10 The New Cavestones

10 The New Cavestones

Wir fanden einen Übungsraum im Jungenzentrum Barmbek, ich berichtige, Jugendzentrum Barmbek. Wir fanden Tammo Wohlgemuth, einen Shouter mit versoffener Stimme und Beziehungen zur Unterwelt. Wir fanden Johnny Menke, der den legendären Fender Precision Bass besaß sowie einen 100 Watt Marshall-Turm, der einen solchen Schalldruck von sich gab, dass die Hosenbeine flatterten. Wir fanden Walter, unseren Roadie, ein Berserker von Gestalt, der immer zwei Marschall-Boxen gleichzeitig hinter sich herschleifte und sie dann auf die Bühne schleuderte; ein Lautsprecher ging dabei garantiert hopps, egal, irre Show. Wir fanden einen Bandwagen, einen verrosteten Ford Transit mit Zwillingsreifen, der immer angeschoben werden musste.

Hier eine Liste der Dinge, die wir nicht fanden:

Hallengigs
Eine Agentur, die uns managen wollte
Plattenverträge
Geile Gagen
Fernsehauftritte
Kreischende Groupies
Einen neuen Bandnamen
Einen Automechaniker, der unseren Bandbus umsonst zu reparieren bereit war
Anfragen aus dem Ausland wg. einer Tournee durch die USA
Bettelbriefe von Bands, die als Vorgruppe von ‚The Cavestones‘ auftreten wollten

Die Liste zeigt Merkmale von Inkontinenz, deshalb schließe ich verschämt im Angesicht eines nicht enden wollenden Ausflusses an gedeihlichen Entitäten, die nicht zu uns fanden.

Über einen neuen Bandnamen grübelten wir nächtelang, leider fiel uns nur ausgebranntes Buchstabenmaterial ein, nicht würdig, es hier zu erwähnen. Uns fehlte schlicht die Kreativatmosphäre der heimatlichen Eisdiele ‚Capri‘, dort, wo die Fischer sangen und sich die Schüler zum Langweilen, Blödeln und Phantasieren trafen. Erlahmt vom Gedenken an das Capri nannten wir die CAVESTONES in THE NEW CAVESTONES um, ein deutliches Indiz, wofür wir nicht geschaffen waren, nämlich für eine Karriere in das Überirdische, in die Genialität. Allein dieser Name brachte mich wieder mal von Pfad ab.

Okay, ab und an kamen wir doch noch an Gigs. Einmal in einem Kaff in der Lüneburger Heide, einmal in einem Tanzcafé in Wandsbek, einmal draußen in Eckernförde, einmal im Jugendzentrum Barmbek … Das ‚einmal‘ wurde zum Fluch. An uns konnte es nicht liegen, wir gaben alles, vor allem Lautstärke.

Uns ging die Puste aus. Wurde Zeit, den Absprung zu finden.

Den brauchten wir dann nicht mehr lange zu suchen.

Das war so:
Wir absolvierten ein Gastspiel in einem Kurhotel an der Ostsee, Name tut nichts zur Sache, nahe dem Timmendorfer Strand, Richtung Dahme. Unter Kurhotel muss man sich einen düsteren verqualmten Schwofschuppen vorstellen und das Gastspiel als ein Engagement über sechs Stunden Schweinemucke, drei Titel am Stück, Pause, Gemecker vom Wirt wegen zu großer Lautstärke, drei Titel, Pause, Gemoser von einem Gast wegen zu langer Pause, drei Titel, Beschwerde von uns wegen des unzureichenden Biernachschubs, drei Titel, Pause, dummes Gegrinse des eben erwähnten Gastes, drohendes Gegengegrinse unsererseits, drei Titel Walzer, Pause, hämische Anmache des Scheißtypen da unten, war wohl nichts Leute, Walzer ist nicht euer Ding, da braucht es halt ein Können, eine musikalische Grundlage, jetzt eine Polonaise auf Wunsch des Wirtes, Abbruch wegen mangelhafter Beteiligung des Publikums, das Arschloch vor dem Bühnenrand voller Häme, Polonaise kam im Elektrikunterricht wohl nicht vor, haben die Herren wohl geschwänzt und lieber am Chillum genuckelt. Die Sackratte da unten nörgelt bräsig, seine Oma könne aus ihrer singenden Säge mehr Melodien hervorlocken als wir auf unseren 220-Volt-Kabeln. Er zeigt den Stinkefinger. Er suhlt sich in seinem Gewitzel. Er äfft das Schlagen einer Gitarre nach. Hinten, am Drumset, kühlt die Luft ab. Ein frostiger Hauch streicht von dort heran. Lolle erhebt sich von seinem Sitz, schreitet zum Bühnenrand, greift sich das Mikrofonstativ unseres Sängers Tammo und schraubt eines der Beine ab, gemächlich. Eiseskälte strahlt von Lolle ab wie von der glitzernden Wand eines Gletschers. Das Stativbein ist ein solider Happen, eine Eisenstange ohne überflüssiges Zierrat. Das Miststück unten grölt, nun sei er wohl am Ende seiner Kunst, besser wäre das, das Gerumpel auf seiner Schießbude könne ja kein zivilisierter Mensch ertragen. Lolle nickt bedächtig, springt von der Bühne, hebt den Arm und schlägt dem Dreckskerl die Eisenstange auf den Schädel. Ein Knacksen, mehr nicht. Der Schweinehund fällt um, Blut sudelt auf das Parkett, eine Blondine kreischt.

Was auch nichts mehr nützt, das Kerl ist tot.

Wir auf der Bühne machen uns in die Hose. Sinnbildlich gesprochen, aber zwischen Sinnbild und Realität passte kein Katzenhaar, das schwöre ich.

Du denkst jetzt: Das war’s dann wohl. Lollo geht für immer in den Bau, die Band fliegt auseinander, und es verbleiben posttraumatische Störungen. Deswegen also dieses Durcheinander meiner Lebensberichte, kommt dir in den Sinn. Da aber liegst du falsch.

Denn:
Außer Blondie hatte niemand den Totschlag beobachtet. Wie auch, in dem Schwofschuppen gaben die Kerzen die einzige Lichtquelle, Zigarettenqualm waberte in Gilbschwaden undurchdringlich über den Tischen, und die Freier, ich berichtige, die Tanzschweine, ich berichtige, die Tanzpartner geleiteten die Damen just in dem Augenblick der tödlichen Attacke zur Theke mit der vom Wirt erhofften Absicht, letzte moralische Widerstände mit Alkohol zu brechen. Kein Blick zurück, keine Aufmerksamkeit für das Geschehen vor der Bühne. Bei diesen Gelegenheiten wurde das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom hormongesteuert unter die männliche Hirnrinde implantiert (Ach Büsing, deine Sprüche).

Nur eben Blondie, die aufgebretzelte Tussi, verunschönerte die ganze Sache. Sie setzte zu einem Kreischen an, vor dem selbst Altmeister Hitchcock andächtig in die Knie gegangen wäre. Mit ihrem Kreischen versetzte Blondie die anderen Frauen in Panik, die, als sie des blutüberströmten Opfers ansichtig wurden, gleichfalls in den Kreischmodus schalteten und versuchsweise in Ohnmacht zu fallen versuchten, um die Aufmerksamkeit der Freier auf sich zu richten. Das misslang, denn alle glotzten nur auf den Dreckskerl da unten. Bis endlich der Notarztwagen eintraf und die Polizei.
Lolle wurde festgenommen. Er hatte Blut an den Händen. Ich berichtige: Er hatte noch das blutbesudelte Stativbein in der Hand.

Zur Beruhigung der Gemüter wäre hier ein Einschub nicht unangebracht, sagen wir ein Gedicht von Fleischer Büsing, aber ich muss dich enttäuschen, es geht gleich weiter, zur Hauptverhandlung bei Gericht.

Hier die Kurzfassung, schließlich soll dies kein Thriller aus dem Gerichts- und Anwaltsmilieu werden:
War nicht beabsichtigt, beteuert Lolle dem Schwurgericht, reine Notwehr. Der Richter äußert Zweifel. Die Zeugen werden befragt. Das sind wir anderen von den New Cavestones. Wir bestätigen in übereinstimmenden Formulierungen, dass der Getötete uns aufgelauert hätte, um uns ‚alle zu machen‘, wie er mehrfach zur Bühne hinaufgeschrien hätte (In Kriminalromanen wird die Übereinstimmung der Zeugenaussagen als Beweis für Absprache, Bandenzugehörigkeit und kriminellen Absichten eingeflochten; bei uns ergab es sich von selbst, ehrlich). Wir beschrieben das Opfer als einen in Hamburg Altona herumwildernden stadtbekannten Rocker, Radaubruder und gewaltbereiten Mörder in spe. Dieser Krawallmacher habe eine Todesangst bei uns heraufbeschworen, aber hallo und bis zum Anschlag.

Walter, unser Roadie, berichtet mit belegter Stimme, der Kerl habe ihn schon beim Aufbau der Verstärker absichtlich geschubst, so dass er sich das Knie aufgeschlagen habe. Walter krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt ein blaues Knie vor. Außerdem sei es ja wohl kein anderer als der Tote gewesen, der kurz vor Beginn der Veranstaltung mit einer Axt das Hauptstromkabel durchgeschlagen habe, so dass er, nämlich Walter, einen tödlichen Schlag bekommen habe bei dem Versuch, die Kabelenden zu verzwirbeln, um sie wieder miteinander zu verbinden.

Warum er dann noch lebe, fragt ein Geschworener süffisant.

Weil er, Walter, schon viele Stromschläge ausgehalten habe, die bei anderen Leuten tödlich wären. Das käme daher, dass er auf einem Bauernhof aufgewachsen sei und die elektrischen Weidedrähte immer mit der bloßen Hand habe flicken müssen, so war das eben früher. Und den Strom habe man aus der Oberleitung abgezwackt, aber das tue hier nichts zur Sache.

Tammo, unser Sangeskünstler, sagt mit gebrochener Stimme aus, er habe nicht von der Bühne gehen mögen vor lauter Angst, der Schläger da unten würde ihn erwürgen, solch eine Geste nämlich hätte der ihm gemacht. Tammo führt die Geste vor, indem er seinen Schal auswringt.

Johnny Menke, Bassgitarre, und Reiner Büsing, Keyboards, behaupten, nichts gesehen zu haben, da sie hinter der Bühne beschäftigt waren. Die weibliche Geschworene blickt überrascht auf und fragt nach, was sie denn dort zu suchen hätten, wenn vorne eine Gewalttat ausgetragen wurde. Die beiden erwidern unisono, sie hätten dort gepisst.

Ich selbst gab an, dass Lolle zum Zeitpunkt der Notwehrmaßnahme circa vier halbe Liter Weizenbier und sieben bis zehn Korn intus gehabt hätte. Ich sagte, dass ich von 4,5 pro Mille ausgehe und deshalb die Unzurechnungsfähigkeit unseres Drummers außer Frage stünde. Daraufhin weist mich der Richter scharf zurecht. Es sei nicht meine Aufgabe, die Arbeit des Gerichtsmediziners zu übernehmen.

Dann war da noch Blondie. Sie war vorgeladen worden, als letzte aber auch einzige Zeugin im Saal, denn die anderen Gäste hatten nichts gesehen und gehört. Blondie verweigerte per Anwalt die Aussage und erschien nicht. Wir atmeten auf. Vielleicht kein Mord. Nur Totschlag. Vielleicht Bewährung sogar.

Später gestand Tammo, dass er vor dem Konzert etwas mit Blondie hatte – er drückte sich schwülstig aus und redete von Freundlichkeiten, die sie ausgetauscht hätten. Dabei oder vielmehr nebenbei habe er herausbekommen, dass sie noch nicht sechzehn war. Ein diskreter Hinweis an ihren Vater (Kommunalpolitiker), und die Zeugin war vom Tisch.

Lolle hat drei Jahre gekriegt, eine runde Sache. Nochmal Glück gehabt. Was man so Glück nennt. Nach zwei Jahren Santa Fu wurde er entlassen, das letzte Drittel auf Bewährung.

Das war’s dann mit THE NEW CAVESTONES. Ohne Lolle kam uns ein Weitermachen wie bisher sinnlos vor.

Tammo Wohlgemuth, unser Sänger, trieb sich wieder auf dem Kiez herum. Wie ich hörte, legte er eine Karriere als Zuhälter hin. Manchmal traf ich ihn noch auf der Reeperbahn, ich im durchschossenen Parka, er im knöchellangen Nerz, Goldkettchen, zwei weiße Pudel im Schlepptau.

Johnny Menke, der mit dem Fender Precision und dem 100 Watt Marshallturm, spielte eh schon in drei verschiedenen Bands, unterschrieb einen Vertrag bei einer Gala-Band und ward nicht mehr in der Beatszene gesehen.

Büsing wurde still und stiller und verstummte schließlich.

Unser Bandwagen, der Ford Transit mit den Zwillingsreifen, blieb an mir hängen.



11 Nekrolog

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