Mitten in der Hochsaison, alle Ferienwohnungen waren belegt und die Hotels ausgebucht, entdeckte Frau Gabriele Korten es. »Guck mal«, sagte sie zu ihrem Gatten Franz-Georg, »da ist ein Loch.«
Sie hatten den sonnigen Tag genutzt, um die Sehenswürdigkeiten Kaltenhavens zu besichtigen, waren aber von der empfohlenen Route abgekommen und in einem Außenbezirk gelandet, der als Merkmal die Merkmalslosigkeit aller Vorstädte wie ein Kainszeichen im Gesicht bzw. im Vorgarten trug. Wörtlich genommen war hier nichts. Höchstens der in der Ferne aufragende Glockenturm der Nikolauskirche, den Franz-Georg stets im Blick behielt zwecks »Orientierung qua Augenkontakt«, wie er seine Frau beleuchtete, »präziser als Google-Maps und GPS.«
Dadurch war ihm das Loch entgangen, aber wozu hat man eine Frau, die nach Löchern Ausschau hält. Oder nach Schuhläden, wenn man spitze Vorurteile ausspielen möchte sowie Pauschalwitze über die menschlichen Diversitäten. Dabei wäre Gabriele Korten sogar beinahe in das Loch gestolpert. Welches aufgeschreckt im Zickzackkurs Richtung Nord-Osten wegtrudelte.
»Das Loch wandert«, sagte Frau Gabriele.
Franz-Georg grunzte.
Eine gute Stunde später war Wachtmeister Lehman, der »dicke Lehmann«, vor Ort und trampelte im Vorgarten der Familie Zöllner die Beete nieder. Lehmann sagte: »Hier ist kein Loch.«
»Weil«, belehrte ihn Frau Gabriele, »das Loch weggewandert ist. Wahrscheinlich rumort es drüben im Nachbargrundstück herum. Hinter dem Haus. Sonst würde man es ja sehen.«
Ehemann Franz-Georg nickte. Den Flachländern hier musste man erst noch Logik beibringen.
Inzwischen hatten sich etliche Kaltenhavener hinzugesellt. Es wurde diskutiert, ob das Loch nicht in Richtung Westen gewandert sei, quer über die Felder hin zum Hof von Bauer Jabusch. »Man hätte das Loch befestigen müssen«, schimpfte Bertold Betten, Feinkosthändler und nicht auf den Mund gefallen, »mit einem Tampen festzurren oder Zweikomponentenkleber fix an den Rändern.«
Andrea Schlotterbeck, die Frau des Bademeisters, machte den Vorschlag, Wasser in das Loch zu füllen und eine Boje auszusetzen, dann würde man schon sehen »wohin der Hase läuft«.
»Warum nicht einen Peilsender implantieren“, ätzte Franz-Georg Korten, »dann kann man das Loch bei Nacht verfolgen.«
»Oder einen Leuchtturm«, gab seine Frau Gabriele noch einen drauf, »mit Leuchttürmen kennen die sich hier ja aus.«
Der Disput schien zu eskalieren. Wenn nicht bald jemand Wogen in die Flammen des Streits kippen würde, wären Handgreiflichkeiten zwischen den Einheimischen und den sich zusammenrottenden Touristen unausweichlich. Der dicke Lehmann hatte schon seinen Knüppel gezogen und in Schwingungen versetzt. »Der Staat müsste dem Vorfall mit dem Loch ein Ende bereiten«, spielte sich Franz-Georg Korten jetzt als Wortführer auf, »aber was rede ich, die Obrigkeit hat versagt, wie so oft.« Was ihm einen Schlag des Knüppels vom dicken Lehmann einbrachte.
Daraufhin sagte niemand was.
Nur die Augen gingen.
Die Augen gingen von rechts nach links.
Immer das Loch im Fokus.
Das Wanderloch.
Das Loch kehrte zurück.
Es hatte keine Freude am Anwesen von Bauer Jabusch gehabt.
Weil es dort nach Schweinescheiße stank. Vielleicht.
Zu den Schaulustigen hatte sich auch die Boßelgruppe »Hau weg und ab dafür« eingefunden. »Das wär doch was«, überlegte Boßelvorsitzender Manfred Ohlig, »die Boßel nicht am Straßengraben entlangschleudern, sondern mittenmang in das Loch zielen. Dafür muss man die Wandergeschwindigkeit des Lochs einberechnen. Multipliziert mit dem anderen Faktor, na, wie hieß der gleich?«
Noch lange wurde über den Faktor spekuliert, die Sonne hatte sich längst schlafen gelegt.
Ebenso wie Familie Korten in ihrer Ferienwohnung.
Das Loch war auch über alle Berge.
Wie man aber das Loch hätte befestigen müssen, darüber gehen bis heute die Meinungen der Kaltenhavener auseinander.
Nächstes Mal erzähle ich einem Ort namens Shanghai.
