51. Sein letztes Wort

51. Sein letztes Wort

Amelie von der Straaten im Rausch der Romantik! Die Schriftstellerin aus Kaltenhaven beweist mit ihrem zweiten Roman, dass sie in der Welt der Literatur nicht umsonst als Königin der Herzen gefeiert wird. Kein Happy End diesmal, keine liebestrunkenen Küsse, sondern Schicksal, Herzklopfen, große Gefühle und zarte Anspielungen.

Amalie von der Straaten
Sein letztes Wort
Hin- und hergerissen zwischen den beiden Buben war die Evi, seit sie im Sandkasten spielten. Wie Kletten hatten sie zusammengehangen: Franz und Ullrich vom Bernbauerschweinemasthof und die Eva-Marie von Stadelturn. Vom Herrenhaus oben auf der Anhöhe hatten Evis Eltern voller Abscheu mit ansehen müssen, wie sich ihr Töchterlein mit dem Bernbauerpack abgab. Aber sie konnten ja schlecht einen Privatsandkasten neben dem Gemeindesandkasten vorhalten.

Ständig wetteiferten die Buben, wer von ihnen die Evi besser beschützen konnte. Wenn der Franz nassgepieselten Sand in Evis Ohren schmierte, sprang Ulli herbei und verpasste ihm eins, da blinkten die Sterne. Hatte Ulli aber die Evi angespuckt mit seinem Rotzschleim, na, da blitzte der Franz herbei mit seiner Schaufel, und hernach musste der Zahnarzt Überstunden schieben. Und wenn die Evi den Franz zwischen ihre Schenkel presste, bis ihm das Blut aus den Ohren schoss, musste Ulli die Rettung rufen. Am liebsten hätte Evi sich beide vorgenommen, einer nach dem anderen, aber die Dörfler zischelten bereits über den Wildfang. Und oben, im Herrenhaus derer von Stadelturn, lud der hauseigene Jäger Hubertus seine Bärenbüchse, um die unstandesgemäßen Schweinehirten ins Armageddon der Endzeit zu ballern.

Weder für den einen noch den anderen konnte Evi sich entscheiden. Erst 15 Jahre später, in der Mensa der Universität, an der Evi Arabistik studierte, schied sie die »Spreu vom Weizen«, wie sie unbeschwert daherlachte beim Pasta-Bolognese-Schlingen. »Spreu ist cool«, brüllte ihr Kommilitone Eberhard und quetschte ihr einen blauen Fleck auf den Arm, »dann wollen wir mal das Korn mahlen.«

Eberhard galt als Intelligenzkrepierer mit millionenschwerer Erblast. Welche Studentin hätte nicht ihren letzten Tanga gegeben für die Millionen bzw. die Zuneigung des Brüllaffen, wie sie ihn kumpelhaft neckten. Alle neideten Evi ihr Glück. Sie, die Müffelnde vom Dorf, hatte ihre wahre Liebe gefunden. Nur manchmal, wenn sie sich in arabischen Schriftzeichen verhedderte, dachte sie an die Bernbauerbuben, die daheim die Schweine mästeten. Den Franz hätte sie zu gern noch einmal zwischen die Schenkel geklemmt.

Die Jahre verflossen. Brüllaffe Eberhard hatte das Immobilienimperium seines Vaters weiter ausgebaut. Kinder wollte er keine, »Firlefanz für Hormongeschädigte«, wie er im Brüllmodus vortrug. Evi litt darunter. Wie gern hätte sie einen süßen Säugling an ihre Brust gelegt. Die Arabistik hatte sie inzwischen mit dem Studium der Kunstwissenschaft getauscht. Kunst, ihr Ersatzsäugling, ihre Leidenschaft. Mit den Millionen ihres Brüllgatten Eberhard baute sie international angesehene Galerien auf, in New York, London, Paris, Zürich.

Eines Tages wurde ihr die E-Mail-Adresse eines geheimnisvollen Künstlers namens Kantor zugesteckt. Niemand schien ihn persönlich zu kennen. Kantor prangerte die Ungerechtigkeiten der Welt an Häuserwände und Grenzmauern, blieb selbst aber im Verborgenen. Auf Evis E-Mail antwortete der Künstler mit einem Gedicht! Zwischen den beiden entwickelte sich eine intime E-Mail-Korrespondenz, zarte versteckte Andeutungen zwischen geschäftsmäßigen Zeilen. »Ich will dich ganz und gar, du mein Pinsel der Offenbarung«, schrieb sie mit aller gebotenen Zurückhaltung, und er antwortete: »Dich zu pudern mit den Quasten meiner Lenden düngt mich angemessen, düngt uns als Gebot unserer Vibrationen.« Düngen statt dünken! Welch anspielungsreiches Wortspiel!

Tausend Wortspiele flogen wie zwitschernde Kolibris zwischen ihnen hin und her. Und mit der Zustimmung ihres geheimnisvollen Kantor durfte Evi endlich auch eine Ausstellung mit seinen Werken eröffnen. Doch es kam zu einem Eklat, der die Kunstszene erschütterte. Ein ungehobelter zottelbärtiger Kerl in einer stinkenden Joppe und in Gummistiefeln grölte am Eingang, er wolle zur Evi, die wüsste schon und ab dafür, Platz da. Evi hörte den Tumult, vernahm die Stimme und sank darnieder, die Hände ans Herz gefasst. Franz! Oder war es Ulli? Schon im Sandkasten hatte sie die Stimmen der Brüder nicht unterscheiden können. Wer von den beiden da auch randalierte, ihr Herz wurde bleiern, ihr Magen rumorte. Waren das die Schmetterlinge im Bauch, von denen immer erzählt wurde?

Der Tumult wurde lauter, jetzt warf der Eindringling mit Kaviarhäppchen auf die Gemälde und erbrach unartikulierte Laute sowie halbverdaute Fleischbröckchen. Man rief Hubertus, den ergrauten Hausjäger derer von Stadelturn. Dem treuen Alten standen schon die ewigen Jagdgründe in die Runzeln geschrieben. Evi hatte ihm ein Gnadenbrot gewährt als Aufpasser, für ein wenig Kautabak und freie Samstagnachmittage. Noch einmal sollte er seines Amtes walten. Und da stand er mit seiner Bärenbüchse in der zittrigen Greisenhand. Ein Schuss löste sich, der Alte fiel, vom Rückstoß zurückgeworfen, aber die Kugel hatte ihr Ziel erreicht. Tödlich durchlöchert sank der Zottelbart zu Boden. Evi beugte sich über ihn, wischte ihm die Strähnen aus dem Gesicht. Da gischtete die Flut ihrer Tränen über ihn und wollte ihn schier ertränken. Denn kein Geringerer als Franz verendete dort, der Bernbauerbube. »Meine Evi«, röchelte der Dahingehende, »die Kuh hat gekalbt und der Eber will die Sau düngen …« Hier brach sein Auge, seine Faust öffnete sich, und ein Künstlerpinsel entglitt seinen erkaltenden Fingern.

Evi erstarrte. Düngen! Düngen statt Dünken. Der Kantor! Und so, wie der Schleier fiel, versank Evi in eine barmherzige Umnachtung, in der sein letztes Wort wie ein ersterbendes Leuchten an das Tor zur Ewigkeit pochte: Düngen.

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