52. Der Märchenonkel kommt

52. Der Märchenonkel kommt

Wie jedes Jahr zur Vorweihnachtszeit besucht der Märchenonkel die ›Mondschaukel‹, die Kindertagesstätte von Kaltenhaven. Die Kinderlein warten schon ungeduldig, denn der Märchenonkel mit seinem Zottelbart hat immer ein aufregendes Weihnachtserlebnis in seinem Rucksack, und auch die Eltern, die sich diesmal dazugesetzt haben, freuen sich auf die Lesung, wenn auch mit klammen Ahnungen. Doch dem Märchenonkel gelang es noch jedes Mal, die Kinder in eine glöckchenklingende Fantasiewelt zu entführen.

»Eines Tages liebe Kinder, es war fünf vor zwölf, legte der Paketzusteller das Amazonpaket vom Nachbarn vor die Tür. Was da wohl drin war? Ich rätselte lange und umkreiste das Paket wie ein Wolf das verängstigte Lämmlein. Schließlich gab ich auf. Ich pfiff nach meinem Jagdhund Klopstock und begab mich mit ihm in den verschneiten Wald. Die Zweiglein raschelten …«

»Unser Hund heißt Dieter, der sabbert immer und pupst und pieselt ans Tischbein.« – »Sei still Jerome! Der Märchenonkel kommt sonst noch aus dem Konzept.«

»Wir beide, also Klopstock und ich, wollten nämlich einen fetten Trüffel jagen«.

»Mami, was ist ein Trüffel?« – »Ach, so eine Art Kartoffel oder Kaugummi. Die kann man essen.«

»Ihr müsst wissen, dass mein braver Hund Klopstock jeden Trüffel auf zwei Kilometer Entfernung riechen und totbeißen kann.«

»Mami, ich will auch einen Trüffel haben.« – »Ruhe, Cynthia, der Onkel ist grad so schön am Sabbeln«.

»Mühsam stapften wir durch das berstende Unterholz, als uns plötzlich eine riesige Gestalt den Weg verstellte. Ihre Augen glühten und blendeten uns mit ihrem Lichtstrahl wie zwei 1000-Watt-Halogenscheinwerfer. Nun ratet mal, wer dieser Riese war, na?«

»Ein Trecker! Papi, ich will auch einen Trecker haben.« – »Ruhe Timo.« – »Stimmt gar nicht, das war der Lampenhändler!« – »Willst du wohl deine Gosche halten, Jerome!«

»Aber nein, liebe Kinder, das war kein Trecker. Denkt mal an die glühenden Augen.«

»Ein Zahnarzt! Mami, bestimmt war das ein Zahnarzt. Ich hab Angst.«

»Weiter jetzt, liebe Kinderlein. Der Trecker, äh, der Zahnhändler spuckte grimmig ein flammendes Schwert in den Graben. Und was glaubt ihr, was ich tat? Ich kramte den Weisheitszahn hervor, der schon lange unter meiner Zunge geklemmt hatte und spuckte ihn auf das linke Auge des Riesen.«

»Herr Märchenonkel, wird das jetzt nicht zu brutal für unsere Kinder?«

»Brutal? Ha, die gucken doch alle schon Hardcore-Pornos und Splatterfilme. Jetzt aber, liebe Kinderlein, war der Koloss mit den glühenden Augen so richtig angepisst, und er schleuderte wutentbrannt einen explodierenden Schnellkochtopf in den Schnee.«

»Mami, ich will auch einen Kochtopf haben.« – »Herr Märchenonkel, was hat das mit dem Weihnachtsfest zu tun?« – »Mami, ich muss mal.« – »Ruhe Cynthia, wir gehen sowieso.« – »Aber ich muss wirklich.« – »Papi, ich will den Trecker haben.« – »Timo! Zieh dich an! Der Onkel ist fertig mit der Geschichte, die war doch schön, oder?« – »Einen Trecker! Einen Trecker!! Einen Trecker!!!«

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