37. Jazz in der Pumpe

37. Jazz in der Pumpe

Wer inzwischen zu der Überzeugung gelangt ist, Kaltenhaven sei von Verrückten besiedelt, liegt aber sowas von daneben. Hier pulsiert das normale Leben wie überall. Die schon beschriebenen Vorkommnisse … ja gut, aber mal ehrlich, dampfen nicht in jeder Stadt ein paar Leichen im Ratskeller und in den Dachstühlen, schamvoll bedeckt mit dem Sargdeckel des Schweigens? Auch wer die auf den ersten Blick verrätselte Bildersprache von Bürgermeister Christian Woltersleben unter die Lupe nimmt, entdeckt keine Absonderlichkeit, sondern praktisch das Nichts zwischen den Zeilen, so, wie es sich gehört.

Beispiel Musikszene Kaltenhaven: Sie präsentiert sich ebenfalls, wie es sich gehört. Nehmen wir die Rockgruppe Caligula, die als Aushängeschild ungetrübter Konformität herhalten kann, bürgerlich im besten Sinn.

Deren Drummer Alex Griffin, Halbengländer, gibt an der VHS Cajon-Kurse und leistet damit seinen Beitrag zur Kultur der Gemeinde (man rätselt, wovon er sonst lebt, aber gehört das nicht zum Nimbus eines jeden Rockstars?).

Gitarrist Timo Stankowski, studierter Konzertgitarrist und Pop-Musiker mit Hochschulabschluss (Rotterdam) führt als allseits geachteter Dozent an der städtischen Musikschule die jungen Menschen auf den rechten Weg zu instrumentalen Künsten. Da gibt es nichts zu mäkeln.

Bassgitarrist Henner Hempel (so heißt er tatsächlich) steht seinen Mann als Abteilungsleiter des Möbelgeschäftes Schubert (Küchenabteilung) und ist über jeden Zweifel erhaben, was die moralische Integrität betrifft sowie die Art seiner Lebensführung.

Kommen wir zum Eigentlichen und damit zur Frontfrau und Sängerin der Band Caligula, Tessi Löwenstein, 25, Stimme wie Rost und Reibe (so, wie es sich gehört, aber das hatten wir schon). Tessi als auch Mona XXX (Name unaussprechlich, klingt nach Afrika, vielleicht Maghreb), also diese beiden führen das Bistro Die Pumpe in einer Weise, die des Vorbildlichen nicht entbehrt. Die Pumpe pflegt ihr Image sowohl als Treffpunkt von Hobbykünstlern, schulschwänzenden Jugendlichen, gesellschaftlichen Outsidern, Studenten, Rock- und Jazzmusikern und jeglicher Art von Herumtreibern als auch als Magnet für Touristen, die sich hier bei diesem Völkchen eine hübsche Sensation erhoffen, zumindest aber tiefgreifende Einsichten in die seltsamen Gestalten und Vorkommnisse, die ihrer Meinung nach Kaltenhaven zu einem »Epizentrum eines mysteriösen Paralleuniversums« macht (SMS von Egon Frommbeck an seine Lieben daheim, nachdem der Knüppel des dicken Lehmann einen Scheitel durch sein Haar gezogen hatte, worauf Sengwölkchen zum Firmament aufstiegen und Hollorido sangen).

Tessis Löwensteins Hinwendung zum eigenen Geschlecht mag das eine oder andere Stirnrunzeln hervorrufen, wird aber nicht weiter problematisiert in den Wohnstuben. Man ist ja nicht von gestern. Aber schade, schade ist das schon.

Bei der Figur!

Und dass Tessis Lebensgefährtin Mona Unaussprechlich zwar recht exotische, dafür aber weithin gerühmte Suppen und Eintöpfe kocht – man muss hier ehrlicherweise sagen: kreiert –, das lässt etwaige Frotzeleien schnell verstummen.

Der Marrokanische Linseneintopf
Eine geradezu euphorisierende Wirkung wird ihrem Mitternachts-Schmaus nachgesagt, dem Marokkanischen Linseneintopf mit Lamm. Allein die Zutatenliste lässt Speichel fließen: Lammkotelett in Würfel geschnitten, Knoblauch, Zimt, Kreuzkümmel, Kurkuma, Nelken, Lorbeerblätter, Mehl, Rosinen, Perlgraupen, Möhren, Tomatenstücke, Zwiebeln, Brühe und natürlich die Linsen. Für den letzten Pfiff aber rührt Mona Ingredienzen ein, über die viel spekuliert wird, deren Geheimnis aber bis heute nicht aufgedeckt wurde. Da wird von halluzinogenen Kräuterbeigaben gemunkelt, von rauscherzeugenden Substanzen, auch von aphorisierenden Pulvern. Natürlich hatten die Gerüchte (vermutlich auch Denunziationen) die Kontrolleure des Gesundheitsamtes auf den Plan gerufen, die aber keine verdächtigen Spuren in den Proben fanden.

Freitag Abend ist Jazztime in der Pumpe, und ab 9 Uhr treffen auswärtige Musiker ein, die nicht zu den Leuten zählen, die Fragen stellen, jedenfalls nicht die schon bekannten und einschlägigen Fragen. Fragen nach den Vorfällen. »Vorfall machen wir selbst«, motzen die Mucker verächtlich. Am Ort residiert sogar ein Jazzquartett mit dem Namen Kaltenhavener Vorfall, lauter abgehangene Hasen im Musikbusiness, die die Ironie als auch den schwarzen Humor von gestern pflegen; heutzutage geht vielleicht Rap oder Slam Poetry, nicht aber Ironie. Mit diesem Vorurteil haben sie sich einzementiert in ihrem Swinguniversum, und sie fühlen sich wohl dabei.

Sonderstatus.

Insiderwissen.

Die Jungen können es einfach nicht.

Sie sitzen alle um die provisorische Bühne herum – ein Verhau aus ein paar zusammengeschobenen Euro-Paletten – swingen mit den Aktiven, steigen auch mal zum Jammen ein, wenn Misty angesagt wird oder Autumn Leaves oder Blue Bossa, die einfacheren Standards halt, die jeder kennt, zu deren Changes jeder ein paar Chorusse abliefern kann. In den Pausen wird gefachsimpelt. Die ewige Frage, mit welchen Skalen über Giant Steps improvisiert werden muss. Giant Steps, eines des schwierigsten Titel der Jazzgeschichte. John Coltrane, Saxofonist und Komponist des Stückes, soll monatelang seine Soli dazu geübt haben. Und dann im Studio oder auf den Bühne kriegten die anderen die Noten aufs Pult und versagten prompt nach ein paar Takten. Trane, die alte Nase. Der hat es denen gezeigt. Tja, und wie geht man nun an das Stück heran? Pianist Hermann Wolters vom Kaltenhavener Vorfall behauptet, Skalen wären Scheiße, Akkordzerlegungen und Outside-Spiel würden dem Stück gerecht werden. Überhaupt frei über die Changes, gar nicht beachten den Mist, wäre sowieso Kopfmüll das Ganze. Die anderen fuchteln, fallen ihm ins Wort. Der alte Streit. Hinten zählt der Drummer Straight No Chaser ein mit dessen gegen den Strich, sprich Takt, gebürsteten Phrasen von Thelonius Monk, up tempo, jetzt wird es richtig heiß, die Bläser machen dicke Backen, und durch den Lärm der Stimmen und Klangfetzen klirren die Gläser, ab und zu Beifall nach einem Chorus vom Saxophonisten oder vom Gitarristen, und wenn Martina Haberkamp, Kellnerin, Hobbypoetin und Ikone der Bude, gut drauf ist, springt sie auf die Bühne, schnappt sich das Mikro und haucht und gurgelt und rotzt ihre selbstgebastelten Kaltenhavener Elegien hinaus, und dazu gibt’s Freejazz auf die Ohren, und da die Kaltenhavener Elegien als work-in-progress angelegt sind, ein Open-end-Konvolut, bricht Martina mittendrin ab, mischt sich wieder in den Beifall und die Pfiffe, und irgendwelche hierhin versprengte Touris werden beiseite gedrückt; heute keine Animation, heute geht Kaltenhaven in die Vollen, Fragen werden nicht beantwortet. Tessi Löwenstein dampft vor Betriebsamkeit, Mona Unaussprechlich glüht den Mitternachts-Schmaus vor, und Martina Haberkamp schwitzt beim Ausschank.

Martina Haberkamp
Die Kaltenhavener Elegien:
Requiem für eine Papiermaschine

# 21 Das Leben wüstet
Ein Heuschreckflügel orkante
durchs fügsam sich teilende Rotschwanzmeer.
Ein Mückenstach kitzel- und katzelte
ums Beinwarzhaar mit Feder und Teer.
Ein Schäfchenwolk wanzte mit triefender Scham
beim Irrlicht der Zahnlückenbucht.
Die Lauskadaver zerknallten
in doppelter Halbwertzeit
und hagelten atomisiert
auf das krustige Joch der Ewigkeit.

# 17 Frl. Wippstert geht tanzen
Hinein sirrt die Wesp ins Dunkel,
die Zung erschwillt beim Stich.
Hinweg- und fortgepiesackt
ist der erste Doktorus
mit seinem Protzgedöns!
Jetzt gehets in die tiefe Kehl,
und das zweite Doktorfalsch
wird als Opferlamm
ausgemacht und abgestecht.
Blank stiert der Dominikus
ins Grau des Nichts,
beraubt all seiner Titel.
Und die Fresser draußen
stöhnen auf und brechen Galle.

# 08 Religion
Trotz großer Worte
glaub ich meinem Spiegelbild,
das mir aus einer Wasserpfütze
Falten zuwirft.

# 22 Dich
Dich sah ich
tausendgliedrig
durchs Facettenauge
meiner perforierten Gänsehaut.

Dich fühlt ich,
Haar für Haar.
Dein weichgekochter Flaum
taubnesselte mein Kehlenrot.

Dich fraß ich,
faserklar.
Im Biss steckt Wahrheit,
und Kilopond auf Kilopond
türmt ich
Weisheitssäckel ins Kaldaun.

# 77 daumensprache
den daumen auf den bauch der puppe
mama
den daumen zurück
pfffffft

Na, glaubt jetzt noch jemand, dass es in Kaltenhaven absonderlich zugeht?

War ganz schön lang diesmal. Nächstes Mal erzähle ich zum Ausgleich die kurze Geschichte des Augenblicks.

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