14 Der Kürassier von Monte Malo

14 Der Kürassier von Monte Malo

„Du willst es wirklich bringen?“, fragt Klöpper.

„Genau das will ich!“ Mein Entschluss steht fest. „Mein Entschluss steht fest.“

„Wozu in aller Welt diese Zwischenkapitel aus dieser irren Alpensaga? Sie sind kaum lesbar und haben absolut nichts mit deiner angeblichen Romanbiografie zu tun. Willst du den Leser quälen, und wir beide wissen, dass mit dem Leser nur einer gemeint sein kann. Keine weitere Erläuterungen meinerseits.“

Ich lehne mich zurück. Der Bügelverschluss der Bierflasche ploppt. Schaum tritt hervor.

„Ich bin dieses Geschreibsel der deutschen Literaten einfach leid, welche sich handwerkelnd zum Ziel- und Höhepunkt ihrer Lebensträume schrifteln, und die liegen in kurzer Reichweite: Mittelmaß. Angepasstheit. Kleinmut. Sprachliche Dürre. Beifall der Anspruchlosen. Literarisch gesehen: Wurschterzeugnisse.“

Klöpper ploppt dagegen: „Große Worte von einem Provinzheini.“

 

Der Kürassier von Monte Malo

(aus der Alpensaga „Im Schatten des Watzberges“)

Hinab galoppte der wilde Panzerreiter, Funkenschlag und Staubgewölle hinter sich lassend, und die Felssteinschwärme stoben auseinander von der Trappelwucht der Hufe. Mit seinem Rappen Heini Husten durchmaß der Kürassier Antoninus Rosenklamm die Schlucht der gesäbelten Siebenbürger – von weitem glockten schon die Erze, wummerten die Schallwellen von den Turmanlagen der Grafenburg, droben auf dem Monte Malo.

„Ho Heini ho!“ raunzte der Reitersmann seinem Rappen ins Ohr. Und der Rappe hustete eine Salve blutigen Schleims auf die kaltglänzenden Kiesel des Todestals, Echo auf Echo türmte sich an den Felswänden, und das höllische Gespann fegte grimm entfesselt durch den Karst, kein Gesäbelter hatte je Ähnliches erblickt. Es galt, eine lebenswichtige Botschaft zu überbringen, sie dem Grafen von Monte Malo vor die Füße zu werfen zur Rettung seines Hauses.

Plötzlich fanfarte ein Signal durch den Kessel aus Hufeisenschlag und Staubgestieber, von seitwärts brach es heraus, aus eine Felsspalte, noch unstet, noch zerfasert. War es die Vorhut der Rammbrigade des Feldwebels Korfhaut, der sich anschickte, den Weg des Kürassiers zu kreuzen, seinen Plan zu vereiteln? Wollte der harschknochige Haudegen dem Rappen ein Fuder Nagelklein in die Läufe kartätschen? Das Schmettersignal aus der Felsspalte pumpte und blähte im Takt, verlor an Kraft, hielt inne in einer Kakophonie aus Kreisch und Koller, klappte zusammen und implodierte. Ein Sog wie von tausend Laubsaugern fauchte auf und riss alles hinein in die Spalte, was nicht mindest das Gewicht eines Güterwaggons voll von Bleiplatten aufbrachte.

Dem Kürassier Antoninus Rosenklamm gelang es in letzter Sekunde, seinen Rappen mit einem Sporenstoß zum Todessprung zu schinden. Mit einem mächtigen Satz schnellte das Tier in das Düsterdunkel einer Höhle, die in einem Seitenwinkel aufschlundete und an deren Ende ein schales Licht glomm, welches ein Entkommen versprach durch heißbrodelnde Quellen und modrige Spinnengänge hinaus auf eine ungewisse Lichtung, wo der Generalissimus der gehorsamen Gebrestfacher auf sie wartete, um die Neuankömmlinge mit Eiterpest erklecklich zu versorgen und danach ins Fäulnisloch zu stopfen, darin sie von den triebigen Fleckfieberfachern einer fürsorglichen Behandlung zuteil würden.

Doch so weit kam es nicht, denn Heini Husten, der Rappe aus der edlen Zucht Ostgrotaniens, blieb quer im Gußeisenrahmen der Eingangsschleuse stecken, eingeklemmt im rostenden Zwangsbett des Pförtners, und darob entwich seinem Fell das Pigment der Rappenhaftigkeit – von den Nüstern an bis in die Schwanzspitzen: Heini Husten war zum Schimmel erbleicht.

„Das ist nicht mehr mein Heini“, klagte Rosenklamm bitterlich, „Husten war sein Name, doch nunmehr soll er Horst Leichenfeld geheißen werden.“

Und der Schimmel wieherte in ungeschminkter Tonart.

Und der Kürassier weinte im Gedenken an die vergangenheitlichten Abenteuer auf schwarzem Pferderücken.

Und der Schimmel wieherte ein zweites Mal, diesmal in absteigender Tonfolge.

Und der Kürassier strich herzwund mit der unbehandschuhten Faust über seinen lockigen Kopf.

Und der Schimmel wieherte ein drittes Mal mit empfindsamen Verzierungen im obertönigen Spektralbereich.

Und der Kürassier erschrak. In seiner Faust hielt er ein Büschel ergrauter Haare.

„Weh mir“, rief der Kürassier, „die Pracht meines Schopfes ist hin. Kein Härchen dockt mehr an auf dem Rund meines Hauptes. So will denn auch ich meinen Namen aufgeben. Egon Viertel soll ich fürderhin geheißen sein, Egon Viertel, genannt der Argonaut.“

Ein schwerer, ein falscher Entschluss, wie wir bald erfahren werden.

Und der Rappschimmel Horst Leichenfeld blies seine Nüstern auf, sprengte mit einem Huftritt der Verzweiflung das Zwangsbett des Pförtners und raste davon, noch Dekaden danach hallte der Fluch des Schlüsselknechtes von den Felsschründen. Ohne eine einzige Rast galoppte er durch die Nacht, bis die Silhouette des Monte Malo vor ihm aufstieg und den Mond verdeckte. Ermüdet sank Egon Viertel vom schweißdampfenden Rücken des Rosses und pochte an die Falltür der Grafenburg.

Doch der Zutritt wurde ihm verweigert. Zwei schattengleiche Wächter erhoben ihre Stimme und es klang wie aus einem Munde: „Einen Argonauten namens Egon Viertel, der mit einem Schimmel Horst Leichenfeld dahergegaloppt kommt, ist unsereins nicht bekannt. Da kann sogar kommen der Kaiser von Bratislavien, und es würde ihm kein Einlass gewährt.“

„Eine lebenswichtige Botschaft bring ich“, rief Egon Viertel, „es geht um das Schicksal des Grafengeschlechts samt und sonders und um die Belagerung von Australien in spe und um noch mehr.“

„Kein Einlass, kein Einlass.“

„Um einen fälschungssicheren Ausweis geht es und um den gelben Sack.“

„Kein Einlass, kein Einlass.“

„Um die Zwangsehe mit dem Buckligen geht es und um deren Verhinderung im Ganzen.“

„Kein Einlass, kein Einlass.“

„Um den Gottesbeweis geht es, er ist wohl geraten in der Schlafkammer der Witwe Hohler, und ich kenne die Lösung.“

„Kein Einlass, kein Einlass.“

„Dann geht es eben um die Verhaftung des Wachpostens der Grafenburg. Ergebt euch, oder es wird ein Wehleiden hoch vier einsetzen im Quadrat.“

Die zwei Schatten stoben von den Wachtürmen auf. In welscher Manier artikulierten sie den folgenden Stegreif:

„Verzieh er sich, bevor der Graf von Monte Malo es sich überlegt.“

„Was soll der Graf sich überlegen denn?“ frug vornehm der Egon Viertel alias Antoninus Rosenklamm oder umgekehrt.

Die Wachbrüder, ein Zwillingspaar aus dem Hause der Pfufften, überlegten lange. Der Tag schwand, der Abend breitete seine Galoschen aus, und die Nacht meldete vom Horizont aus die Ankunft eines Palettennaglers, der sich anschickte, die Grafenburg von Monte Malo mit einem undurchdringlichen Verhau aus eichenen Paletten einzusargen.

Flink hüpfte er herbei, der Palettennagler, und bevor der Morgen sein Grau ankleidete, war das Werk vollbracht und die Burg verbrettert.

Monat um Monat verharrte der Kürassier vor der Palettensperre. Keiner der beiden Wachbrüder ließ sich erweichen, ihn einzulassen, konnten sie doch selbst nicht den Bretterwall durchdringen.
Allein, Egon Viertel blieb hartnäckig. Mal versuchte er es mit Zaubervorführungen, mal mit dem Rezitieren eines Bettelreimes, mal mit dem sechsfachen Wechsel seines Namens, die da lauteten:

Wassily Schluterjanewski, der kurze Protektor

Konquistador Gaddagadda aus dem Reich des Goldes und der Honigmilch

Papst Innocent in der Eisenlunge

Karl Kot, Schwertträger am Hosenband

Dr. med. Udo Leibnitz, Sprechstunde nach Vereinbarung

Verpisst euch, ihr Saugesellen

Nichts konnte die Brüder überzeugen.
Als letzten, als verzweifelten Versuch, die Schattengesellen über den Balbier zu löffeln, entbot der Kürassier ihnen ein unmoralisches Angebot. Dazu zwängte er sich in ein Korsett aus fleischfarbenen Linnen, schnallte sich einen Busenbeutel gefüllt mit Baumschwamm um die Brust und schmachtete gen Burgtor: „Vor euch steht Katharina II, die Große Hure, bekannt für ihren unersättlichen Hunger nach geschlechtlichem Kanonenfutter. Für den Augenblick hat sie, das heißt meine Person daselbst, einen Jacher nach schamlosen Sex mit derer von den Pfufften. Greift nur zu, ihr wackeren Wächter, euch stehen Tür und Tor der Großen Hure offen, wenn ihr wisst, was ich meine.“

Einen Augenblick lang schwiegen die Brüder. Das unmoralische Angebot schien zu zünden. Sie schwankten, schöpften eine Prise Riechsalz aus ihren Haushaltsköchern und gaben nach einer Gedenkminute von ca. 20 Sekunden ihren Entschluss kund: „Kein Einlass, kein Einlass.“

Der Kürassier gab auf. Nach all den ergebnislosen Mutationen, die ihm die Nutzlosigkeit der Darwinschen Evolutionslehre vor Augen führten, sah er das Ende seiner Zeit gekommen, und er schaufelte sich eine komfortable Grube, in die er sich um Mitternacht legte, um zu sterben. Seine Botschaft nahm er mit ins Grab auf ewig.

Noch viele Jahre graste sein treuer Schimmel Horst Leichenfeld vor dem Burgvorplatz. Ihm wurde ein Denkmal errichtet, das ihn als den stolzen Rappen Heini Husten zeigt, in Klammern alias Horst Leichenfeld.

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