5.1 The Cavestones

5.1 The Cavestones

Bevor ich aber ins Lehrerseminar eintauchte wie ein Waschmob in den Zuber bäumte sich mein Schicksal noch einmal auf, und um ein Haar wäre ich shooting-star-mäßig auf den Olymp des Ruhmes hinaufgeschossen, natürlich geschossen und nicht hinaufgereicht auf dem Tablett des Mitleids, das sagt ja schon der Name: shooting star.

Wir hatten einen Auftritt organisiert. Wenn von Auftritt die Rede ist, kann es sich um ein Theaterstück handeln, um eine freie Rede im Stadtpark, um das verschämte Herumschleichen um Lilo, von der wir hörten, dass sie es für Geld machte, frag nicht wie, oder auch von der Einbestellung zum Direktor des Gymnasiums unter dem Gezischel der falschen Beileidsbekundungen der Schulkameraden, die falschen Fuffziger, die Schweinebacken die.

Wer ist wir?, fragst du.

Das hättest du aus dem Vorhergehenden zusammenkombinieren können, aber nicht jeder ist in der Lage, aus bereitgestellten Fakten (s. o.) die Ordnung der Welt herauszupellen wie die Schale von der Kartoffel bzw. umgedreht, jedenfalls mein Beileid.

Wir, das waren die Musiker der Schülerband THE CAVESTONES. Ich als Bandleader und Leadgitarrist (das ‚Leaden‘ fiel mir in den Schoß wie anderen der Grind am Hintern, so viel dazu), dann Ludger Boomgarten, genannt Lolle, drums, und Reiner Büsing, keyboards. Unser Mann an der Bassgitarre, Manni Drewes als auch der Sänger Charly Müller (oder Meier) wollten mit der Ausrichtung des Events, das hier bereits als sog. Auftritt vorgestellt wurde, nichts zu tun haben.

Geschenkt.

Für Plakate aufhängen, Bühnenbau, Bier holen und Kasse beschäftigten wir ein paar Typen aus der Stadt, die immer bei unseren Proben im Gemeindehaus herumhingen und uns gute Ratschläge erteilten.

„Lolle, die Snare auf die Zwei, nicht auf die Eins.“

„Genau, das muss offbeatmäßig kommen.“

„Das Keyboard ist zu laut, Reiner.“

„Gehen wir danach alle zum Quick-Imbiss?“

„Die linke Box scheppert, bestimmt ist die Kalotte im Eimer.“

„Vom Gesang versteht man kein Wort.“

„Dein Hosenstall steht offen, Manni.“

Unsere Hardcore-Fans. Stets hilfsbereit. Dass sie um uns herumschwirrten, weil sie in dem Kaff nichts Besseres zu tun hatten: Mir musst du das nicht hinter die Ohren schmieren. Damals aber waren wir stolz. Wir, die Heroes der Undergroundszene. Wir von den CAVESTONES: künftige Rockstars, Welttourneen durch die Stadien, einen vergoldeten Rolls Royce als Schubkarre für unsere Glitzergarderobe, Partys, Drogen, Abstürze, Weiber – Mann, was soll ich sagen. Wir konnten sogar schon ein Groupie vorweisen, Birgit Schröder, die Klassenfette aus der 11b, von der wir nicht wussten, ob sie zu allem bereit war, und daran kannst du ermessen, wie wenig sie zu allem bereit war, jedenfalls nicht zu dem, was wir unter ‚zu allem‘ verstanden.

Oh Gott, höre ich dich vorlaut denken, wie verklemmt ist das denn.

Weil du dir nicht vorstellen kannst, wie die Zeiten damals waren.

Das kannst du nicht!

Ich wiederhole mich ungern, aber: Das kannst du nicht!

Weil du es am eigenen Leib erfahren musst.

Um mitreden zu können.

Sonst Theorie.

Sonst Klugschnackerei.

Sonst Blablabla.

Jahre später traf ich einen unserer Ex-Fans zufällig wieder. „Mann“, röchelte er im Beisein seiner verwüsteten Erinnerungen sowie seiner 14jährigen Tochter, deren Dialogkompetenz sich im theatralischen Augenverdrehen erschöpfte. „Mann, waren das Zeiten!“ Leonie-Alice verdrehte die Augen. Das Weiße ihres Augapfels gilbte hervor wie eine Kaugummiblase aus dem Maul eines Rotzlöffels.

Ich sagte: „Mannomann.“

Nicht, um dem Gilb meine Hochachtung zu erweisen. Sondern um zu überbrücken, dass mir der Name des Ex-Fans nicht einfiel. Mit meinem Gedächtnis war noch nie gut Kirschen essen, und wenn auch du jetzt die Augen verdrehst, weil du denkst ‚Erbarmen, wie daneben ist dieser Spruch nun wieder‘, dann verweise ich auf Leonie-Alice, die in der traumatisch erlebten Gemütslage einer pubertär Abgenervten einen Laut aus ihren überflüssigen Mund würgte, den ich in Ermangelung adäquater Kosenamen als ‚Vollpfostenkacke‘ ins Deutsche übersetzen würde.

Der Ex-Fan und Vater, noch schwer erschüttert über unser Zusammentreffen, fuhr ihr über das verzogene Seiermaul mit der Totschlagargument, dass sie das nie verstehen würde.

Weil man so etwas am eigenen Leib erfahren muss.

„Heutzutage kann sich das keiner vorstellen“, unterrichtete er das Schaufenster des Buchladens Geissendorfer, vor dem wir standen, „weil, niemand würde uns abnehmen, wie, ja verdammt, da finde ich keine Worte, also mit welch selbstverachtender Inbrunst wir auf die Barrikaden geklettert sind, wie wir den Spießern die Fratze der Gegenkultur vor die Füße geschleudert haben.“

So kann man das auch ausdrücken.

Leonie-Alice verdrehte die Augen. Die Gilbblase platzte. Glibber spritzte auf mein Antlitz.

„Jetzt kommen wir langsam zur Sache“, sagte Klöpper, „den ganzen Vorlauf hättest du dir sparen können.“

„Obwohl“, fuhr er fort, ohne meine Erwiderung abzuwarten, „obwohl [er wiederholt gern das erste Wort seiner volkstümlichen Ansprachen] das Schülerleben an sich in meinen Augen als auserzählt gilt.“

„Mit auserzählt meine ich“, Klöpper war noch nicht zu Ende, „dass Trilliarden von Schriftsetzern, wie ich sie im Anklang an deine Rührseligkeiten aus deiner Jugendzeit mal nennen möchte, sich die Finger blutig gerieben haben beim Hinkleckern ihrer nichtssagenden Erlebnisse.“

„Wohlfeil das Ganze.“

[Vollständige Abschrift seines Resümees: „Wohlfeil … wohlfeil das Ganze.„]



5.2 The Cavestones

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