Um den Tourismus anzukurbeln und die Wirtschaft zu stärken, richtet das Marketingbüro von Kaltenhaven jährlich mehrere Wettbewerbe und Events aus. Das Kürbisfest etwa verbindet gärtnerische Erfolge mit sportlichen Ambitionen. Wer den größten Kürbis herbeischafft, wird zum Kürbiskönig gekürt. Diese Ehre verbucht seit Menschengedenken Bauer Ferdi Jabusch für sich. Kein Kaltenhavener kann sich an einen anderen Kürbiskönig erinnern. Opa Krakau quakt zwar des öfteren, es habe einmal eine Kürbiskönigin gegeben, die »furiose Frederike«, die habe dem Wachtmeister Lehmann ein Loch in den Hintern gebrannt und außerdem Kantor Ephraim Nettelbeck mit einem Schraubenwerkzeug den Hintern nach vorn gehebelt, worauf der Kirchenchor sich gespalten habe: Die einen seien zum Shantyglauben übergelaufen, die Gebildeten hätten sich dem Gospeltum verpflichtet, und der Rest sei desertiert und zum Karaoke in die Hafenkneipe Bermuda-Eck gewandert.
Was die furiose Frederike denn mit dem Kürbisfest zu tun habe, wurde Opa Krakau angepfiffen, er sei vom Thema abgekommen und würde das Schuljahr nicht bestehen. Wir ahnen, dass diese Kritik dem Munde des Studiendirektors Flemming vom Klopstock-Gymnasium entsprungen sein muss.
»Die Frederike«, Opa Krakau flatschte einen hundekackbraunen Rotz vor die Füße des Studiendirektors, »war gegen Ende des Wettbewerbs aufgetaucht, als Bauer Jabusch sich schon mit der Krone des ewigwährenden Siegers schmücken wollte. Das hinterfotzige Weibstück behauptete, sie habe der Preis verdient, da sie einen Kürbis gezüchtet habe, der an Umfang und Gewicht mit dem Mond übereinstimmte, und zwar im Maßstab Eins zu einer Million. Zum Beweis angelte sie einen fußballgroßen Kürbis aus ihrem Rucksack und rief, dieser Fußball gliche ihrem Originalmonsterkürbis wie ein Ei dem anderen, nur halt in einem kleineren Maßstab. Wer sich den Mond im Maßstab Eins zu einer Million geschrumpft vorstelle, wüsste, wovon sie rede. Sieg und Trophäe gehörten ihr, Widerrede zwecklos. Nach einer Schrecksekunde von gut fünf Schrecksekunden fingen die Konkurrenten an zu zetern und zu schreien und böse Laute auszustoßen vor Wut. Davon ließ sich die furiose Frederike überhaupt nicht beeindrucken, nein, sie stopfte dem Bauer Jabusch ihren Siegerkürbis in den Hintern, oder wie Bürgermeister Christian Woltersleben in seiner unvergleichlichen Sprachbrillanz anmerkte, sie habe das ›Runde in das schmale Gewirke speditiert‹. Das war ein Wort, und Ferdi Jabusch hatte den ersten Teil des Kürbiswettbewerbs schon mal verloren.«
Bürgermeister Christian Woltersleben widerspricht: »Allein die Tatsache, dass Opa Krakau sein Problem mit den Hintern seiner Mitmenschen unverdaut auswürgt, lässt seinen Leumund ins Bodenlose wanken und seine Rede in ein Luftschloss verpuffen. Mir jedenfalls ist noch nie eine furiose Frederike über den Weg gelaufen.« Wobei ihm die Vision des entblößten Hinterns einer gewissen Ratsfrau durch den Sinn blitzt.
Seine Einlassung glaubt ihm niemand, denn kein Kaltenhavener außer ihm käme auf die Metapher, das Runde in das schmale Gewirke zu speditieren.
Im zweiten Teil des Kürbiswettbewerbes geht es darum, den prämierten Großkürbis zu stemmen. Wer es gegen alle Wahrscheinlichkeit zuwege bringt, muss danach den Kürbis mit einer Hand auf den Wasserturm tragen, immerhin 154 Stufen bis zur Aussichtsplattform.
»Diesen Teil des Kürbisfestes hat noch jedes Mal der dicke Lehmann gewonnen, der Wachtmeister der Kleinstadt«, verrät Fahrlehrer Kuno Kästner seiner Cousine Elena, die extra aus dem Weserbergland gekommen ist, um sich das diesjährige Spektakel anzusehen. »Obwohl, aber das muss unter uns bleiben, auch der dicke Lehmann hat es noch nie bis nach oben geschafft. Der hat den Kürbis gar nicht angerührt.«
»Wie das?«, fragt Elena und löst auf ihre Frage nur ein Achselzucken aus, das bis über die Hafenkante schallt und in der Nordsee vergubbelt.
Opa Krakau funkt erneut mit seiner rotzgurgelnden Stimme dazwischen: »Dann bitte ich aber das eine Jahr zu beachten, wo die furiose Frederike mit ihrem Fußball auf den Wasserturm gestürmt ist und die Tradition am Hintern abgewischt hat. Aber hier will ja keiner die Wahrheit wissen, denn die Transgenderischen aus dem Anger-Haus haben ganz Kaltenhaven mit ihren Ritualen paralysiert, so dass nur noch Hasenfüßige über den Marktplatz laufen und diese Zettel verteilen, die neuerdings überall auftauchen.«
Der dicke Lehmann hat die Schnauze voll. Er schwingt seinen Knüppel, und Opa Krakau darf für ein paar Stündchen von seiner Spionagetätigkeit träumen, damals, als der Iwan noch ein richtiger Iwan war.
Tatsache ist:
Die Sieger des alljährlichen Kürbiswettbewerbes stehen traditionell unverrückbar fest. Es sind und bleiben Bauer Jabusch und der dicke Lehmann.
Der dicke Lehmann sowieso.
»Weil es niemand wagt, gegen ihn anzutreten«, zwinkern sich die Kaltenhavener einander zu, »da steht der Sieger fest, bevor ein Finger gekrümmt wurde.« Laut sagt das Niemand. Wer will schon am Knüppel des Wachtmeisters schnuppern.
Nächstes Mal erzähle ich von diesen Zetteln, die überall auftauchen.
