Über das Leben von Opa Krakau, dem erdgeschossigen Bewohner des Angerhauses, kursieren zwei Versionen. Einmal seine schon erwähnte Karriere als Spion im Dienste einer Geheimorganisation, genauer gesagt die des Iwans. Fidi Finkelstein, der Bratenbruzzler von Kaltenhaven, verbreitet diese doch recht abenteuerliche Legende vom mordenden und konspirierenden Agenten, angeblich von Kriminalkommissar Wenzel Stubbe während eines ausufernden Bratwurstessens geleakt, es ging auf Mitternacht zu und Finkelstein hatte schon die Rollläden seiner Brutzelbude ›Bratkolosseum‹ herabgelassen.
Die zweite Lesart gibt sich bescheiden: Opa Krakau habe seinerzeit einen Kiosk betrieben, eine winzige Hütte, zusammengenagelt aus den Ständern für die Zeitungen und Illustrierten, ein Bretterverschlag mit einem hineingesägten Guckfenster. In dem Ein-Mann-Loch habe Opa Krakau auf einer Kiste gehockt und durch das Guckfenster den Leuten draußen hinterhergeschrien. Egal, wer vorbeikam, er musste sich darauf gefasst machen, in eine Geschichte hineingezogen zu werden, die ihm Opa Krakau unterstellte. Meistens ging es um Verschwörungstheorien. »He, du da! Ich hab dich erkannt. Du verbreitest Viren, die die Kinder einatmen. Sie kriegen davon Euter im Hals und Bärte an den Ellbogen.«
Eine Touristin musste sich anhören, dass sie mit ihren Augen Neonstrahlen aussende. »Damit verstrahlst du die Bäckerei Könneke. Alle Semmeln gerinnen zu Schweineschwarten.«
Wer sich einmal traute, näher an den Kiosk heranzutreten, um, sagen wir, den Kaltenhavener Boten zu verlangen, bekam zwar das neueste Exemplar ausgehändigt, nachdem der Kaufvertrag abgeschlossen war und der Groschen (damals Groschen, du Pimpinelle) über die provisorische Verkaufslade aus Abbruchbrettern geschoben wurde. Kaum aber hatte Opa Krakau den Groschen gekrallt, hob er zum Keifen und Verleumden an: »Affenschwanz! Du willst die Weltherrschaft! Dein Groschen ist mit Atomkraft gespeist, und jetzt bin ich Sklave deines Blutgerinnsels. Aber da hast du dich verrechnet, Freundchen. Meine Sensualdrüsen eliminieren das Gewebe. Keiner verlässt die Kommandobrücke, sonst kommt der Zahnarzt.«
Einer ahnunglosen Frau, die ein Wochenblatt erstanden hatte, rief er hinterher: »Zum Arschwischen für eine Woche? Doch wohl eher, um die freie Meinung aufzukaufen. Es lebe das gesprochene Wort. Nieder mit den Schmierschreiberlingen!« Studienoberrat Flemming, Direktor des Klopstock-Gymnasiums, hatte im Vobeigehen die zuchtlose Hetze gegen die Journalisten mitbekommen, und er regte sich mächtig auf: „Schmierschreiberlinge? Willst du etwa die freie Presse in den Orkus ziehen, du Prälat des Teufels du?“ Darauf bezichtigte Opa Krakau ihn der Sodomie mit einer Gummipuppe.
Lange wurde gerätselt, wovon Opa Krakau seinen Unterhalt bestritt. Von den paar Groschen aus den Zeitungsverkäufen konnte er höchstens seine Lakritzstangen bezahlen, von denen sich seine drei Zähne schwarz und schmierig einfärbten.
Bis die Fama vom Geheimagenten aufkam, die Fidi Finkelstein vom Kriminalen Wenzel Stubbe aufgeschnappt haben wollte. Und von den Zahlungen aus Moskau, toter Briefkasten gleich neben dem Kiosk (Baumloch in der Buche), nächtliche Geräusche, aufflackernde Feuerzeuge, Geflüster, gedämpfte Schüsse aus einer Makarow.
Aber so richtig passt das alles nicht zusammen. Wahrscheinlich hat Opa Krakau zeit seines Lebens in der Buchhaltung eines Sanitärgroßhandels gesessen und die Mehrwertsteuer ausgerechnet. Jetzt vermümmelt er seine Rente. Im Parterre des Angerhauses. Wo er angeblich tote Schlafende entdeckt, die sich geblümte Nachthemden um die Beine wickeln.
Nächstes Mal erzähle ich vom Jazz in der Pumpe
