42. Shanghai

42. Shanghai

Der Spruch »Ich geh mal nach Shanghai« hat in Kaltenhaven mehrere Bedeutungen. Allen gemeinsam ist die Ortsbestimmung: Shanghai liegt in der Hermann-Kramer-Straße. Oder anders gesagt, wer in Kaltenhaven Shanghai sagt, meint die Hermann-Kramer-Straße. Der legendäre Hermann Kramer, ein ehemaliger Bürgermeister des Ortes und somit Vorvorvorgänger von Bürgermeister Christian Woltersleben, hatte sich einen unsterblichen Ruf als Kämpfer wider die Unnatur menschlicher Triebe erworben. Berühmt wie auch berüchtigt waren seine Feldzüge gegen die Versumpfung der Moral in den Katen der Torfstecher, draußen im Moor vor den Toren der Kleinstadt. »Dort im Unzugänglichen, wo die Zivilisation ihren Odem aushaucht«, hatte Kramer wiederholt im und aus dem Rathaus gedonnert, »versammelt sich das Unwesen der Kulturverachtung! Keine geschmeidigen Harmonien aus Schalmeien erblühender Jungfrauen dringt aus den Stinklöchern dort, nein, kein höfischer Tanz entfacht das Bein eines Torfstechers, kein liebliches Blumenarrangement umkränzt die roh gezimmerten Bohlenverschläge der Hütten.«

»Da haben wir den Salat«, riefen die Kaltenhavener und nickten sich zu, »kein höfischer Tanz! Dieser Barbarei muss Einhalt geboten werden.«

»Wenn aber«, schrie Kramer in den Aufruhr, »am Wochenende der Torfstecher mitsamt seiner angeblichen Braut durch unsere Gassen poltert, um sich mit Schnaps und Weibern vollaufen zu lassen und unseren braven Bürgern das Makelbeispiel verkommener Sitten vorführt und darüber noch hämisch meckert und seine frivolen Kalauer auf uns herabprasseln lässt, so dass unsere zarten Hausmütter verängstigt hinter den Gardinen …«

»Da haben wir den Salat«, riefen die Kaltenhavener dazwischen, »verängstigte Hausmütter hinter Gardinen!« Die Männer stoben auseinander und liefen duch die Gassen auf der Suche nach den Fenstern, hinter denen sich verängstigte Hausmütter aufhielten.

Die giftsprühenden Tiraden von Hermann Kramer fanden nie ein Ende. Es war halt die Zeit, als noch kein dicker Lehmann knüppelschwingend durch die Straßen patrollierte und mit seiner Schreckensherrschaft für Ruhe und Rambozambo sorgte. Es war diese Zeit der Rechtlosigkeit und der Anarchie, gegen die Hermann Kramer sein moralisches Schwert schmiedete. Seine größte Wut bekamen die Torfstecher zu spüren, die die verängstigten Hausmütter aufspürten, nur um sich in sie zu vergucken. Ei, wie die phallischen Früchte anschwollen! Bald hingen die Tagelöhner in Trauben vor den Butzenscheiben, diese derben Gesellen aus dem Vorland, dem morastigen, und beim Glotzen in die Scheiben blieb es nicht, dafür war man nicht im Moor herumgestapft und hatte die Katen mit Schweinetalg parfümiert und mit Jauche desinfiziert. Ungewollt ausgelöste Schwangerschaften mehrten sich, und nur die massenhaften Schnelltrauungen durch den damaligen Pfarrer Jeremias Betzel konnten die Schmach abwenden.

Aber auch die Seeleute und Fischer am anderen Ende der Stadt empfingen den Zorn des Hermann Kramer, kaum dass sie an Land gegangen waren. Ihnen eilte der Ruf der Trunksucht voraus, nichts weniger als ein Orkan der Haltlosigkeit in den Kaschemmen, die sich wie Opiumhöhlen in die Hinterhöfe drückten. Und dann erst die Prostitution, eine auf biblische Maße aufgeheizte Heuschreckenplage der Unmoral, die sich anschickte, die ganze Stadt in ihre lüsternen Klauen zu klemmen. Denn die verängstigten zarten Hausmütter hinter den Gardinen, die noch nicht in den Fängen der Torfstecher zappelten, bekamen an den Wochenenden mit, wie leicht »der Fisch an Land gezogen« werden konnte, eine klammheimliche Umschreibung für den satten Zuverdienst, der hie und da plötzlich die Haushalte der Tagelöhner und Beamten vergoldete.

Angesichts des sich zuspitzenden Moralverfalls erlitt Hermann Kramer zwei Herzinfarkte. Davon mit medizinischem Wissen ausgestattet, bereitete er sich auf den nächsten und letzten Infarkt vor, mit dem er sich ins Jenseits verabschieden wollte. Er stellte dem Rat der Stadt den Plan einer neuen Siedlung vor. Eigentlich nur eine Straße, zu deren beiden Seiten Musterhäuser hochgezogen werden sollten, die ausschließlich an rechtschaffene Gewerbetreibende und ehrbare Mieter vergeben werden durften. Keine Torfstecher! Keine Seeleute! Außerdem sollte ein Bürgerhaus mit Saal errichtet werden, das der Hochkultur eine Bühne liefern sollte. Unter Hochkultur verstand Kramer das Auswendigsagen von Bauernregeln, die Darstellung ländlicher Tollpatschigkeit mit der plattdeutschen Theatergruppe (Ausrutschen auf einer Bananenschale, Grimassen, lustige Verwechslungen) sowie das Schützenfest (Motto: Bier, Bratwurst, Blaskapelle) mit Proklamation des Königs und dem anschließenden Besäufnis. Der Plan wurde angenommen, die Musterhäuser gebaut, der Saal der Hochkultur als Baracke mit angeschlossener Dorfkneipe ausgeführt. Beim traditionellen Spatenstich des letzten Gebäudes fiel Kramer ins Grab. Die Straße wurde ihrem Erfinder gewidmet: ›Hermann-Kramer-Straße, Ehrenbürgermeister von Kaltenhaven‹.

Heute residiert dort ein Thai-Massagesalon, das Tattoostudio von Xi Zheng, Frau Yunhus Nagelstudio und das Restaurant Asia Wok. Im Hinterhof des Asia Wok, etwas verdeckt durch die flackernde Leuchtreklame, erstreckt sich ein barackenähnlicher Anbau mit Rotlichtern in den Fenstern, die des nachts den Weg leiten. Hermann Kramer hätte keine Freude an seiner Mustersiedlung gehabt, einem Viertel, das unter dem Namen Shanghai auch außerhalb Kaltenhavens gern empfohlen wird. Nun gut, Herr Kramer ist ja längst unter der Erde und spürt nicht mehr das »Erhabene, welches durch das Erlebte hindurchnebelt in das Nirwana der sieben Köstlichkeiten«, wie Bürgermeister Christian Woltersleben gern aus dem Nähkästlein plaudert, wenn er nach entspannender Thai-Massage einen Reisschnaps an seine Poetenlippen führt und die Hochkultur Kaltenhavens in die ihm wohlgesonnene Ratsfrau Juliane Semmelweis einführt.

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