Wer das Gründungsjahr von Kaltenhaven wissen will, braucht nur zum Grenzstein am Dreiländereck Kaltenhaven – Podagrabing – Renkendorf zu pilgern. Auf dem Stein sind die Ortsnamen sowie ihre Gründungsdaten eingemeißelt.
Aber natürlich.
Wie die Menschen so sind.
Sie glauben nix.
Sie zweifeln.
Sie wissen alles besser.
Heimatdichter Gregor Fuseler, der Brenner des Fuseler Darmbrandbeschleunigers, welcher die ortsansässige Anstalt vorzüglich mit Klientennachwuchs versorgt und somit zum Gelingen des Gemeinwohls beiträgt, nicht nur wegen der Vollbelegung der Zellen, sondern auch was das Absingen von schweinischen Liedern angeht oder das Pinkeln gegen die Polizeistation, übrigens ein selbstmörderisches Anliegen, hier erwähne ich nicht zum ersten Mal die Präsenz des dicken Lehmann, Wachtmeister, Knüppelschwinger, Mordbube im Schafspelz eines Uniformierten, dieser Fuseler, pass auf, jetzt bin ich wieder beim Schnapsbrenner, der noch zu jedem Wort mit hochprozentiger Gewissheit (hochprozentig: hahaha) einen kulinarisch gesalzenen Poetenreim aufbringt aus seinem unerschöpflichen Denkkrater, darin sich die Verse tummeln wie die Sauen von Bauer Jabusch im Kotförmigen ihrer eigenen Austreibungen – hier fehlt das abschließende Verb, deshalb zurück zum Grenzstein, auf dem das Gründungsdatum Kaltenhavens, siehe oben.
Aber bittschön in kurzen Sätzen.
Vormals ein Gedenkstein. Der Grenzstein. Ein Gedenkstein zum Gedenken (ja was denkst du) an die Resi. An die Nettelbeck Resi. Du musst wissen, dass die Resi ein Vorfahr des Kantors der Nikolauskirche war, Ephraim Nettelbeck. Also genauer eine Vorfahrin. Wie weit die Fahrin schon vorfahrend war, ob Vorfahrin nur oder Vorvorfahrin oder – noch weiter ausgeholt – Vorvorvorvorundsoweiterfahrin (manche sagen auch Vonvornfahrende, um das Sichtfenster des Hintendreinfahrenden zu illustrieren), das gibt der Grabstein an Auskunft nun doch nicht her.
Warum der Grabstein der Rosi Nettelbeck sich zum Grenzstein im Dreiländereck hergeben musste, darüber schweigt der Nettelbeck Ephraim, weil, die Geschichte wirft kein Ruhmesblatt auf seinen Vorvorfahrenden.
Das war so: Rudolfo Nettelbeck, der Vorvorundsoweiterkantor der hohen Herrschaft Kaltenhaven, war in Liebe zu der durchwandernden Pflaumenpflückerin Resi, Nachname unbekannt, entbrannt und hatte nichts Eiligeres zu tun, als diese aufzulauern und zu schwängern. Wie es damals nicht von ungefähr und überhaupt gang und gäbe war, verstarb die schicksalsgebeutelte Frau, zwangsverheiratet wiewohl nicht unzufrieden dabei, kurz nach der Geburt ihres Sohnes Johannes, dem Vorvorundsoweiterfahren unseres Ephraim.
Dem Rudolfo schwanden die Sinne vor Herzeleid. Nie wieder sollte er sich erholen. Bald auch schwanden seine Bemühungen um die Einhaltung der kantorischen Rituale als da sind Orgelspiel, Chorleitung und bürgerliche Führung seines Alleinerziehendenhaushaltes. Es schwanden aber auch die Rücksichtnahmen der Kaltenhavener auf seine Trauerarbeit, wie man heute sagen würde, und damit schwand auch das Einkommen des Kantors. Sein letzter Groschen fiel in die Tasche des Steinmetzes, der den Grabstein der Resi besorgt hatte und nun auf diesen festsaß, künstlerisch zwar in meisterlicher Manier in Szene gesetzt, doch halb bezahlt, in Pfand genommen.
»Was bleibt mir anderes übrig!« Dieser Ruf des Steinmetzes klingt noch heute in den Ohren der Kaltenhavener, und wenn jemand dort sagt »Was bleibt mir anderes übrig«, dann drückt er damit aus, dass er aus finanzieller Not einen mit faulem Kredit belasteten Grabstein beim Straßenflohmarkt feilbieten muss, so, wie es der Steinmetz damals tat.
Die Herrschaft Kaltenhaven unter Führung des Häuptlings Edzard IV (der Grindige) hatte Erbarmen mit dem Steinmetz, erstand den Grabstein und transportierte ihn zum Dreiländereck Kaltenhaven – Podagrabing – Renkendorf. Wo er noch heute steht. Und auf der Rückseite von der Nettelbeck Resi können Touristen das genaue Datum des Gründungsjahrs von Kaltenhaven ablesen, so, wie es damals Häuptling Edzard IV in Auftrag gegeben hatte. Dass er selbst des Lesens nicht kundig war und auch noch nicht die Kunde von den Ziffern und Zahlen vernommen hatte: Wurscht, damit konnte sich das niedere Handwerkertum herumschlagen, zum Beispiel der Steinmetz. Denn dem vertraute der Häuptling Edzard IV blindlings. Der Kerl konnte stotterfrei fünf verschiedene Jahreszahlen aufzählen und drei davon sogar in den Stein meißeln.
Nächstes Mal enthülle ich als Vorveröffentlichung eine literarische Großtat unseres Heimatkrimiautors Hans-Erwin Fuchs, der eine Staffel des Grauens mit dem Blut seiner Finger ins schreiend-gequälte Papyros geritzt hat.
