Neulich, im Stehcafé

Neulich, im Stehcafé

»Wenn man den Donut hier kauft, kannst man sich den Bettelstab gleich aus dem Rucksack ziehen.« Sagt die Frau, die in der rechten Hand einen Becher Kaffee, in der linken zwei Donuts auf einem Pappteller balanciert. »Aber was soll man machen. Umsonst ist nur der Tod, jedenfalls für den, der das Glückslos gezogen hat.«

»Kommen Sie doch hier an meinen Stehtisch«, fordert eine Dame sie auf, »das hat den Vorteil, dass Sie nicht so weit laufen müssen und womöglich den kostbaren Kaffee verschütten.«

Die Donutfrau schüttelt den Kopf: »Das wird meinen Mann nicht gustieren. Der nimmt immer den Platz am Fenster, und wenn der mal besetzt ist, kann ich das häusliche Gewitter schon aus der Ferne grollen hören.«

»Ja ja, die Männer«, seufzt die Dame am Vorteilstisch, »meiner, Gott hab seiner Seele selig, also der pflegte die Marotte, sich auf seinen Mantel zu setzen, wegen der Sauberkeit, verstehen Sie?«

Die Donutfrau bleibt am Vorteilstisch stehen, denn auch sie weiß etwas über die Männermarotten zu berichten. »Ich sag es ja nur leise«, sagt sie leise, »damit drüben am Fensterstehtisch kein Unmut das Zepter ergreift. Aber wo wir schon bei den Männern sind: Der Meinige rechnet bei jedem Posten, den ich erstehe, die Aktiva und Passiva zusammen, und wenn es nicht auf Null herauskommt, dann stimmt die Bilanz nicht, und ich kann was hören von wegen Kaufsucht und Verschwendung der Ressourcen. Wenn der die Kosten der Donuts veranschlagen müsste, meine Güte, darüber kann ich gar nicht nachdenken, ohne einen eisigen Wind in der Hose zu verspüren …«

Am Fenster zur Straßenseite hat sich der Besetzer des Fensterstehtisches umgedreht und missmutig in Richtung der beiden Frauen am Vorteilstisch die Stirn gerunzelt. Herrjemine, wenn das nicht Herr Brammer ist mit seinem Pepitahut, und na klar, die Donutfrau, die sich auf einen Plausch mit der Dame am Vorteilstisch eingelassen hat, können wir unschwer als seine Frau, die Frau Brammer, ausmachen.

»Oha«, raunt die Vorteilsfrau, »da dräut ein neuerlich Unwetter auf, wie mir scheinen will, quasi durch die Blume gesagt.«

Derart vom Orakel der Vorteilsfrau und dem Stirnrunzeln ihres Mannes abgelenkt stößt Frau Brammer an den Vorteilstisch und verschüttet Kaffee. Mir wird siedend heiß, denn ich ahne, dass dieser Vorfall dem Herrn Brammer nicht zum Vergnügen gereichen wird. Wieso bin ich überhaupt hier in dem Stehcafé? Wollte ich nicht zum Kartoffelkauf in die Markthalle und hatte mich dummerweise vom Kaffeegeruch verleiten lassen, hier einzutreten?

»Ein Unglück kommt selten allein!«, donnert Herr Brammer unter Umgehung der ihm zugeschriebenen Liebenswürdigkeit, »erst mit dem Sud herumplempern und dann auch noch dem Geplausch der Weiblichkeit frönen, so dass der Kafffee kalt wird und alles Genusshafte an den Eselstisch drängt, metaphorisch gesagt.«

Nun erhebt die Vorteilsfrau am Vorteilsstehtisch ihre Stimme. »Sie scheinen ja mächtig gegen den Strich gebürstet zu sein, mein lieber Herr und Gesangsverein. Da sollten Sie besser nicht meinen Mann kennenlernen. Der macht Sie zur Sau, ehe sie Piep und Papp von sich geben, und zwar mit Kittel und Schürze.«

Was diese Aussage wohl zu bedeuten hat? Ich jedenfalls habe den Hasenfuß ergriffen und bin schon längst auf dem Weg zur Markthalle, hinter mir das verebbende Kreischgetöse in Frequenzen, die der Maria Callas zu Ehr und Gewissen gereicht hätte.

In der nächsten Folge erzähle ich, wie die Brammers mir beim Kartoffelkauf die Aktiva und Passiva zusammengerechnet haben.

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