Mit Quecksilberplomben hatten die früher kein Problem«, kracht Herr Brammer in meine Zweifel, »aber jetzt muss das Zeug raus und Plastik rein. Wegen der Geldschneiderei, sage ich.« Er reißt drei Seiten aus der Lesemappe. »Da steht was über Demenz. Das bringe ich meiner Frau mit. Die vergisst alles.«

In der nächsten Folge erzähle ich, wie die Brammers mir beim Kartoffelkauf zur Seite gestanden haben.

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