In der Fußgängerzone. Am Ende einer Sackgasse sind hunderte Kürbisse aufgereiht. Denn heute ist Kürbisfest.
»Ich hatte auch einmal einen Kürbis«, lässt sich ein Herr vernehmen, der den Kürbishaufen kritisch beäugt, quasi nach Kubikmetern abschätzt. Wir erkennen an der etwas gekrümmten Körperhaltung und seinem Pepitahut Herrn Brammer, der hier das Wort führt und aus seinen Kürbisabenteuern zu plaudern bereit ist. »Diesen besagten Kürbis«, setzt er an, den Umstehenden ein nervenkitzelndes Kürbiserlebnis auszubreiten.
»Dass ich nicht lache«, unterbricht ihn die Frau neben ihm, »du hattest noch nie einen Kürbis.« Frau Brammer ist es, die hier die Wahrheit in das rechte Licht platziert.
Herr Brammer widerspricht: »Aber selbstverständlich besaß ich einmal einen Kürbis, frag nicht nach Sonnenschein.«
»Niemals hattest du einen Kürbis«, wiederholt Frau Brammer störrisch, »der einzige Kürbis, den wir besaßen, war ein Geschenk meiner Nichte Julia. Und der war ausgehöhlt wegen Halloween und hatte keinen Nährwert an sich.«
Herr Brammer stampft mit dem Fuß auf wie ein bockiges Kind. »Selbstverständlich besaß ich einmal einen Kürbis, das war, als ich dich noch nicht kannte, da konnte ich mir einen Kürbis zulegen, ohne jemandem darüber Rechenschaft ablegen zu müssen, und wir wissen ja, wer mit jemand gemeint ist, da zwackt die Laus keine Bissen ab.«
Ich spüre eine Kälte, die zwischen den Eheleuten aufzieht und die auch mich streift. Wollte ich überhaupt hierher zum Kürbisfest?
»Im Garten meines Opas Gerold«, versuche ich die eisige Schärfe des ehelichen Disputs abzumildern, »wuchs einmal ein Kürbis, der würde hier den Preis der Nationen gewinnen.«
Frau Brammer lacht hysterisch auf. »Alle hier wollen den größten und besten und schwersten und schönsten Kürbis für sich reklamieren. Als gäbe es keine Kinderarmut und keinen Hunger in der Welt.«
»Respekt, meine Dame,« mischt sich ein Herr in einem Trenchcoat ein, »das Elend der Welt lässt sich ja wohl kaum mit einem Kürbis hinwegkatapultieren.«
Frau Brammer errötet. Die Ansprache des Trenchcoats muss einen wunden Punkt in ihr berührt haben. Ich spüre eine ungute Spannung, die sich zwischen Herrn Brammer und dem Trenchcoat auftürmt. Wollte ich nicht in die öffentliche Bücherei und hatte mich versehentlich auf das Kürbisfest begeben?
In der nächsten Folge erzähle ich, wie die Brammers mir bei der Buchausleihe wertvolle Insidertipps zugeraunt haben.
