40. Die Zettel

40. Die Zettel

Ehe ich zu der Episode komme, bei der ein Loch in Kaltenhaven für Unruhe gesorgt und die Leute ins »Geistige gestürzt hat, welches dem Muttergeistigen entspringt wie ein Bock dem Schlachtekoben« (Bürgermeister Christian Woltersleben), muss ich auf die Anspielung von Opa Krakau eingehen, der von »diesen Zetteln« sprach, die neuerdings überall auftauchen.

Mit Zetteln allein hätten die Leute ja kein Problem. »Zettel?«, höhnt Zahnarzt Diego Fratelli, »wer mir mit Zetteln kommt, kriegt den Bohrer in die Backe, und ab dafür.«

Fratelli ist für sein aufbrausendes Talent bekannt, also genauer gesagt, für sein aufbrausendes Temperament, und etliche Kaltenhavener Bürger laufen mit versehrten Kiefern herum als Folge der Aufbrausung des Zahnarztes, dem die leiseste Kritik an seiner filigranen Dentalkunst das Blut aufkochen und seinen Bohrer auf Maximalgeschwindigkeit beschleunigen lässt. Man munkelt, Fratelli habe sich einen Ultraschallbohrer angeschafft, mit dem er sogar künstliche Schultergelenke und Herzschrittmacher … aber wir wollen uns jetzt nicht verzetteln (verzetteln … hohoho).

Die älteren Zettel steckten in Briefkästen, klebten an Fenstern oder fielen aus den Seiten der Gesangsbücher, neuere Exemplare liegen als Flyer in der Tierhandlung und in der Bücherei. Allen gemeinsam sind die Botschaften, mit denen sie beschmiert sind, und die kaum einer versteht, aber bei angsthaften Gemütern für kribbelnde Füße und Schauer über den Rücken sorgt (ich nenne Karla Kropp, Andrea Schlotterbeck, die Konditoreifachangestellte Theodora Rosenwinkel, Kantor Ephraim Nettelbeck).

Die Gelbe Gefahr lauert in einem Schacht hinter der Stadtmauer. Man muss sie mit Löschpapier abdecken (angepappt am Kriegerdenkmal von dem Amtsgericht Kaltenhaven)

Löschpapier hätte man im Traditions-Schreibwarengeschäft Schnepfle kaufen können, aber die Familie Schnepfle war bekanntlich ausgewandert und hatte sich am Kokomambo eingerichtet, drüben, über dem großen See.

Die Dämpfe haben sich verklumpt, nun muss der Kirchenälteste täglich den Hahn aufdrehen (Handzettel in einem Gesangsbuch der Nikolauskirche)

Marga Höppner, Pastoralreferentin, war außer sich. Sie habe stets die Fenster des Badezimmers geöffnet, nach dem Duschen. Man möge ihr das Gegenteil beweisen.

Nie wieder 1. Weltkrieg! (Flyer vor dem Büro der Friedensbewegung Kaltenhaven)

Weitere Zettel fanden sich auf den Tischen der Restaurants als auch in der Traditionsgaststätte Goldener Frosch sowie in der Hafenkneipe Bermuda-Eck:

Der Geruch muss in Kanister gefüllt werden!
Wenn man Seife in die Fugen streicht, hört man die Seraphime gackern
Agnes Drexler ist gar nicht blind

Mit diesem Zettel, den der liebestolle Finanzbeamte Heiner Merklein aus den Tasten seines Computers gefischt hatte, marschierte er zur Drexler, Agnes, und verdrehte ihr den Kopf. Wenn sie gar nicht blind sei, flötete er ihr ein Liebes-Chanson vor, müsse sie seinen physischen Vorzügen blindlings (hahaha) erliegen, denn die Weiblichkeit Kaltenhovens habe vor dem Ebenmaß seiner Extremitäten allesamt die Waffen aus den Segeln gestrichen.

Dies soll hier nur als ein einzelnes Beispiel für die Zersetzungskraft der Zettel erwähnt werden, denn die Drexler, Agnes, hatte ihrem Blindenhund ein Kommando gegeben, von dem der Merklein noch bis ans Ende seiner Tage zehren durfte.

Und noch was: Der Zweite kommt immer zuerst
John F. Kennedy wurde von kommunistischen Sanitätern aufgehängt

Erste Anzeigen gingen bei der Polizei ein. Kriminalhauptkommissar Carsten Carstensen, der alte Fuchs, bügelte gelangweilt seine Sig Sauer P6, schoss anschließend eine Taube vom Dach des gegenüberliegenden Rathauses und nahm einen tiefen Zug vom Rauch aus dem Lauf der Pistole. Plötzlich splitterte das Fensterglas, ein Stein polterte auf die Dielen der Amtsstube, an dem einer dieser Zettel angebunden war, diesmal mit vier Botschaften.

In den Schuhsohlen sind sie versteckt. Man muss alle Schuhsohlen kontrollieren
In Belgien wird die Wahrheit verschwiegen
Deutschland liegt woanders
Carstensen schlabbert beim Schnarchen

Da war Schluss mit lustig. Carstensen stieß einen Fluch aus und ließ einen Aufruf verteilen, in dem er jedem Zettelschreiber und jeder Zettelschreiberin, oder ganz allgemein, jedem bzw. jeder Zettelschreibenden in Aussicht stellte, den Rauch seiner Sig Sauer schmecken zu geben, aber erst, nachdem er selbst einen Zug davon genommen und anschließend ausgepustet habe, Punktum, noch Fragen?

Na ja, so war es natürlich nicht. Aber weshalb sollte ich hier mit der Ödigkeit der obrigkeitlichen Maßnahmen langweilen, wenn es auch Alternativen gibt?

Nachstes Mal erzähle ich vom Loch, das hätte befestigt werden müssen.

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