Kann ich mal ihr Bad benutzen?

Kann ich mal ihr Bad benutzen?

Zwei Männer stehen vor der Tür, Kripo, Mordkommission. »Haben Sie etwas Verdächtiges gesehen?«, fragt der eine, weil, es ist ein Mord in der Nachbarschaft geschehen. Blöde Frage, warum nicht gleich: »Wie heißt der Mörder? Wo wohnt er?« Plötzlich Pulleralarm beim anderen Polizisten: »Kann ich mal Ihr Bad benutzen?« Klar doch. Wir wissen, er ›muss‹ gar nicht, sondern zupft verstohlen ein Haar aus der Haarbürste zwecks DNA-Abgleich mit den Spuren am Tatort. Haben wir schon x-mal in anderen Fernsehkrimis gesehen. Ein gewitzter Mörder hätte längst Fremdhaare in seine Bürste platziert, weil er weiß, gleich kommen zwei Kripobeamte, und der eine will ins Bad.

Jetzt große Ermittlung: »Wo waren Sie zur Tatzeit?« drängt der Kommissar. Antwort, wutschäumend: »Das ist nicht ihr Ernst! Sie verdächtigen MICH, den Vater des Opfers? Ich werde dafür sorgen, dass Sie in Zukunft nur noch den Kreisverkehr regeln! Mein Freund, der Innenminister …« Worauf der Kriminale säuerlich auf seine Pflicht verweist, Routine etc.

Nur zwei Beispiele von vielen. Die Krimis, denen wir täglich ausgesetzt sind, scheinen aus einem Baukasten der Klischees zu stammen. Wehrlos müssen wir ansehen, wie Regisseure ausgelutschte Versatzstücke der Krimiliteratur aneinanderkleben, in denen die Ermittler wie Abziehbilder aus dem Spackenhabitat herumstapfen: Der Revierleiter ist ein Trottel, intrigante Kotzbrocken vom LKA übernehmen den Fall und witzeln über die depperten Provinzbullen, welche ihrerseits als Psychokrüppel durch die Wahnbilder ihrer Traumata irren.

Schauen wir aufs heutige Abendprogramm. Überraschung – ein Krimi! Sollte uns diesmal ein origineller Plot die Corona-Folter vergessen lassen? Da, die Titelmelodie verstummt, ein Toter liegt im Gebüsch, zwei graugesichtige Typen, offenbar der Klapsmühle entsprungen, nähern sich, klingeln, der eine will ins Bad, seine Kollegin stellt die bekannt blöde Frage, das Alibi platzt, und das Haar aus der Bürste überführt den Täter. Alles wie erwartet, kein Klischee ausgelassen, der Bierkorken ploppt, und bei Anne Will geht’s übergangslos weiter mit ranzigen Ritualen, tumben Themen und muffigen Mumien, Berichtigung, mit interessanten Gästen.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 08.05.2021, letzte Seite)

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