Im Flur vor dem Einwohnermeldeamt. Die Eingangstür wird aufgestoßen, eine Frau stürmt herein. Sie zwängt drei Einkaufstüten duch die Tür, eine von Lidl, eine von Woolworth und eine von Netto. »Wo ist hier das Einwohnermeldeamt«, ruft die Frau, »mein Perso ist abgelaufen, und ich muss heute noch nach England.«
»Hoho, nach England«, raunzt eine andere Frau. Sie sitzt auf der Wartebank, gegenüber der Tür zum Einwohnermeldeamt, »das kann ja jeder behaupten, um sich eine Vortritt zu erschleichen.«
Unruhe im Warteflur. Ein Herr, er sitzt eng neben der raunzenden Frau, räuspert sich: »Hier geht es der Reihe nach. Wir sind schließlich nicht bei den Hottentotten.«
Die Einkaufstütenfrau lässt ihre Einkaufstüten fallen. »Das sagt der Richtige. Sie besetzen doch nur einen Warteplatz, um ihrer Frau Gesellschaft zu leisten beim Anraunzen von Personen, welche in einer äußerst prekären Situation keine Wahl haben zwischen Sodom und Gomera, na, da lässt sich natürlich schön stänkern und sich genüsslich ausbreiten vom hohen Ross der vorgeblichen Gesetzestreue.«
Erregt wischt der Herr neben der Raunzdame seinen Pepitahut vom Kopf. Hallo, das ist ja Herr Brammer, der seine Frau den schweren Gang in das Einwohnermeldeamt, sprich Bürokratiehölle, begleitet. »Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, wertes Fräulein, man muss eine Nummer ziehen und dann abwarten, bis die Nummer aufgerufen wird.«
»Wie beim Arzt«, erläutert Frau Brammer, »aber beim Arzt tummeln sich heutzutage ebenfalls Elemente, denen das Gemeinwohl wurst ist, und die behaupten, sich in Lebensgefahr zu befinden, nur um als erste dranzukommen.«
»Oder wie beim Schlachter Pieselbirchler«, untermauert Herr Brammer die Tatsachenrekonstruktion seiner Frau.
»Pieselbirchler?«, fragt die Tütenfrau süffisant, »wo soll der denn residieren? Nie gehört von einem Pieselbirchler.«
»Weil Sie nichts begreifen. Das war ein Fantasiename, weil, man will ja nicht den örtlichen Schlachter verunglimpfen.«
»Quasi ein Platzhalter«, sagt Frau Brammer, »aber das ist für gewisse Personen im Raum zu hoch im Kopfe, um das Wort unterkomplex zu umgehen, welches nur Verwirrung stiftet bei Leuten mit niederen Schuljahreserfahrungen.«
Ich rühre mich. Will die Stimmung durch Ablenkung etwas entschärfen. »Meine gezogene Nummer lautet übrigens 54.«
»Das ist mitleiderregend.« Frau Brammer regt sich noch mehr auf. »Meine Nummer ist 36, und ich sitze hier schon seit einer gefühlten Ewigkeit, von Stunden kann gar keine Rede mehr sein.«
Herr Brammer wendet höhnisch ein: »Man muss natürlich das Zahlenwerk der Mathematik beherrschen, wenn man den Wartevorgang erfolgreich absolvieren möchte.«
Ich zerreiße meine Karte mit der Nummer 54. Wollte ich nicht zum Kartoffelkauf in die Markthalle? Was hat mich ins Rathaus getrieben?
Gerade wird die Nummer 48 aufgerufen. Die Tütenfrau fängt an zu lachen, schrill, unbeherrscht. Sie grinst Frau Brammer an. »Mit der 36 können Sie warten, bis sie schwarz werden vom Kopf bis an die Sohlen. Hier steht offenbar jemand mit den Zahlen kräftig auf dem Kriegsfuß.«
Beim nächsten Zusammentreffen berichte ich, wie die Brammers aus dem Nähkästchen plaudern, nämlich, wie man beim Kartoffelkauf ein As aus dem Ärmel zieht.
