Wann Kaltenhaven zum ersten Mal in den Büchern erwähnt wurde, ist umstritten. Die Daten über den Gründungsmythos variieren, je nachdem, wer die Hochheit über die historische Wahrheit für sich beansprucht. Besonders vehement setzt sich der Leiter der Bibliothek, Dr. Wegeleben, für seine Version ein, bei der ein Wanderschneider namens Jonathan Blattgold die entscheidende Rolle spielt. Der nämlich müsse als Gründungsvater der Stadt in die Herzen der Einwohner gepflanzt werden, nichts weniger. Denn der habe sich hier als Erster sesshaft gemacht. Wenn auch unfreiwillig. Blattgold sei auf seiner Wanderschaft von einem vorbeitrottenden Wisent oder wisentähnlichem Getier auf die Hörner genommen und in die Luft geworfen worden. Dort oben sei er herumgewirbelt. Auf die Schwerkraft habe er g’schissen, wie der Blattgold räsoniert habe. Dabei war die Schwerkraft noch gar nicht erfunden. Na, den Rest habe die Erdanziehungskraft erledigt, auch so eine Erfindung, von der niemand weiß, wie sie genau funktioniert, Hauptsache, es fliegen einem die Eicheln nicht aus dem Sack. Gut. Der Blattgold Jonathan, Wanderschneider und Flugpilot, ist aus besagten Gründen der verschiedenen Kräfte auf die Lichtung heruntergefallen, auf der heute die Kühe von Bauer Ferdi Jabusch weiden. »Jedenfalls«, sagt Bibliothekar Wegeleben, »es war klar, dass Blattgold einen Hirnschaden davongetragen haben musste bei dem Fall aus 30 Meter Höhe. Er rammte in den Matsch und kam nicht mehr weg vom Fleck.«
Bei dieser Aussage erschallt Widerspruch. »30 Meter durch die Luft?«, spottet Studiendirektor Flemming vom Klopstock-Gymnasium, »warum nicht gleich mit Überschall in die Umlaufbahn, Mondlandung nicht ausgeschlossen?«
Dr. Wegeleben lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Jedenfalls. Da hat es gefunkt. Beim Schneider. Beim Blattgold, Jonathan. Ein Wink von oben, muss er sich gesagt haben. Er hat dann seine Schere, Nadeln, Nähstricke, Fell- und Tuchreste ausgebreitet und auf Kundschaft gewartet. 40 Tage lang hat er da gesessen. In den Sand hat er Kleidermodelle, Damenrockentwürfe und Schnittmuster gefurcht und dabei ein Schneiderlied gepfiffen. Na, er hätte sich besser vorher informieren sollen. Denn die Kaltenhavener, die es damals noch gar nicht gab, wohnten probeweise im Nachbarort, welcher erst zwei Jahrhunderte später in die Annalen einging, nämlich als Brutstätte von Podagra, deshalb auch der Ortsname Podagrabing. Jedenfalls.« Dr. Wegeleben hat die Angewohnheit, als Über- sowie als Einleitung und Hüstelersatz seinen Wortmeldungen ein Jedenfalls voranzustellen. »Jedenfalls. Der Schneider Blattgold war praktisch am Verhungern.«
»Am Verhungern«, echot Studienrat Flemming, »wie kann einer verhundern, der überhaupt nicht da war. Der nirgends erwähnt wurde. Keine Zeile im Kirchenbuch. Kein Grabstein. Keine Geburtsurkunde. Nix. Dagegen der Fischer Renken, Hauke. Von dem gibt es sogar ein Epitaph, an seinem Grabkreuz, unten, wo die Gräser an seine Lippen kitzeln, an die Lippen des Epitaphs, bildlich gesprochen, quasi Poesi. Aber der Fischer verbrachte sein ganzes Leben in Renkendorf, drüben auf der anderen Seite des Moores.«
»Jedenfalls«, fuhr Dr. Wegeleben barsch fort, »kam einmal ein Hüttenweib aus dem benachbarten Podagrabing vorbei und stopfte dem Schneider einen Hering in den Mund. Blattgold, durch Dehydration arg verwirrt, machte dem Hüttenweib fischbetrunken einen Heiratsantrag. Das Hüttenweib, es konnte sich auch um ein Barackenweib handeln oder sogar um ein Katenweib, so genau nahm man das damals nicht, Hauptsache ein Weib aus einer dieser Behausungen am Rande des Moores, nahm den Heiratsantrag freudig an, wohl, weil es selbst zu wenig Flüssigkeit zu sich genommen hatte. Die beiden zogen nach Podagrabing und gründeten die berühmte Schneiderdynastie Blattgold & Zwirn, der Name sagt omen ist nomen. Kaltenhaven aber blieb unbewohnt.«
Zufrieden lehnt sich Dr. Wegeleben zurück. »Jedenfalls. Das war das Gründungsjahr unserer Stadt.« Er nimmt ein kräftigen Schluck vom ›Fuseler Darmbrandbeschleuniger‹, dem Selbstgebrannten des Heimatdichters Gregor Fuseler. Denn gegen die Dehydrierung ist gut saufen.
Nächstes Mal erzähle ich aber die wahre Gründungsgeschichte des Ortes, die, wo sogar ein antiker Grenzstein alle Zweifel aus dem Wege räumt.
