Neulich, an der Tankstelle

Neulich, an der Tankstelle

Vor der Kasse bildet sich eine Schlange. Ein Mann in einer neonfarbigen Weste fuchtelt mit seiner Visakarte herum. »Das müssen die doch wissen,« meckert er, »donnerstags ist das Benzin am billigsten, dann kommen die ganzen Schnäppchenjäger und Gierlappen, um einen Euro und ein paar Zerquetschte zu sparen, und schon geht das Gedrängel los, ein ellenlanger Stau, ich sage da nur, Deutschland, gute Nacht …«

Er will weiterschimpfen, wird aber von einem Herrn hinter ihm unterbrochen. Der Herr trägt einen Pepitahut, und wir wiegen uns in der Gewissheit, dass es nur Herr Brammer sein kann, der keine Mühe scheut, einen Disput zu entflammen. »Jetzt sage ich Ihnen was, Sie sollten mal eine Stunde später kommen, dann würden Sie die jetzige Situation nachgerade genießen und emphatisch mit den Fingern schnipsen. Denn am Donnerstag gegen neun Uhr abends ist das Bier, halt, was sage ich, das Benzin natürlich, noch um einen Tick günstiger. Ich versprechen Ihnen auf Ehr und Gewissen, da müssten sie so richtig Zeit und Geduld aufbringen, um ihren Obolus loszuwerden.«

»Eine lange Rede«, antwortet der Neonmann, »deren Sinn die Kürze der Zeit überschreitet.«

Die Frau neben Herrn Brammer mischt sich ein. Wir erkennen in ihr die Ehefrau des Herrn Brammer, die Frau Brammer. »Nichts für ungut«, wendet sie sich an den Neonmann, »aber meinem Mann ist die Rhetorik quasi in die Wiege gelegt worden. Die Worte fließen aus ihm heraus wie, sagen wir mal, wie der Benzinschwall aus der Tankpistole.«

Mir wird ein wenig kribbelig. Ich versuche die Konversation auf das eigentliche Thema zurückzuführen: »Einmal, an einem Montag, hatte ich sogar das Glück, noch billiger zu tanken als an den Donnerstagabenden …«

»Das ist gar nichts«, süffelt Frau Brammer, »erst letzte Woche, der genaue Tag lautet auf einen Mittwoch, konnte ich sechs Cent pro Liter Benzin in meine Tasche stecken, so tief war der Preis gesunken.«

»Zuschlagen und Gewinn einscheffeln«, bestätigt der Neonmann, »man muss die Gelegenheit beim Schopfe packen, wo schon die Regierung nichts tut für den hart arbeitenden Bürger, ich sage nur Dachdecker.«

Mir kommen Zweifel. Wollte ich nicht Kartoffeln kaufen und hatte meinen Wagen aus reiner Schusseligkeit zur Tankstelle gelenkt?

»Früher gab es noch einen Tankwart«, erinnert Herr Brammer an bessere Zeiten, »dem hat man einen Groschen Trinkgeld gegeben, und dann hat er die Zündung kontrolliert und das Badewasser, hoho, ich meine natürlich die Scheibenwaschanlage, und die Felgen hatte der sogar gebadet, ich meine natürlich gesäubert wie mit der Zahnbürste geleckt bis auf den letzten Piek.«

»Fast für lau, genaugenommen«, nickt Frau Brammer dem Neon zu.

»Da war die Mark noch was wert,« nickt der Neon zurück, »für eine Kugel Eis bekam man noch einen Groschen.«

»Umgedreht wird ein Schuh daraus«, stößt Herr Brammer hervor.

Sowohl Frau Brammer als auch der Neonmann öffnen ihre Lippen, wohl, um ihre Schlagfertigkeit gegeneinander auszuspielen. Gerade rückt die Schlange vor.

In der nächsten Folge erzähle ich von der Taktik beim Kartoffelkauf, die mir die Brammers vor Ort haben zuteil werden lassen.

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