Neulich, unter dem Regenschirm

Neulich, unter dem Regenschirm

»Ohne Regenschirm bin ich aufgeschmissen«, sagt die Frau unter dem Regenschirm. Sie schüttelt und dreht den Schirm, um die Last der Tropfen abzuschlagen. Der Herr neben ihr, der die Kapuze seiner Jacke über den Kopf gezogen hat, weicht zur Seite: »Schön, dass Sie mich mit der Frische der Nässe beschenken, sonst hätte ich womöglich keinen Schnupfen zu befürchten.« Man kann behaupten, dass ein sarkastischer Schalk auf seinem Nacken hockt, oder, um der Situation Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, auf seiner Kapuze, welche jetzt durch das freizügige Geschenk an seiner Haut klebt.

Zwischen ihm und der Regenschirmfrau wartet eine andere Frau auf das Ende des Schauers. Sie hebt ihre Stimme: »Schnupfen? Dass ich nicht lache. Sobald ich einen feuchtkalten Zug abbekomme, kehrt in Sekundenschnelle das Virus bei mir ein, und dann sage ich nur Fieber bis zu Abwinken, Post-Covid ist dagegen ein Hundehaufen.«

Ich erkenne ihre Stimme. Frau Brammer sprach. Ich versuche, mich mit einer Warnung vor den Gesundheitsrisiken der Natur einzubringen: »Wenn daheim die Haustür geöffnet wird, schlägt mir den Windzug so sehr auf …«

»Dass ist gar nichts«, unterbricht mich Frau Brammer, »es braucht nur irgendwo ein Fenster einen winzigen Spalt offenstehen, schon kriege ich einen Hals, und die Augen tränen im Schwall, wie wenn der Saharastaub hineingefegt wäre, da kann ich nur noch blind umhertappen.«

Mir fällt ein, dass ich genau besehen zum Kartoffelkauf aufgebrochen war und der Regen mich hierhin verschlagen hatte.

Der Kapuzenmann grunzt etwas. Er zieht einen zusammengefalteten Schirm hervor und öffnet ihn.

»Mein Mann«, sagt Frau Brammer zur Regenschirmfrau, »der hat immer einen Schirm dabei.«

Tatsächlich, es ist Herr Brammer. »Das hat seinen guten Grund«, bestätigt er, »solange ich einen Regenschirm in petto habe, regnet es nicht. Ziehe ich aber mal ohne Schirm los, ja was glauben Sie, dann schüttet es wie aus Kübeln, kaum habe ich den leisesten Schritt getan.«

»Ja aber …«, versucht die Regenschirmfrau einzuwenden.

»Was aber?«, zischt Frau Brammer, »wollen Sie meinen Mann der Lüge zur Rechenschaft ziehen?«

»Verzeihung die Dame, aber das ist lachhaft. Dieser Aberglaube überall, man glaubt fast nicht, dass wir die Aufklärung hinter uns haben, ich nenne nur mal Kant.«

»Kant kann mich mal«, faucht Frau Brammer, »mein Mann wirft die Erfahrung eines langen Lebens ins Gefecht.«

»Aber es regnet doch gerade. Nach der Theorie ihres Gatten müsste es trocken sein. Weil, er hat ja seinen Schirm dabei.«

Herr Brammer grinst gönnerhaft: »Werte Dame, Sie haben wohl noch nie etwas von dem eisernen Gesetz gehört, das da lautet: Ausnahmen bestätigen die Regel.«

»So ist es nämlich«, bekräftigt Frau Brammer, »mein Mann kann ihnen die Gesetze um die Ohren hauen, bis sie grün werden.«

Die Regenschirmfrau fängt an zu keifen: »Dann müsste man das Wetter auf Schadensersatz verklagen, Verstoß gegen die eiserne Regel hahaha.« Sie lacht unangemessen. Der Regen hört auf. Die Regenschirmfrau wendet sich und geht ohne Gruß.

»Was zu beweisen war«, ruft Herr Brammer ihr hinterher.

Das nächste Mal erzähle ich, wie mir die Brammers beim Kartoffelkauf geholfen haben.

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