Neulich, an der Bahnschranke

Neulich, an der Bahnschranke

Vor der herabgelassenen Halbschranke wartet ein Herr mit weißen Haaren. Er stützt sich auf einen Rollator: »Manche fahren links rüber, wenn die Schranke unten ist, um die Gleise zu überqueren. Den Zug haben die nicht auf ihrem Spickzettel, die Asies. Und zack, sind sie futsch, einer weniger, dumm gelaufen, kein Verlust.«

Der Herr neben ihm schnauft entrüstet: »So flapsig würde ich das nicht ausdrücken. Ist schließlich auch ein Mensch.«

»Ja was«, belfert der Rollator, »Mensch hin, Mensch her. Wer die Regeln nicht einhält, muss büßen, basta. War damals schon so.«

Jetzt meldet sich die Frau neben dem Entrüsteten. Es ist Fau Brammer, und bei näherem Hinsehen erkenne ich auch ihren Mann, Herrn Brammer. Das ist der, der sich entrüstet gezeigt hat unter Hinzufügung eines nicht misszuverstehenden Schnaufens.

»Sie sind wohl von den Faschisten«, erregt sich Frau Brammer, »würden Sie das gleiche sagen, wenn der arme Verunglückte kein Migrant wäre, häh?«

Beide Herren schauen sich an, und des Stirnrunzelns will kein Ende nehmen. Ich versuche, die Wogen zu glätten, indem ich mich an die Brammers insgesamt wende: »Der behinderte Herr hier hatte bestimmt keinen people of colour gemeint, als er …«

»Piepel was?«, fährt Frau Brammer auf, »mit Piepeln kann man das Unmenschliche dieses eingeschränkt bewegungsfähigen Hassredners nicht davonkommen lassen. Wo sind wir denn?«

Der Rollatormensch meckert auf wie eine Ziege. »Das kann ich Ihnen erklären, davon werden ihre Ohren bimmeln wie zu Maria Lichtmeß. Aber die Wahrheit will hierzulande niemand hören, weil, von der gleichgeschalteten Presse wird sie unterdrückt, sowieso, cancel culture, nichts weniger.«

Ich erinnere mich, dass ich zum Gemüseladen wollte und den falschen Weg über den Bahnübergang eingeschlagen haben musste.

»Die Wahrheit?«, dröhnt Herr Brammer, »diesen Bahnübergang hat noch nie ein Ausländer regelwidrig überschritten, dafür lege ich meine Hand ins Eisen. Denn den hätte man längst, na ich sage nix mehr.«

»Ganz meine Meinung«, schreit der Rollator unmäßig, »sagen darf man nix mehr hierzulande.«

»Einfach nur zuhören, bevor Gehirnkacke aus den Zähnen spritzt«, herrscht Herr Brammer ihn an, »denn was ich hinzufügen wollte ist, dass derlei Hetze von sogenannten Gesinnungsdeutschen herausgeschissen wird, wie zum Beispiel gewisse Leute hier an der Schranke, mehr braucht es nicht zu wissen.«

»Was wollen Sie damit andeuten? Früher hätte man solche Elemente wie Sie…«

Das Ende des Satzes geht in dem Rauschen des vorbeifahrenden Zuges unter. Beim nächsten Mal erzähle ich, wie die Brammers mir wertvolle Ratschläge zum Kartoffelkraut gegeben haben.

PS Ich meinte natürlich Kartoffelkauf

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