Die Wahrheit der Lüge

Die Wahrheit der Lüge

»Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners.« Das ist kein Zitat von Ex-Präsi Trump, dem solch geniale Gedankenflöhe höchstens im Suff zuzutrauen sind. Heinz von Foerster brachte den Tusch heraus, der Philosoph, der dem Konstruktivismus zugeordnet wird, welcher behauptet, wir würden die Wirklichkeit nur in unserem Hirn erzeugen, was wiederum an die Frage erinnert, ob wir das »Ding an sich« (I. Kant), das hinter den Erscheinungen lauert, adäquat erfassen können oder lediglich in den Grenzen der Möglichkeiten unseres Denkapparates.

»Nu mach mal halblang«, unterbricht mich Kollege Klöpper, »wer will denn in deiner Heim-&-Garten-Kolumne von so einem Dingsda lesen. Uns brennen ganz andere Fragen auf den Nägeln: Was findet die frauliche Frauke an diesem Jonas so unwiderstehlich? Fliegen vielleicht schon die Fetzen hinter den Mauern ihrer vorgeblichen Idylle?«

»Klatsch und Tratsch«, höhne ich, »mich bewegt dagegen: Wenn die Wahrheit eine Lüge ist, was ist dann die Lüge an sich, um mit Kant zu reden?«

Ich rufe Kuscheltherapeutin Susanne an und trage ihr das Problem vor. Sie schnappt nach Luft. »Lass dich mal untersuchen«, sagt sie. Dabei wollte ich ihr nur verpulen, dass wir alle in unterschiedlichen Welten leben – die Hirnforschung spricht von kontrollierter Halluzination – und wir deshalb nicht immer so selbstgewiss auftrumpfen sollten. »Guck dir die Coronaleugner an. Wenn das Virus sie befällt, schlucken die einen Liter Hustensaft und sterben dann an Grippe. Oder nimm das letzte Klassentreffen. Da erschienen Figuren aus dem Arsenal der Vermottung, die offenbar auf einer anderen Schule waren, was die so erzählten. Wir beschwindeln uns selbst.«

„Dann haben die Querdenker also recht?“ Susanne legt auf, bevor mein Stöhnen ihr Ohr erreicht. Hatte ich sie überhaupt in der Leitung? Oder war das eine Erfindung meines Denkapparates? Ich drücke auf die Wahlwiederholung. Eine seltsam gekünstelte Stimme jubelt: »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen. Nennen Sie bitte Ihr Bankkonto und das zugehörige Passwort, damit wir zwei Millionen Euro überweisen können.«

Susanne kann also sogar Scherz & Ironie. Ich geb ihr trotzdem meine Kontonummer. Zwei Mio Euro lässt man nicht so sausen.

Euer Heinzi

(Friesländer Bote, 15.05.2021, letzte Seite)

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