Schlips mit Guinness

Schlips mit Guinness

Ich weiß nicht, ob es dir auch schon aufgefallen ist: In der Männermode tut sich was. Ein Umbruch. Ein Knalleffekt, was sage ich, ein Urknalleffekt. Aber der Reihe nach.

Ich stehe auf der Straße, im angemessenen Abstand zur Nachbarstochter und Frechlippe Marie-Curie, vor uns Rauhhaar Klopstock und Terrierdame Sissi in abwechselnden Anal-Riechpositionen. »Das war so«, sage ich und ignoriere Maries umherflibbernde Blicke. Es ist ihr wohl peinlich, mit einem seriösen Herrn gesehen zu werden. Schulkameraden könnten heimlich Fotos von uns schießen, Mobbing im Netz, Hate-Storm und das alles, aber das hält mich nicht auf: »Beim Aufräumen fand ich meine Krawatte wieder. Die mit den aufgebatikten Guinnessgläsern. Batik, verstehst du? Altes Hippiehandwerk.«

»Batik?«, fragt Marie, »heißt nicht dieser Tatort-Grufti aus München so, im Old-School-TV?«

Ach diese Jugend. Opfer asozialer Medien. Nachtumflort. Ich berichtige, seufzend: »Du meinst Batic mit c, nicht Batik. Das ic wird wie itsch ausgesprochen, Batitsch. Itsch wie ›Itchycoo Park‹ von den Small Faces, in den 60ern, den goldenen Jahren des Rock.«

»Oh Mann«, sagt Marie. Sie pfeift den Komm-bei-Fuß-Pfiff, aber Sissi pfeift was drauf.

»Nicht zu verwechseln mit dem Illic«, fahre ich unbeirrt fort, »Vornahme, hört hört: Bata! Seinen Hit müsstest selbst du kennen: ›Michaela‹. Ich sing mal vor: Mikaeeeeee-la-aha!!«

Marie versucht ihre überschwängliche Begeisterung mit einer schmerzverzerrten Miene zu kaschieren, aber mich täuscht sie nicht. »Jedenfalls«, strebe ich zum Zielpunkt meiner Expertise, aber ich halte inne, kurz verschnaufen. »Na alter Mann«, erkundigt sich die Frechlippe, »den Inhalator vergessen?«

Das zwar nicht, aber wie kriege ich die Überleitung zur Revolution in der Männermode hin? Dass jetzt immer mehr Politiker und Wichtig-Herren ohne Schlips herumlaufen? Der Söder macht’s und seine Entourage, vom Lauterbach ganz zu schweigen, und wenn das so weitergeht, durchseucht Lottertum und Laissez-faire den öffentlichen Raum und holla, wo bleibt da der urdeutsche Bierernst? Der Gauland, Alexander, der bleibt ja noch bei seinen Hundekrawatten. Immer die Falschen, aber die Mode kennt halt keine Gnade, so oder so.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 24.04.2021, letzte Seite)

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