Die Seele im Plumpsklo

Die Seele im Plumpsklo

»Das Alte muss weg, Platz schaffen für das Neue.« Ich versuche, Kollege Klöpper zu provozieren. Klöpper denkt gar nicht daran. »Genau«, tritt er in meine argumentativen Fußstapfen, »aber immer mit Augenmaß!« Er hebt die Hand, spreizt Zeige- und Mittelfinger zu einer Zwille und zielt damit dahin, wo er seine Augen verortet. Treffer.

»Schön und gut«, wende ich ein, »aber Augenmaß ist relativ. Manche wollen gleich alles niederreißen, traditionsreiche Stätten, Türme, denkmalgeschützte Bauten, sogar verwilderte Haine, um den Fortschritt mit Einheitsbauten zu zementieren, die den Charme eines Regallagers von Ikea ausstrahlen, weil, das Alte lohne sich nicht zu erhalten, Fokus auf energetische Sanierung, Lebensraum erbeuten, Verdichtung, Profit. Nimm dies eine Wort und gedenke: Dangast.«

Ich schöpfe eine Kelle Aerosole, bevor ich einen neuen Aspekt in Klöppers Küche pflanze: »Andererseits…« – »Nix andererseits«, nimmt Klöpper den Faden (man kann auch sagen: Köder) auf, »es bleibt dabei, war früher alles besser.« Ich öffne den Kühlschrank und entnehme eine Flasche alkoholfreies Bier. Ist noch zu früh für Richtigbier.

»Apropos früher und besser«, übertöne ich das Ploppen des Verschlusses, »früher war noch Plumpsklo auf dem Hinterhof. Im Winter den Arsch abgefroren. Und dann die weißen Würmer oder Maden, die von unten heraufkrochen. Klopapier gab’s auch nicht. Nur Altzeitung. Praktisch Eilmeldung am Hintern. Oder Fußballergebnis.« Wir stoßen an, Schaum tritt aus. Jetzt braust Klöpper auf: »Madig machen kannst du mir das nicht, das mit früher! Wenn alles weggeräumt wird, das Gestandene, unser Erbe, wo bleibt dann Heimat, wo bleibt das, wonach die Seele hinbaumelt?«

Ob die Seele wirklich hin zum Plumpsklo baumelt, will ich sticheln. Die Wanduhr ding-dongt. Zeit für ein Richtigbier. Noch mal Glück gehabt. Mit Klöpper zu diskutieren ist, wie mit Ameisen eine Polka tanzen. Oder wie ein Fasanenritt auf dem Vulkan. Oder wie die sprichwörtliche Sau durchs Nadelöhr. Holla, jetzt schlingern die Vergleiche aber schwer über den Jordan. In Zeiten steigender Corona kein Wunder. Da wird jeder Vergleich zur Krampfader.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote 21.11.2020, letzte Seite)

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