Neulich, unter der Stromleitung

Neulich, unter der Stromleitung

Oben knistert es. Manchmal spingen Funken aus der Leitung. Ein Herr in einer schweren Joppe hat einen Rollstuhl unter die Hochspannungsleitung geschoben. In dem Rollstuhl kauert eine weißhaarige Alte. Sie hat sich in eine dicke Decke gehüllt, ihre Miene ist zerknittert, trübe blicken ihre Augen ins Leere. »Bei Kälte knistert die Leitung«, krächzt die Knittermiene, »man hört förmlich die Elektrizität, wie sie sich entfesselt.«

Der Herr in der Joppe wedelt mit der Hand: »Aber nur bei Bitterkälte, bei Wärme flutschen die Elektroden, das hat was mit Widerstand zu tun.«

Ein Radfahrerpaar nähert sich und steigt ab. Die Radfahrfrau wendet sich an den Joppenmann: »Alles in Ordnung? Können wir helfen?«

Auch der Radfahrherr bietet seine Hilfe an: »Bei dieser Kälte frieren einem, äh, wie soll man sagen, die …«
»Halt du deine Gusch!«, herrscht die Radfrau ihn an, »siehst du nicht den Notstand hier?«

Damit ist die weißhaarige Knittermiene nicht einverstanden: »Wir hier lauschen dem Elektrizitätsknistern, da kommen Gefühle hoch, sogar Ängste.«

»Da sprechen Sie mir vollumfänglich aus der Seele«, pflichtet die Radfrau ihr bei, »jedes Mal, wenn ich die Hochspannung queren muss, springt mein Herz im Galopp in der Furcht, es könnte ein Kurzschluss entstehen. Meine Haare spreizen sich dann gen Herrgottseibeimir.«

Sie nimmt ihren Radfahrhelm ab. Siehe da, die Entkleidete entpuppt sich als unsere Frau Brammer. Und wo Frau Brammer auftaucht, ist ihr Mann nicht weit.

»Elektrostatische Aufladung dürftest du meinen«, berichtigt Herr Brammer.

»Mein Mann, müssen Sie wissen«, wendet sich Frau Brammer an das Rollstuhlduo, »hat stets wissenschaftlich fundierte Physikformeln zur Hand, da braucht man kein Lexikon.«

Ich überlege, warum ich hier unter der Hochspannungsleitung stehe. Wollte ich nicht Kartoffeln kaufen gehen?

»Einmal, bei Blitzgewitter«, versuche ich dennoch zur Wissensvermehrung beizutragen, »musste ich unter einer Eiche Schutz suchen …«

»Das ist gar nichts«, fährt Frau Brammer dazwischen, »wenn ein Donner nur aus der Ferne grollt, krampft mein Magen vor Entsetzen. Die Aussicht auf Blitzeinschlag rafft mich buchstäblich dahin.«

»Früher konnte man Strom klauen«, lenkt die Joppe vom Ungemach einer Blitztötung ab, »man brauchte nur ein Kabel über die Hochspannungsleitung zu werfen und dann den Elektromotor anschließen. Der lief dann wie unter Strom, ha ha, wie unter Strom, Sie verstehen, 1000 Volt nix dagegen.«

Herr Brammer regt sich auf: »Wehrlosen knittrigen Behinderten können Sie ja so was auf den Leim binden, mit der Wirklichkeit und den Naturgesetzen gehen Ihre Märchen aber nicht konform.«

»Sag ihm ruhig die Meinung!«, erregt sich nun auch Frau Brammer, »die Schutzlosigkeit unserer Mitmenschen für falsche Auskünfte missbrauchen, da hört sich doch alles auf.«

Nächstes Mal berichte ich, wie die Brammers mir beim Kartoffelkauf zur Hand gingen.

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