55. Der Wettbewerb – Das Rätsel der Runen

55. Der Wettbewerb – Das Rätsel der Runen

»Einen Wettbewerb müsste man ausschreiben.« Dieser Vorschlag kam von Heiner Merklein, dem liebestollen Finanzbeamten aus Kaltenhaven, der eher dafür bekannt war, sich als Köder, Erfüller und Vollstrecker weiblicher Begierden herzugeben statt sich für die Belange der Stadt einzusetzen. Als Grund darf vermutet werden, dass der aufrührerische Disput über die Runen auf dem Grenzstein an den Lenden von Kaltenhaven, Podagrabing und Renkendorf ihn in seiner Liebesperformance drunten im Keller des Finanzamtes erheblich störte. »1000 Jahre hin oder her«, erregte er sich beim Besuch der Ratssitzung, »wenn wir nicht Klarheit über den wahren Inhalt der Runen bekommen, sitzen wir noch weitere 1000 Jahre vor der Bruzzelbude ›Bratkolosseum‹ unseres geehrten Bratenbrutzlers Fidi Finkelstein und rhabarbern um das Thema herum, bis uns die Fritten zu den Ohren heraussprießen. Was sollen unsere Frauen denken, wenn wir uns in endlosen Rechthabereien beharken statt ihnen die ihnen zustehende Aufmerksamkeiten zukommen lassen? Nein, so nicht!«

»Wie dann denn?«, frug Ratsfrau Juliane Semmelweis in schläuischer Hintertriebenheit. Mit solchen Wortmeldungen sowie nächtlichen Privatsitzungen mit Bürgermeister Christian Woltersleben versprach sie sich einen Posten als stellvertretende Bürgermeisterin.

»Wie dann denn, wie dann denn«, äffte Heiner Merklein nach, dem es juckte, die Semmelweis in die Finessen des Finanzwesens einzuweisen, drunten in seinem Kellerbüro.

»Ja was wie?«, kam es von der Semmelweis, etwas verwirrt. Sie errötete, weil sie hinter den Worten des prächtigen Finanzgockels eine frivole Anspielung heraushörte.So direkt hatte der Merklein sie noch nicht angebaggert. Sie würde ihre Nachfrage nachher präzisieren müssen, vielleicht bei einem Glas Wein.

Bürgermeister Christian Woltersleben wurde es zu dumm. Die Situation drohte zu eskalieren. Erste Ratsmitglieder rüsteten sich schon zum Aufbruch, und zum Schluss lägen sich die Altkaltenhavener wieder einmal in den Armen, an der Theke vom Goldenen Frosch, und sie würden sich an den Taten des Dicken Lehmann ergötzen und mit Insiderstories aufpolieren und zum Schluss Verse des Heimatdichters Georg Ruseler zitierten, ein Hoch auf den Schnapsbrenner der unvergleichlichen, nie versiegenden, glückheischenden und wirkmächtigsten Poesie, die dem Darmbrand ihre Referenz …

»Deshalb«, unterbrach er das Getümmel, wobei er das äffische Getue zwischen dem Merklein und seiner Juliane – hatte er ›seine Juliane‹ hervorgedacht? –, die für seine Begriffe körperlich eine unangemessene Hitzigkeit ausstrahlten, in einem eifersüchtigen Anfall beobachtete, »deshalb rufe ich hiermit den Wettbewerb ›Das Rätsel der Runen‹ aus, und damit basta. Derjenige, der die Inschrift auf dem Gedenkstein zweifelsfrei entziffern in der Lage imstande zu sein vorstellig, äh…«

»Aha, derjenige also. Und was ist mit diejenige?«, fuhr Juliane genderisch dazwischen, um feministisch zu punkten und nebenher dem geilen Finanzbock einen Floh ins Gemächt zu stechen.

»Der Gewinner«, übertönte Woltersleben die feministische Störung, »darf auf eine Belohnung von 1000 Euro hoffen, und damit meine ich nicht die 1000 als 1000artigkeit nach der verquarkten Theorie unsere Dichters Fuseler, Georg, wonach die sogenannte 1000 gar nicht existent ist aus philosophisch-palaverischen Gründen, denn dann bekäme der Gewinner ja nichts als hohlen Luftraum, quasi 1000 Nichtse, hahaha, ja verdammt, wie das mit dem Nichts bestellt ist, hatten wir doch schon in der vergangenen Diskussion leidvoll ertragen müssen«, Wolterleben stockte kurz, »es muss Diskurs heißen, nicht Diskussion, und wer …«

Die Rede von Bürgermeister Christian Woltersleben uferte wie immer aus in dem Bemühen, sein Resümee in gestanzte Worthülsen zu gießen. Ein Fakt aber wurde protokollarisch in Stein gemeißelt, um eine Analogie zum Grenzstein sich entfalten zu lassen: Der Wettbewerb »Das Rätsel der Runen« war offiziell ausgeschrieben und erzeugte, wie wir im Folgenden erfahren werden, Antworten, bei denen »sich der Arsch in seinen eigenen Hosenträger beißt«, Zitat Ende.

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