5.3 The Cavestones

5.3 The Cavestones

​Der Übungsraum, den wir am gleichen Tag nach Ladenschluss besichtigten, erwies sich als zu feucht, zu kalt und zu niedrig, und die Sicherung flog schon raus, als wir sie argwöhnisch anguckten.

„Ohne Übungsraum mach ich nicht mehr mit“, erklärte Büsing kategorisch. Er habe nun schon zu viel Impetus reingesteckt, als dass er sich noch weiter aus dem Fenster hängen könne.

So sprach Büsing.

Er schien im Besitz einer höheren Logik zu sein, deren Gesetzmäßigkeit außer ihm niemand verstand.
Trotz – oder wegen? – seiner meistens nicht zu widerlegenden Schlüsse (weil außerhalb traditioneller Denkgewohnheiten) hatte er es an unserem Gymnasium als erster Schüler geschafft, mit einer 6 (SECHS) in Mathe bis zur 12. Klasse durchzukommen. Man munkelte, dass sein Vater, Fleischermeister Karl-Heinz Büsing, als Stadtratsvorsitzender und Elternvertreter, Ehrenmitglied der Freiwilligen Feuerwehr, zweimaliger Schützenkönig, Sponsor des Bechstein-Flügels für die Aula des Gymnasiums sowie –

Denk jetzt nicht das Falsche! Schau dir lieber das folgende Gedicht an.

Hast du Hunger auf ein Schwein,
geh zu Fleischer Büsing rein.
Drinnen findst du Wurst und Mett
reich gefüllt mit Schweinefett.

Denn Fleischermeister Büsing beehrte unser Tageblatt mit selbst gereimten Werbegedichten – ein Schöngeist, der auch als Sponsor für Kunst und Kultur hervortrat.

Wir von den CAVESTONES fassten einen schweren Entschluss: Wir wollten unsere Ehre für den hohen Zweck eines Übungsraumes canossamäßig in den Staub werfen, und das bedeutete, jetzt halt dich fest, dass wir zum Jugendpfleger der Stadt pilgerten, Veit Bergmüller, einem beleibten herrischen Schnauz im Bayernjanker (Typ Hausmeister, nicht zu sagen Blockwart), der auch als Präsident des örtlichen Lyra- und Fanfarenzuges auftrat und einmal im Jahr eine ‚Bayerische Woche‘ lostrat, bei der die Weißwurst kreiste und ein Jodlerwettbewerb im Suff versudelte.
(Ein Klischee wie aus einem Heimatroman. Ein falsches Klischee genaugenommen. Das richtige Klischee besagt, dass Leute, die in eine fremde Umgebung hineingepflanzt werden, weshalb auch immer, sich überanpassen. Der eingewanderte Türke wird ein 150%-Deutscher usw. Unser Veit Bergmüller erfüllte die Klischeevorgaben nicht. Er bockte, verweigerte sich dem vorgegebenen Friesentum, Grünkohl, Pinkelwurst, Matjes, Moin sagen, Gummistiefel. Er bestand auf seinem billigen Klischee, dem Abziehbild eines Urbayern).

Diesen Jugendverderber und Kulturschänder versuchten wir mit entwürdigenden Bittritualen weichzuklopfen (anbiedernde Anrede mit „Grüß Gott Herr Veit“, Scharwenzelpose, ständige „Ja mei“-Einwürfe, frenetisch-zustimmendes Kopfnicken). Er muffelte hundig in seinen Jankerkragen, erwähnte die Existenz von Friseuren, wies auf den ordnungsgemäßen Gebrauch von Seife hin und auf die Bedeutung einer feschen Erscheinung bezüglich der beruflichen Karriere, hielt einen Vortrag über das Entlausen und Desinfizieren, ging in sich und förderte dort, im finsteren Walde, wollt sagen, im Dunkel seiner Ahnungen einen Vergleich hervor – „Ein Demokrat ist wie ein Schwein ohne Schwanz“ –, worüber wir fleißige Anerkennungslaute und sogar einen Furz von uns gaben („Donnerwetter, so haben wir es noch gar nicht gesehen, da geht einem ja das Licht an“), aber schließlich zerfloss die Stahlhärte in ihm, und er gab gerührt nach. Von da ab konnten wir im Gemeindehaus üben mit der strengen Auflage, dort niemals ein Konzert zu veranstalten.

Ich muss dich jetzt mit einen billigen Witz belästigen. Weil er zu dem führt, was ich eingangs noch nicht erwähnt hatte: zu dem Wettbewerb Punch the Poem. Den Witz kennt jeder Mucker. Wir von den CAVESTONES hörten ihn bei unserem ersten Engagement. Wir sollten auf einer Hochzeit spielen, und wir ließen uns nicht lange bitten. Wir liehen uns eine 200-Watt-Verstärkeranlage aus, klinkten unsere Gitarren in die Buchsen und begrüßten die Hochzeitsgäste mit dem aufgestauten Elan monatelanger Proben. In dem 15-minütigen Intro ließen wir die Gitarren rückkoppeln, aufheulen und verzerren, verstimmten dabei ständig die Saiten, um eine düstere Weltuntergangsstimmung zu erzeugen und beschimpften die Hochzeitsgesellschaft als das, was sie war, ein spießbürgerlicher verlogener und scheinheiliger Schweineverein des Großkapitals, da kam der Wirt auf die Bühne gestürmt und schrie: „Ihr habt hier zweimal gespielt, das erste und das letzte Mal.“
Reiner Büsing forderte daraufhin die zweifache Gage. Seinen ausgeschlagenen Zahn konnte er noch vom Bühnenboden retten.

Wir hatten unseren Ruf weg. Niemand wollte uns mehr engagieren. Also nahmen wir die Veranstaltungen selbst in die Hand. Weil wir Blut gerochen hatten. Auf der Bühne herumspringen, die Verstärker aufreißen, unverständliche Texte brüllen, Gitarrenattrappen zertrümmern, das alles. Als Veranstaltungsort mieteten wir den Tanzsaal des Braunen Bären an, den wir und andere lokale Rock’n-Roll- und Hard-Rock-Bands mit irrsinnigen Lautstärken und schrillen Kampfansagen an das Bürgerpack erbeben ließen. Dabei kam es öfter als uns lieb war zu Handgreiflichkeiten verfeindeter Besuchergruppen, bis wir merkten, dass wir uns eine bessere Reklame nicht wünschen konnten. Krawall am Wochenende? Nichts wie hin. Den letzten Kick gaben dann die Gerüchte über Drogenhandel und -konsum während der Konzerte. Unsere Veranstaltungen genossen bald Kultstatus. An den Wochentagen gockelten wir besoffen von der eigenen Wichtigkeit durch die Straßen, und Groupie Birgit Schröder fraß vor Eifersucht auf heranschlängelnde Rivalinnen tonnenweise Schokoriegel in sich hinein. Wir wurden größenwahnsinnig. Wir weiteten das Programm aus, veranstalteten angebliche Kunstperformances, die wegen ihrer teils irren, teils anarchischen und oft ausufernden Zügellosigkeiten berüchtigt waren. Aus den verstaubenden Dörfern unserer Landkreises eilte das Jungvolk zu unseren Aufführungen, sensationslüstern, in Lauerstellung auf gesetzwidrige Darstellungen von Gewalt, Blutexzessen oder Unzucht oder auch auf die Chance, einen Städter zu verprügeln, auf die Bühne zu stürmen, um alles kurz und klein zu schlagen oder die elektrischen Sicherungen durchknallen zu lassen, wodurch schlagartig alle Lichter des Saals sowie unsere Verstärkeranlagen erloschen, ein Trick, den wir lange nicht durchschauten, bis wir einen der Landlümmel erwischten, wie er einen elektrischen Stecker ohne Anschlusskabel in eine Steckdose steckte: Die Pole des Steckers waren innen mit einem Stück Draht verbunden, also kurzgeschlossen.

Peng.



6.1 Der Lyrik-Wettbewerb

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