54. Die 1000-Jahr-Feier I

54. Die 1000-Jahr-Feier I

Erster Anlauf

Zurück nach Kaltenhaven, der Stadt, an dem die Eulen unvorhanden sind und die Internetexperten unlangsam zu Gange kommen. Um das jetzt unerwähnte Unthema nicht unvollends abzuhaken und dieses »un« vor diesem und jenem, eine Manier, auf die ich unfrüher noch eingehen werde, zu begraben, wende ich mich ab und sammle mich.

Keine Frage, das war ein schlechter Anfang (ungutes Unende).

Zurück zum Grenzstein an den Lenden von Kaltenhaven, Podagrabing und Renkendorf. Die Behauptung, auf der Unvorderseite des Grenz- sowie gleichzeitigen Gedenksteins könne der Unbedarfte das Gründungsjahr Kaltenhavens ablesen, erweist sich als Legende, undurchsichtig im Ganzen, denn die Runen sind verblasst und die Daten in einer Schriftart gemeißelt, die dem Heutigen ungeläufig ist.

Gregor Fuseler, der Heimatdichter des kleinen Städtchens, hatte sogar einmal ein Poem über die Unmöglichkeit der Erkenntnis bzw. Übersetzung der Inschrift gedrechselt, ein Vierzigzeiler, verschollen bis auf den heutigen Tag, und das Gedicht war, wie die erwähnten Internetexperten einander zuspielen, gepresst wie dunnemal das getrocknete Blütelein ins feingeschöpfte Album, bildlich gesprochen, hier aber in den Schlund geschlotzt in einem Anfall von Rausch, der, wie alle Kaltenhavener aus eigener Erfahrung bezeugen können, ausgelöst wird, quasi also eingepresst, durch den Hochgenuss des Selbstgebrannten des Heimatdichters, dem ›Fuseler Darmbrandbeschleuniger‹, einem Jahrhundertereignis, dem noch kein Gaul gewachsen ist in menschlicher Gestalt.

Keine Frage, das war eine Abweichung, die ich besser hätte ungeschehen machen sollen, aber was steht, das steht, und wer den Radiergummi in seine Flossen nimmt, sollte aufpassen: Schnell ist ein Loch gerubbelt, und damit ist dem Zweck der Handlung zuwidergetan.

Andererseits. Endlich sind wir dem Grenzstein und seiner Inschrift nahe. Fuseler hatte ein Datum herausgelesen aus den Verwitterungen: 1000 Jahre! Also da stand nicht: 1000 Jahre sind nun vergangen, oh Wanderer, seit Kaltenhaven gegründet wurde. Nein, nein. Einfach nur die 1000! Die Zahl.

Fuseler sprang erleuchtet in seine Poetikstube und nahm Maß und Reim:

Tausend Jahre sinds nu her
seit der Kerl dort müssen musste…

Ein Schluck aus dem Kübel mit dem Darmbrandbeschleuniger verhalf zu weiteren Reimeinsichten:

Ein Schluck und noch ein Schluck und noch einer,
dann kommt der Förster mit dem Abfalleimer…

Hier brach Fuseler seine Opus Magnum ab, um sich unter den Achseln zu waschen, da ihm deuchtete, dass der Geruch seiner selbst der Ideenschmiede, wie er seine Poetikstube nannte, nicht bekömmlich war. Nachdem er mit dem Fön sein hinderliches Feuchtareal gegenstandslos gemacht hatte, nahm er einen Schluck aus dem Kübel und vergaß alles, sogar die Zahl 1000, von der er heute behauptet, sie, die Zahl 1000, sei nichts als eine Fata Morgana, und wer darauf reinfällt, kann genauso gut eine Leberwurst essen mit Jahresringen und brünetter Schale.

Das »brünett« hat er dann zurückgezogen.

Dummerweise hat der Fuseler mit seinem Diktum (die Zahl 1000 gibt es nicht) ein Problem in die Kaltenhaverner Intelligenzia geschleudert, über das inzwischen 237 (zweihundertundsiebenunddreißig) Bürger verrückt geworden sind und in die Anstalt eingewiesen. Denn irgendein Witzbold, ich glaube das war der Studiendirektor Flemming vom Klopstock-Gymnasium, frug bzw. fragte inquisitorisch: »Wenn du das Zahlwort ›1000‹ (Tausend) aussprichst, dann hast du mit dem Benennen der Zahl 1000 diese erschaffen, wenn nicht einfach reproduziert. Was aber erschaffen wurde, existiert. Und was reproduziert wird, sowieso, du Aff!«

Das »Aff« hat der Fuseler einfach überhört. Gesagt hat er (na, eher gelallt): »Die 1000 steht für ein Nichts, das, so sehr es auch herumnichtet, zu keiner Emanation imstande ist. Das Nichts gibt es ja auch nicht, obwohl es als Wort existiert.«

Flemming wurde dringlich: »Mit dir red ich nicht, Säufer du, Schnapswarze. Aber zu allen anderen Kaltenhavenern: Das Wort 1000 ist in sich 1000haftig oder 1000artig oder, fürs Volk gesprochen: In seinem Selbst sowohl stellvertretend für die Menge als auch in sich unwesenhaft materialisiert.«

Die Diskussionen verlagerten sich dann in die sozialen Medien, und deshalb muss hier leider abgebrochen werden, um das Leben und die Gesundheit der Kaltenhavener zu schützen.

Hier komme ich aber auf den Anfang zurück, nämlich auf die Möglichkeit, durch ein «un« vor einem Wort dessen Gegenteil ins Ungefähre zu benetzen.

Gut (unschlecht). Das mag nicht jeden überzeugen. Beim nächsten Mal werde ich die Datumsfindung der Stadtgründung genauer umkreisen.

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