44. Rajifas Freitod

44. Rajifas Freitod

Konzept eines Jugendromans, in dem Belehrung und Moralvermittlung Hand in Hand gehen.
Heimatkrimiautor Hans -Erwin Fuchs überrascht hier mit einer Facette seines Könnens, von der er sagt, sie sei ihm quasi von der Feder gesprungen.

Rajifa (ausgesprochen Chradschiffah, hier lernt der Jugendliche frühzeitig die Aussprache fremdethnischer Menschen, Vorurteile  werden abgebaut), Rajifa also, ein lesbisches Sintimädchen halbjüdischer Herkunft, muss mit ansehen, wie ihre gesamte Sippe von den Nazischergen ins KZ verschleppt, gefoltert, verstümmelt sowie anschließend ermordet wird. Sie selbst wird beiseite geschleift zum Zweck der Mehrfachvergewaltigung, aber fünf Zentimeter vor jeder anstehenden Penetration kommt ein Bombenalarm dazwischen, und die Naziknechte flüchten in den Luftschutzkeller (Für die jungen Leser wird die Information eingefügt, dass die Geschichte um das Jahr 1943 spielt, also vor 100 Jahren, und dass damals ein sogenannter Weltkrieg »tobte«, angezettelt von bösen Menschen, die sich Nazischweine nannten).

Rajifa (deutsch: Die Besenreine) kann dem KZ (Abkürzung für eine Einrichtung, die der Jugendliche nicht buchstabieren kann, siehe Pisa-Studie), also weiter, Rajifa kann dem KZ abenteuerlich entkommen und taumelt nach einer Odyssee durch rattenverseuchte Kanalisationsröhren in die Arme des niedersächsischen Bauern Gerold Janssen, der sie in seine Rübenmiete einquartiert (der junge Leser lernt, dass das Wort Miete auch Grube bedeuten kann! Sprache wird als zwielichtig erkannt). Hier, in der muffigen und dunklen Gruft, beginnt sie ein Tagebuch, das sie mangels Papier auf Rübenblätter schreibt, und zwar mit ihrem eigenen Blut. Doch ach, der Bauer hat sein unsittliches Auge auf das ausgeblichene Mädchen geworfen, und eines Nachts steigt er in die Grube, um ihr Gewalt anzutun. Ein Fehler, denn er hat nicht mit seinem 12jährigen Bub Horst-Wilhelm gerechnet, der sich schon seit Ewigzeiten mit der rehäugigen Rajifa quasi verlobt glaubt.

Mit einem Huflattich erschlägt er seinen Vater, so wie man auf dem Felde einen wilden Ochsen niederstreckt. Davon wird er später lebenslänglich berichten.

Vor all dem Gräuel und Huflattichgemetzel flieht Rajifa ins Freie. Hier oben ist seit vier Jahren der Krieg vorbei, wovon ihr aber der hintertriebene Bauer kein Wort mitgeteilt hat. Historisch unbelesen hält das arme Geschöpf die nunmehr von allen Seiten frenetisch bejubelte Demokratie für eine erneute Terrormasche der weißhäutigen Menschen. Sie verliert alle Hoffnung sowie die Orientierung, denn der Akku ihres Navis war längst leer (dass es damals gar keine Navis gab, erzählt man den Jugendlichen lieber nicht, weil sie sich sowas nicht vorstellen können und dann die ganze Story wie auch den Weltkrieg für erlogen halten).

Während ihrer Suche nach ihren eigentlichen Ich erblüht auf der Jungfrau Wangen die Pubertät mit all ihren Errungenschaften und Einzelheiten (Pickel und Pusteln; die Jugend wird da abgeholt, wo sie steht). Ein gutsituiertes Ehepaar aus Braunschweig (der queere Mann ist Richterin am Landgericht) sieht das schwer mit sich ringende Sinti/Roma-Mädchen (nicht »Zigeuner«, das Z-Wort ist tabu) auf dem Domplatz traumatisieren, nimmt es bei sich auf und pflegt es mit der Hingabe echter Eltern, eine Surrogathandlung, denn ein eigenes Kind kam nicht in die engere Auswahl der Möglichkeiten, da die berufliche Anspannung des Vaters (Vaterin) keinen Spalt breit für Nachkommen produzierende Maßnahmen ließ, nicht zu reden von Stolpersteinen, die die Queernis des Vaters (Vaterin) auf der Latte hatte, beziehungsweise eben nicht.

Die Ausmalung realistisch dargestellter Einzelheiten treibt die Handlung voran. Der Roman bedient sich dabei mehrerer Perspektiven und Ebenen, ein raffinierter Kunstgriff. So wird zum Beispiel die gesellschaftlich tabuisierte Präferenz Rajifas zum weiblichen Geschlecht thematisiert, und zwar aus der Sicht ihrer Transfreundin Karl-Heinz, die sich dabei selbst entdeckt, ein aufschlussreiches Kapitel zu Emanzipation, Diversität, Toleranz, Ichfindung, Selbstermächtigung, Buchstabensalat (LBGTQ+) und überhaupt.

Zu kurz kommen auch nicht die Nöte und Ängste, die Rajifa als junge Frau modellhaft in der männerdominierten Welt erleiden muss. Ihr migrantischer Hintergrund als Auslöser für unsägliche Diskriminierungen im ÖPNV lässt keine Wünsche an Gestaltungstiefe offen.

Als Dank für die uneigennützige Fürsorge ihrer Pflegeeltern gibt Rajifa ihnen Einblicke in Gepflogenheiten von Multikulti. So zeigt sie ihnen, wie man eine koschere Pudelmütze backt, ein Fladenbrot bügelt oder eine Sinti/Roma-Gitarre Django-Reinhardt-mäßig auf 80 Sachen beschleunigt.

Natürlich steuert diese zusehends beklemmende Entwicklung auf einen alles in Frage stellenden Schicksalsschlag zu (Plot Point, geschickt vorbereitet), dem Tag, an dem Rajifa erfährt, dass ihr geliebter Ziehvater während der Nazizeit der bestialische Kommandeur des KZs war, in das Rajifa mit ihrer Familie verschleppt wurde, ja, dass er und nur er es war, der den Tod ihrer Sippe in sein Kerbholz auf ewig eingeschnitzt hat.

Kurzum: Rajifa sieht ihren Lebenssinn dahingerafft und aufgesogen. Der Freitod erscheint ihr als der einzige Ausweg aus dem unerfreulichen Dilemma. Vorher jedoch ordnet sie noch die Rübenblätter (ihr altes Tagebuch), denen sie sich anvertraut hatte bis zum fiesen Ende (die Rübenblätter erscheinen demnächst unter dem Titel »Rübenblut aus dem Loch der Finsternis – Ein Blog gegen das Vergessen«).

Doch dann, auf der letzten Seite des Romans, platzt ein Knalleffekt in die ermatteten Zeilen, eine überraschende Fügung des Schicksals! Darüber wird hier natürlich nichts verraten, nur soviel, dass ein noch schrecklicheres Ereignis eintritt, welches alle Mühen vergeblich macht, sogar die des Romans, des Plot Points und die der Rübenblätter sowieso.

Ein Meisterwerk von Hans-Erwin Fuchs, wie nicht anderes zu erwarten.

Nächstes Mal erzähle ich vom Gründungsmythos Kaltenhavens

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