43. Fische im Fenster

43. Fische im Fenster

In der Schlossstraße, eine der beiden Hauptstraßen Kaltenhavens, die ihren Namen vom ehemaligen Schloss herleitet, welches als Sitz der alten Barone, Grafen und wasweißich wie die Herrscher damals tituliert wurden, auf dem heutigen Schlossplatz emporragte – man sprach von einer lichten Höhe des Turms des Westflügels von satten 45 Meter über dem Meeresspiegel …

Mir scheint, diese Angaben sollten in einem gesonderten Bericht Erwähnung finden und gebührend ausgebreitet werden.

Jedenfalls. In der Schlossstraße fügt sich der Fischladen »Aal & Wal – frisch von der Flosse« in die Reihe der üblichen 1-€-Läden und Nagelstudios und Klamottenstübchen ein und teilt sich die Brandmauer mit der Hauptniederlassung der Backstubenkette »Freudenbrot«. Die Angebote in der Fensterfront des Fischladens zeigen sich von ihrer erfreulichsten, sprich fischigsten Seite. Nicht nur Matjeshappen, Seelachs auf Eisstückchen und die berühmten Schillerlocken buhlen um die Gunst der Vorbeidefilierenden, sondern auch die an der Fensterscheibe klebende Hackfresse des Inhabers Justus Kieling.

Hatte ich Hackfresse gesagt? Sorry.

Das, was die Hackfresse an verbalen Hackfressportionen so im Laufe des Tages ausspuckt, macht im Ort als Wunder der Worte die Runde, auch als Weisheiten mit Wohlklang, als Wertstoffe im Wirken der Würde, überhaupt alles, was mit W anfängt (Wolle, Wald, Wirsingkohl, Walter von der Vogelweide, Wasserklosett, Wartungsintervall u. a.).

»Da«, spricht Kieling, »läuft der alte Richter Bohtmer. Dem eilte der Ruf ›Fallbeil des Nordens‹ oder auch ›Guillotine von Kaltenhaven‹ voraus. Bei jeder Gerichtsverhandlung, die er leitete, war der Angeklagte vom Schafott nicht weiter entfernt als ein roter Herzbube von der Herz-Dame. Der Bohtmer hat mehr Lebensjahre eingebuchtet als er jemals wieder von seinem Sündenbuckel abraspeln kann.«

Kieling spuckt an die Scheibe vor Verachtung.

So kennen ihn die Einwohner.

Zu jedem, der vorbeigeht, zieht der Fischhändler eine Geschichte aus seinem Wundergedächtnis. Überhaupt verkauft Kieling seine Fische nur an Kunden, die ihm ihr Ohr leihen. Wer eine Schillerlocke erstehen will, muss den Lebenslauf von Juanita anhören, einer Dame aus Mexiko, die den Schreiner Brockhorst in ihre Klauen bekam und existenziell vernichtete. »Schon davor gab es mehr als nur eine Vorgeschichte«, sprühte Kieling Feuchtigkeit in die Auslage, »und als Ergebnis kannst du die Leichen zählen. Ich erwähne den Malergesellen Franzeck, das ist der, der drüben vor dem Reformhaus herumgammelt und den Bettelmann abgibt mit seiner kaputten Gitarre, und wo ich schon bei der Musik bin, den Schifferklaviervirtuosen Alwin von Hagen hat die mexikanische Braut in die geistige Nacht geschickt mit ihren feurigen Augenpupillen. Nicht zu vergessen Opa Krakau, genau, dem hat die Juanita derart Pfeffer ins Gemüt gestreut, dass ihm seine dicken Eier aus der Hose gefallen sind und seine gesamten Ersparnisse sowieso, du weißt schon, die angeblichen Ersparnisse, Ersparnis in Anführungsstriche, denn uns Ortskundigen fallen dabei sofort die geheimen Kassen des Iwan ins Gedächtnis, weil, der Opa Krakau soll beim Iwan gedient haben, undercover, mit allem Pipapo, und sogar mal sieben Agenten ermordet haben, also nicht auf einmal, sondern peu á peu, wie sich das gehört für einen Staatsdiener in geheimer Mission. Nur bei der Juanita, da hat ihm seine Kalaschnikow nix genützt, die lag ja auf dem Dachboden und der Krakau unter der Juanita, und das ist der Grund, warum er jahrelang da hinten im Kiosk gehockt hat und die Leute angepfiffen.«

Wer bei Kieling ein Fischbrötchen ordert, bekommt das gärtnerische Desaster von Studienrat Eisenhauer zwischen die Brötchenhälften gratis geliefert. »Das war so«, pflegt Kieling jedes Mal den Grundstein seiner Story zu setzen, wobei er darüber manchmal den Matjes vergisst, »der schlaue Lehrer wollte alles besser wissen als sein Nachbar. Von Naturlyrik besessen war der. Den Giersch hat der einfach auswuchern lassen. Bis sein Nachbar mit dem Gasbrenner kam.«

Mehr will der Kunde nicht wissen.

Gerade läuft die junge Lea Korditzke vorbei. Fischhändler Justus Kieling läuft zu Hochform auf, und wir wenden uns von der Fischfensterseite ab, an der seine Hackfresse klebt wie eine Nacktschnecke am Rhabarberblatt. Beim »Freudenbrot« nebenan liegen für uns leckere Käsebrötchen aus. Die Verkäuferin soll einen Sprechfehler haben.

Nächstes Mal erzähle ich von Rajifas Freitod, dem neuen Romankonzept unseres Heimatdichters Hans-Erwin Fuchs.

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